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Events | 18.07.2017

Ja, das Studium der Weiber ist schwer!

Die Volksopern-Diva und der Chefdramaturg. Die lustige Witwe und der Njegus. Cornelia Horak und Christoph Wagner-Trenkwitz. Ein kongeniales Ehepaar, das heuer gemeinsam auf der Bühne von Schloss Haindorf steht. Das Doppelinterview.

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Vor dem Papagenotor. Im Theater an der Wien wurde „Die lustige Witwe“ 1905 uraufgeführt. (© Viktória Kery-Erdélyi)

Nein, Berufsschauspieler ist er keiner. Im Kellertheater hat er gespielt, mit dem Nia­varani und Viktor Gernot, dann hat er dieses Talent lange unterdrückt, bis es vor einigen Jahren wieder „rausgekommen“ ist, erzählt uns Christoph Wagner-Trenkwitz, als wir ihn gemeinsam mit seiner Frau, der Sopranistin Cornelia Horak, im Café Museum zum Interview treffen. Es geht um „Die lustige Witwe“, in der die beiden heuer gemeinsam bei den Schlossfestspielen Langenlois spielen werden. Und dann ist man mittendrin, in einem Gespräch, dominiert von einem in der Person des Musikwissenschaftlers Trenkwitz fleischgewordenen Opernlexikons, so ganz nebenbei aus seinem Schatz an Wissen schöpfend und die herrlichsten Anekdoten preisgebend, gewürzt mit überaus klugen wie auch humorvollen Einwürfen seiner Cornelia, die bereits mehrfach in der Hauptrolle der Operette brillierte – und uns auch so einiges vom privaten Leben des Paares verrät. Als wir dann hinüber gehen ins Theater an der Wien, an jenen Ort, an dem „Die lustige Witwe“ am 30. Dezember 1905 unter dem Dirigat des Komponisten Franz Léhar uraufgeführt wurde, liegt ein leiser Walzer in der Luft – gerade so, als ob die Geigen flüstern würden: „s’ ist wahr, s’ ist wahr, sie hat ihn lieb...“

NIEDERÖSTERREICHERIN: „Die lustige Witwe“ wurde zum größten Erfolg Franz Lehárs. Was fasziniert Sie an dieser Operette?
Christoph Wagner-Trenkwitz: Dass außer Lehár niemand an dieses Stück geglaubt hat. Bei der Generalprobe haben die armen Librettisten in der Pause der Generalprobe einige Lampions vom Naschmarkt geholt, um das „Fest“ auszustatten. Es war scheinbar eine Totgeburt, dem Direktor war die Musik nicht ansprechend genug. Aber das Publikum war g’scheiter als die alten Theaterhasen und hat daraus einen Erfolg gemacht. In der Uraufführung hat es auch keinen Text zu „Lippen schweigen“ gegeben, es war ein stummer Walzer. Erst das Publikum hat einen Text gefordert, und so ist die Aufführung über die Jahre gewachsen. Die Hälfte der Sachen, die uns lieb und vertraut sind, gab es damals noch nicht. „Die lustige Witwe“ ist wirklich zeitlos und steht bis heute an der Spitze der drei großen Operetten...
Cornelia Horak: Für mich sind Hanna Glawari, die lustige Witwe, und Valencienne zwei moderne Frauen, die man genauso interpretieren kann, wie man sich heute fühlt. Hanna ist eine toughe, selbstbewusste Frau, die Geld hat und macht, was sie will – und die Musik ist ohne Widersprüche.
WT: Das Jahr 1905 war ja auch die Geburt der modernen Frau. Bis dahin war dieser Typ Frau nicht etabliert: eine, die Geld hat und sich den Mann aussuchen kann. Nun ist hier die lustige Witwe die Chefin, die den armen Danilo, der alles andere als ein Held ist – ja, eher ein Looser –, am Bandl hat. Im selben Jahr ist ja auch in der Oper dieser Typus der selbstbewussten Frau entstanden: in der „Salome“ von Richard Strauss.

Es scheint ja, dass allerorts die Operette ein Revival erlebt...
CH: Weil den Operetten ein explosiver Gehalt innewohnt. Man muss sich nur trauen, den zu zeigen.
WT: Es gibt unheimlich viel anspruchsvolle Musik in den Operetten, und die Handlungen sind oft viel mutiger und fortschrittlicher, als wir es in den letzten Jahrzehnten wahrhaben wollten. Die Operettenpflege hat natürlich durch die Nazizeit eine unglaubliche Zäsur erlitten, viele Komponisten und Ausführende wurden verboten, vertrieben, ermordet. Die Operette wurde in eine altmodische, spießige, eine heile Welt spielende Ecke gedrängt, und nach dem Krieg machte man so weiter. Operette war zu ihrer Entstehungszeit Mitte des 19. Jahrhunderts revolutionär, aufsässig, Sozialstrukturen umkehrend, sexuelle Befreiung fordernd und tagespolitisch aktuell. Es hat nicht zuletzt in der „lustigen Witwe“ diplomatische Verwicklungen gegeben, wo dieses „Pontevedro“ eine Breitseite gegen Montenegro war, das damals den Staatsbankrott anmelden musste – eine glatte politische Satire. Auch war man in den 1920ern und 30ern viel mutiger als wir heute – da gab es wirklich Nackerte auf der Bühne!


