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Events | 05.03.2016

Als die große Autorin klein war

„Maikäfer flieg“ ist Christine Nöstlingers Geschichte. Die ihres „kleinen Ichs“ anno 1945 in Wien. Mirjam Unger bringt sie nun auf die Leinwand – und die „Diagonale“ eröffnet mit dem Film am Frauentag. Insider prophezeien jetzt schon viele Auszeichnungen.

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(Verliebt) In Zeitreisen: Die preisgekrönte Filmemacherin Mirjam Unger und Schauspieler Gerald Votava sind bei der Arbeit ein prima Team und auch privat ein Paar. (© Emmerich Mädl)

Wollen’S lieber ein Wasser mit oder ohne Löcher?“ So begrüßt Christine Nöstlinger Mirjam Unger und Gerald Votava, wenn sie die große Schriftstellerin besuchen. Ab diesem Moment scheint die Zeit im überirdisch schnellen Tempo zu rasen. „Diese Gabe, Geschichten zu erzählen, hat sie nicht nur in ihren Büchern. Es ist ein Geschenk, ihr zuhören zu dürfen. Manchmal sitze ich vier, fünf Stunden bei ihr“, sagt Gerald Votava. „Sie ist so wahrhaftig, so authentisch und so klug – ich kenne keinen vergleichbaren Menschen“, fügt Mirjam Unger hinzu. Rund 160 Bücher schrieb die große Wiener Autorin, die im Herbst 80 Jahre alt wird. Auch die preisgekrönte Filmemacherin Mirjam Unger wuchs in Klosterneuburg mit Nöstlingers Werken auf. Nun bringt sie „Maikäfer flieg“ auf die Leinwand, einen autobiografischen Roman, der die Zeit um 1945 in Wien aus der Sicht eines neunjährigen Mädchens erzählt. Auf die Zeitreise begeben sich Gerald Votava und Ursula Strauss als „Christls“ Eltern. Christine Nöstlingers „kleines Ich“ spielt Zita Gaier, eine Neuentdeckung. Exakt am Internationalen Frauentag wird die „Diagonale“ mit „Maikäfer flieg“ eröffnet – und ExpertInnen sagen dem Film jetzt schon viel Applaus voraus. Wir trafen Mirjam Unger und Gerald Votava zum Doppelinterview: Das kreative Duo arbeitet bei Radio und Film seit rund 20 Jahren zusammen, ist auch privat ein Paar und Eltern eines 13-jährigen Sohnes.

Christine Nöstlinger schrieb „Maikäfer flieg“ 1973. Wieso gerade dieser Roman?

Mirjam Unger: Gerald spielte 2012 am Wiener Rabenhoftheater mit Uschi Strauss Christine Nöstlingers „Iba de gaunz oamen Leit“ – eine sehr gelungene Produktion. Da bekam ich wieder Sehnsucht nach ihren Werken und ging in ein Buchgeschäft. „Maikäfer flieg“ flog mir zu. Ich las es und wusste sofort: Das ist ein Film. Ihre Schilderungen von 1945 – man ist plötzlich dabei. Man beginnt zu verstehen. Und der Blickwinkel der Neunjährigen ist faszinierend.

Gerald Votava: Es gelang ihr, aus dem Erwachsenenalter heraus diesen kindlichen, unvoreingenommen Blick zu vermitteln. Da sieht man die Menschen, wie sie sind und nimmt sie nicht als das wahr, was sie verkörpern, wie beispielsweise ihre militärische Aufgabe.

Mirjam Unger: Dieses Kind, Christl, lässt sich nicht sagen, wen sie gut oder böse finden soll, sie fällt ihr eigenes Urteil. Dieses Buch hat so viel mit Heute zu tun: das Kind im Krieg, die Auflösung aller Werte … Und die Österreicher werden daran erinnert, dass sie selbst in zerstörten Städten leben mussten und auf Hilfe von außen angewiesen waren. So wie die Menschen, die heute aus dem Krieg zu uns kommen. 