Weil sie vom als rückständig geltenden Balkanstaat Montenegro sprechen: In „Da geh ich zu Maxim“ heißt es „da kann ich leicht vergessen das teure Vaterland“. Gibt es Momente, in denen Sie es auch „vergessen“ wollen, Ihr Heimatland?
WT: Also, ich bin gerne Österreicher, aber ich denke nicht sehr intensiv ans Vaterland (lacht). Der Danilo ist ja ein Diplomat, das Vaterland ist sein Beruf. Dass er sich halt hauptberuflich ansäuft und ins Puff geht, anstatt dem Vaterland zu dienen, ist ja sein persönliches Problem. Aber Spaß beiseite, wir sind gerne Österreicher!
CH: Na ja, genieren tut man sich schon immer wieder, aber das ist wohl überall so – man denke an Amerika...

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Danilo Erwin Belakowitsch, Die lustige Witwe Cornelia Horak, Njegus Christoph Wagner-Trenkwitz (© KM West)

Die Operette erzählt die Geschichte einer rauschenden Nacht und von einem Paar, das nicht ohne einander, aber auch nicht miteinander kann. Das ist doch sehr zeitgemäß...
CH: Ja, und sie wärmen etwas auf, was schon einmal gewesen ist, denn die Hanna und der Danilo waren schon irgendwann so halbert z’amm. Der Onkel vom Danilo hat die Beziehung verhindert, weil sie ein armes Bauernmädel war. Als sie nun als Witwe eines reichen Typen zurückkommt, ist es plötzlich anders...
WT: Na ja, aber er will ja nicht!
CH: Natürlich will er – sofort!
WT: (lacht) Ok, das sind zwei tief verletzte Leute, die Hanna und der Danilo. Diese Geschichte ist nicht oberflächlich. Also warten wir den ganzen Abend, dass er das Liebesgeständnis endlich rauslässt – aber dass sich Männer nicht artikulieren können, ist ja nix Neues.


Apropos, Frau Horak, lässt Ihr Mann das „Hab mich lieb“ raus oder schweigen die Lippen eher?
CH: O ja!
WT: ... und ich frage sie auch regelmäßig, ob sie mich heiraten möchte. Wir sind zwar schon verheiratet, aber es ist immer gut nachzufragen (lacht).
CH: Wir sind ja auch schon im „zweiten Lebensbildungsweg“, wie wir sagen. Für uns beide ist es nämlich jeweils die zweite Ehe.
WT: Und wir haben je zwei Töchter! Also vier – eine Weiberei!


Dann müssen Sie sich ja auskennen im „Studium der Weiber“. Ist es wirklich schwer, Herr Trenkwitz?
WT: (lacht) Es ist natürlich so gar nicht notwendig, die Weiber zu studieren – man könnte ja miteinander reden.


Wenn aber die Lippen schweigen?
WT: Na ja, dann frag sie halt! Nun, diese scheinbare politische Unkorrektheit ist ja nur ein Armutszeugnis für die Männer, wie es auch schon im Titel von „Cosi fan tutte“ heißt: „So machen‘s alle“ – die Frauen nämlich (lacht). Da führen ja Mozart und Da Ponte schon vor, wie kindisch und oberflächlich die Männer sind; sie aber versuchen, es den Frauen anzuhängen. Es wäre also überall die Lösung, dass irgendwann die Lippen sagen, was Sache ist. Aber schweigen und tanzen ist ja auch etwas Schönes, oder?


Als Njegus stellen Sie einmal mehr – wie auch als Opernball-Kommentator – Ihr komödiantisches Talent unter Beweis. Sind Sie eine so ausgeprägte Frohnatur?
CH: Nein, man könnte nicht sagen, dass du ein ständig lustiger Mensch wärst, das wäre ja anstrengend...
WT: ... auch für einen selbst! Ich hab mich lange Zeit so ein bisschen zwingen wollen, die Dauer-Frohnatur zu sein – aber das hat mir meine Frau schon abgewöhnt.
CH: Nein, das wär nix! Mir geht es ja auch nicht immer gut, das könnte er dann gar nicht nachvollziehen.
WT: Aber so eine innere Stimme, die dir ständig sagt, ich soll die anderen aufheitern, die gibt es schon. Manchmal heitert man die Leute auch gegen ihren Willen auf, das nennt man dann „auf die Nerven gehen“.

Die Operette zeigt nicht zuletzt die Gegensätze zwischen einer modernen, großstädtischen Gesellschaft und dem Rückzug in eine „stille Häuslichkeit“. Sie wohnen ja auch am Rande des Wiener Waldes...
CH: Ja, in der Stadt zu leben, wäre für mich absolut unmöglich. Ich habe eine steirische Großmutter, die aus einer Bauernfamilie kommt, und mein Vater hat mir immer erzählt, wie schön es für ihn als Kind war, nach Hause zu kommen, in ein Haus ohne Fließwasser und mit einem Herd. Ich habe das total verinnerlicht, meine Großmutter war eine tolle Gärtnerin und Köchin – es war wunderbar für mich!
WT: (wirft ein) Wir haben aber Fließwasser!
CH: ... und unser Garten ist jetzt eher ein Ziergarten, aber damals war auch unser Keller ein Stall, wo man seine Hendln und sein Schweindl gehalten hat.

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Im Operetten-Talk. Das Ehepaar Wagner-Trenkwitz/Horak mit Chefredakteurin Angelica Pral-Haidbauer (© Viktória Kery-Erdélyi)

„Die lustige Witwe ist tough, hat Geld und nimmt sich, was sie will – Eine großartige Frau!“

- Cornelia Horak

 

Gibt es da auch einen „dunklen Pavillon“?
CW: Ja, wir haben einen Schlafpavillon. (singt:) „Da kann man hübsch diskret verschwiegen sein“ – und die anderen lauschen an der Türe, das muss man sich ja dazudenken (lacht). Klar, der Rückzugsort ist vielleicht biedermeierlich. Wir, besonders die Cornelia, haben ja viel in der Öffentlichkeit zu tun, das zieht einem schon viel Kraft raus. Unsere Kraftquelle ist unser Zuhause, wo die Blumen blühen. Auch eine neue Amsel haben wir...
WT: Also, es war eigentlich eine Abstellkammer, die haben wir etwas vergrößert. Wir „gehen“ also täglich schlafen – durch den Garten (lacht).
CW: Und wenn Schnee liegt, dann zieht man sich halt feste Schuhe an! Es ist wunderbar, vor dem Schlafengehen und beim Aufstehen durch den Garten zu gehen, man kriegt so viel mit, zum Beispiel wie das Wetter ist... (lacht)


Cornelia, wie geht es Ihnen in der Rolle der Frau, die sich alles nimmt...
CH: Großartig! (Christoph Wagner-Trenkwitz lacht laut auf) Diese Rolle ist eigentlich eine gelebte Therapie. In meinem Leben habe ich 65 bis 70 Opernrollen gespielt, und in jeder kann man ein Stück seiner selbst entdecken und ausleben – ohne Strafe! Wobei ich die lieben Rollen weniger mag, eher die emanzipierten wie die lustige Witwe, die unheimlich g‘scheit ist und ein Gespür für die Menschen hat. Sie ist eine großartige Person! In München hat die große Hildegard Behrens die Witwe gespielt, aber bei der Wiederaufnahme konnte sie die Rolle nicht übernehmen. Sie ist also zum Intendanten gegangen und hat gesagt: „Die Cornelia kann das!“ Sie hat es also erkannt – und ich liebe diese Rolle!
WT: Aber nicht, dass die in Langenlois auf die Idee kommen, dich auf ein Pferd zu setzen...


Was mögen Sie besonders an den Schlossfestspielen Langenlois?
WT: Soll ich ganz ehrlich sein? Dass das Weindorf gleich neben dem Schloss Haindorf ist. Nein, Scherz! Das ist ein wunderschöner Platz mit einer prachtvollen Kulisse, etwas verwildert, das ist gerade das Geniale. So wie wir also zuhause zum Schlafen in den Garten gehen, gehen wir hier von der Bühne gleich in den Weingarten!
CH: Es ist diese leichte Verkommenheit – ich finde nämlich die überkandidelten Sachen furchtbar, so alles tütü-tata mit Zuckerguss. Hier gibt es den Baum und die Schweindln – da ist man mitten im Leben. Das tut auch dem Stück sehr gut.
WT: Und ich freue mich, etwas Farbe zu bekommen. Du bist ja immer gut gebräunt...
CH: Na, ich muss ja auch im Garten arbeiten...

 

Schlossfestspiele Langenlois 2017
im Garten von Schloss Haindorf

„DIE LUSTIGE WITWE“
Operette in drei Akten von Victor Léon und Leo Stein
Musik: Franz Lehár
20. Juli – 12. August 2017

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