Wie war die Zusammenarbeit mit Christine Nöstlinger?

Mirjam Unger: Sie sagte uns: Sie hat das Buch geschrieben, nun seien wir Filmleute dran. Aber sie bot uns an, sie immer fragen, besuchen zu dürfen. Wir hatten viele lange Gespräche mit ihr.

Wie war die Suche nach „Christl“?

Mirjam Unger: Es gab viele Castings, wir sahen viele Kinder. Bis wir per Zufall den kleinen Gerald (Lino Gaier, Anm.) casteten und der uns von seiner „urnervigen“ kleinen Schwester erzählte. Als sie mir am 29. Dezember 2014 die Altbauwohnungstür im neunten Bezirk aufmachte, spürte ich sofort: Sie ist es. Zita (Gaier, Anm.) stand nie zuvor vor der Kamera und ging sofort auf alle mit der gleichen Offenheit wie Christl im Buch zu. Es war wunderschön, dieses Mädchen bei den Dreharbeiten erblühen zu sehen. Sie ist von Tag zu Tag schöner, offener, berührender geworden. „Dieses Mädchen ist Kino“, hieß es am Set.

 
 
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TOP BESETZT. Lana Mae Lopicic, Bettina Mittendorfer, Lino Gaier, Paula Brunner, Ursula Strauss, Zita Gaier, Gerald Votava (v.l.) (© Filmladen KGp)

Wie veränderte sich die Stimmung durch die Anwesenheit der Kinder?

Gerald Votava: Die meisten Szenen erlebt man durch Christls Augen. Das hat bei den Erwachsenen einen besonderen Zauber entfaltet. Keine Kindertätschel-Stimmung, sondern eine familiäre, respektvolle Stimmung.

Mirjam Unger: Zita und Konstantin Khabensky, der den russischen Feldkoch Cohn spielt und nur Russisch spricht, unterhielten sich mit Händen und Füßen, bauten sich so eine Beziehung auf. Es fand eine Völkerverständigung statt. Wir waren bei den Dreharbeiten in Südtirol ein österreichisch-russisch-italienisches Team; dass Menschen mit verschiedenem Background zusammenarbeiten, das ist etwas, das ich grundsätzlich sehr gerne mag.

Nicht alltäglich in der Filmbranche: ein sehr frauendominiertes Team hinter den Kulissen …

Mirjam Unger: Das ist so gewachsen; ich verfolge diesen Weg schon lange. Ich trug früher ab und an Kämpfe um das Frau-Mann-Thema aus, bis ich zum Schluss kam, dass ich diese Energie bitte viel lieber in kreative Dinge investieren will. Diesmal sind fast alle Heads of Departments weiblich besetzt. Produzentin ist Gabriele Kranzelbinder, eine der wenigen Produzentinnen Österreichs, eine Juristin und Künstlerin, die mit beiden Beinen am Boden steht.

Eines Tages kam dann Krista Stadler (sie spielt Christls Oma, Anm.) zu mir – sie kennt die Filmbranche immerhin seit den 1960ern – und sagte: „Mirjam, du weißt schon, dass das ein frauenpolitischer Akt ist, den du aufgestellt hast.“ Ich stehe für einen gemeinsamen Weg, Frauen und Männer, damit alles gerechter aufgeteilt wird. Frauen machen oft die Filme mit den kleinen Budgets. Wir haben mit „Maikäfer flieg“ die gläserne Decke durchbrochen. Wir durften einen riesengroßen, hochbudgetierten Film drehen – an den auch viele tolle Männer glauben.

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IM INTERVIEW. Mit Redakteurin V. Kery-Erdélyi (© Emmerich Mädl)
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(© Emmerich Mädl)

Sie spielen Christls Vaters, den Kriegsheimkehrer, und nahmen für die Rolle 30 Kilo ab …

Gerald Votava: Ich hab die Ernährung umgestellt und viel Sport gemacht. 

Mirjam Unger: Das war sensationell. Gerald ist ein Alles-oder-nichts-Schauspieler. 

Gerald Votava: Christine Nöstlingers geliebten Vater spielen zu dürfen, noch dazu mit dem Einverständnis der Tochter, das bedeutet eine große Verantwortung – und ist eine einzigartig schöne Aufgabe. Seine Geschichte ist sowieso wahnsinnig außergewöhnlich: Er sieht sein Kind auf die Welt kommen, muss als hochintelligenter, belesener Mensch nach Russland, später flüchtet er mit dieser furchtbaren Granatenwunde, um nicht ins nächste Nazi-Lazarett verlegt zu werden, findet zunächst seine Familie im zerbombten Wien nicht … Dass da das Körperfett weg muss, konnte nur der Anfang sein. 

Mirjam Unger: Es bekamen alle einen Ernährungsplan, auch andere mussten abnehmen. Wir können nicht mit Hüftröllchen Kriegsende 1945 spielen. Und wir hatten auch bei den Dreharbeiten ein kriegsfigurerhaltendes Catering mit viel Salat und Suppe. 

Gerald Votava: Das Hungern war auch als Erfahrung wichtig: wie man damit umgeht, wie sich das Nervenkostüm verändert.

Wie fühlt es sich an, wenn die Partnerin die Chefin am Set ist?

Gerald Votava: Das ist für uns ganz normal. Wir haben seit 1996 in vielen verschiedenen Konstellationen zusammengearbeitet, das ist nun eine weitere.

 
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UNVERGLEICHBAR. Die große Christine Nöstlinger in jungen Jahren – heuer wird sie 80. (© Alexa Gelberg / beltz.de)

Was ist Ihr Geheimnis, dass es beruflich und privat klappt?

Mirjam Unger: Uns verbindet auch die Leidenschaft für Zeitreisen. Ein Film ist ein ideales Instrument dafür. Wir reisen hier gemeinsam 70 Jahre in die Vergangenheit. Und ich schätze Geralds Zugang sehr sowie überhaupt unseren inhaltlichen, künstlerischen Austausch, der mich nun viele Jahre begleitet. Ich möchte mich an dieser Stelle bedanken: Vielen Dank, Gerald (schmunzelt).

Gerald Votava: Ich möchte diesen Dank sehr gerne annehmen und ihn auch dir gegenüber aussprechen. Ich darf allgemein hinzufügen, dass ich gerne mit Menschen arbeite, denen ich freundschaftlich verbunden bin.

Wie waren die Dreharbeiten für „Maikäfer flieg“?

Mirjam Unger: Wir haben eine Woche in Österreich, sechs in Südtirol gedreht, weil wir dort eine tolle Förderung bekommen haben. All das im Hochsommer – in Mützen, Schals und dicken Mänteln, in Staub und Trümmern bei über 40 Grad Hitze. Alle hielten toll durch.

 
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KINOSTART ist am 11. März, das Buch zum Film erscheint am 7. März (Neuauflage, Beltz & Gelberg). (© Filmladen / KGp)

Sie drehten auch in der Wiener Kanalisation?

Mirjam Unger: Das war sicher der härteste Drehtag; übrigens an der Location von „Der dritte Mann“. Gestunken hat‘s, eng war‘s, und die Kinder fragten ständig wie beim Autofahren: „Samma scho da?“. Uschi Strauss half uns sehr. Sie war großartig, nicht nur in ihrer Rolle als Christls Mama, auch wie sie sich mütterlich um die Kinder kümmerte, wie sie im Team war …

Eröffnungsfilm der „Diagonale“ – das ist die erste Auszeichnung. Was wünschen Sie sich für „Maikäfer flieg“?

Mirjam Unger: Dass er ans Publikum kommt. Es ist ein Film für alle Generationen. Von 8 bis 88 oder 9 bis 99. Der große Wunsch ist, dass „Maikäfer flieg“ ein generationenübergreifender, identitätsstiftender Film für Österreich wird. Dass die Eltern mit den Großeltern und den Kindern ins Kino gehen. 

 
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