Loading…
Du befindest dich hier: Home | Events

Events | 10.04.2018

Die zarte Starke

Gewichthebend trotzt Gwendolyn Leick ihrer Krankheit. Regisseurin Ruth Kaaserer begleitete sie ein Jahr lang mit der Kamera. Wir trafen die beiden bei der Premiere der preisgekrönten Doku in St. Pölten.

Bild 1804_N_Me_Gwendolyn_(c)Maria.jpg
Gwendolyn Leick mit Filmemacherin Ruth Kaaserer (r.) (© Maria Ziegelböck)

Es ist kurz vor 22 Uhr, als das Publikumsgespräch nach der Premiere im Cinema Paradiso beginnt. Gwendolyn Leick laboriert seit ein paar Tagen an einer Verkühlung, viel Zeit zum Ausruhen blieb im Festivaltrubel (drei Preise bei der Diagonale Graz!) nicht. Und dennoch: Als die Nicht-Insider unter uns nachhaken, was bunny hopping bedeutet, führt die 67-Jährige die Spring-Übung kurzerhand vor. In Stöckelschuhen! Woher sie diese unbändige Energie hat? „Ich konnte noch nie lange ruhig sitzen“, lacht die Sportlerin im Interview. Sie war über 50, als sie das Gewichtheben für sich entdeckte; sie wurde bald mehrfache Europa- und Weltmeisterin. Gut zehn Jahre später die Diagnose: Schilddrüsenkrebs. Es folgen eine halbseitige Gesichtslähmung  und mehrere Operationen. „Aber davon lass‘ i mi doch net abhalten“, sagt sie in feinstem Dialekt, den sie auch nach vier Jahrzehnten in England immer bei sich trägt.
Ruth Kaaserer suchte nach einer Gewichtheberin und fand so viel mehr. Die Filmemacherin hatte zuvor eine Doku über junge Boxerinnen gemacht (Tough Cookies); sie interessierte sich nun für eine ältere Sportlerin. „I‘m in love with lifting weights“ (Ich bin in das Gewichtheben verliebt) lautet der Titel einer der vielen Zeitungsartikel, die in Gwendolyns Wahlheimat erschienen. „Es gab auch schon andere, die einen Film machen wollten, Ruth war die erste, die die Idee verwirklichte.“

 

Ich wollte ein paar Kilo loswerden,
so kam ich zum Gewichtheben.

- Gwendolyn Leick,
mehrfache Europa- und Weltmeisterin

 

Humorvoll lebensbejahend. „Gwendolyn“ ist eine besondere Dokumentation geworden. Eine, „die bewusst ohne Kommentar auskommt“, sagt die Regis­seurin. „Ich wollte dieses vielseitige Leben nicht erklären, sondern langsam aufblättern.“ Mit feinfühliger Kameraführung (Serafin Spitzer) und akribischem Schnitt (Joana Scrinzi) gelingt es ihr und ihrem Team, Gwendolyns Geschichte packend und bewegend zu erzählen – und zwar so, dass auch der charmant trockene Humor der Protagonistin einen zum Schmunzeln, zum Lachen bringt. Wenngleich die 52 Kilo­gramm leichte Frau einiges zu schultern hat, ist die Doku keine Schicksalsgeschichte. Keine einzige Minute. Sie ist vielmehr eine lebensbejahende Inspiration.
Außerdem steckt der Film voller außergewöhnlicher Liebesgeschichten. Da ist die Beziehung zu ihrem 20 Jahre jüngeren ivorischen Mann, die innige Freundschaft zu ihrem Trainer Pat, wunderbare Szenen aus dem Alltag mit ihrem erwachsenen, durchtrainierten Sohn, der im Schaukelstuhl an einem Quilt näht …
Das Agieren sämtlicher Protagonisten ist dabei unaufgeregt, authentisch; es scheint, als hätte Ruth Kaaserer monatelang unsichtbar an ihrem Leben teilgenommen. Warum sie bereit war, ihr Leben öffentlich zu machen? So habe sie das nie gesehen, erklärt die 67-Jährige. „Ruth hat mich gefragt, daraufhin habe ich mir ihren Film über die Boxerinnen angesehen – und mich geehrt gefühlt.“
„Ich will niemanden belehren. Aber wenn der Film heute Menschen Mut macht, dann freue ich mich“, sagt Ruth Kaaserer. Denn Gwendolyns Erkrankung ist eine Facette des Films, das Thema drängt sich nicht in den Vordergrund. Wie sie die Diagnose aufnahm? „Das ist kein Todesurteil“, zuckt Gwendolyn Leick mit den Achseln. „In Wahrheit ist auch das eine Liebesgeschichte“, deutet sie auf die Narben hinter ihrem Ohr. Mit einem „Feuermal“ sei sie geboren worden und anschließend bis zum vierten Lebensjahr mit radioaktiven Strahlen behandelt worden. „Mein Vater hatte nur das Beste im Sinn: Er wollte mir eine Entstellung ersparen.“
Das Phänomen der Abenteurerin habe Ruth Kaaserer, die selbst Bildhauerei studierte, seit jeher gefesselt. Als solche – als eine Reisende in ihrer eigenen Lebensgeschichte – sieht die Regisseurin auch Gwendolyn Leick. Die Steirerin, die aus kecker Rebellion dem Schulsystem wenig abgewinnen konnte, studierte später mit Bravour Assyriologie (Altorientalistik) – und war ursprünglich für eine Forschungsarbeit über babylonische Flüche nach England gereist. London wurde bald ihre neue Heimat – und auch das Zuhause ihrer beiden Söhne, die unterschiedliche Väter haben. „Auch das fasziniert mich so: Sie ist mit allen gut, sie passen aufeinander auf“, erzählt Ruth Kaaserer.

Bild 1804_N_Me_gwendolyn_03(c) St.jpg
LIEBE IN VIELEN FACETTEN. Szenen aus dem Film: Gwendolyn beim Training (© Stadtkino Film­verleih)
Bild 1804_N_Me_Gwendolyn_IMG_5556.jpg
GUTE ENERGIE. Gewichtheberin Gwendolyn Leick und Filmemacherin Ruth Kaaserer (© Viktória Kery-Erdélyi)
Bild 1804_N_Me_gwendolyn_01(c) St.jpg
LIEBE IN VIELEN FACETTEN. Szenen aus dem Film: Gwendolyn mit ihrem Ehemann (© Stadtkino Film­verleih)

Die Schriftstellerin. Jahrelang lebte die Akademikerin mit ihrem ersten Sohn auf der Farm ihrer Schwiegermutter, wo viele  Künstler ein- und ausgingen. „Aber als der Vater meines ersten Sohnes einen Lehrauftrag in Sydney bekam, wurde es mir langweilig“, schildert Gwendolyn Leick. Aus dieser Situation heraus entstand ihr erstes Buch, ein Nachschlagewerk zu altorientalischer Architektur; heute sind es neun Bücher – das nächste, „Things as they Were: Gertrude Stein, my Grandmother and their Lover“ kommt noch heuer heraus.
Zum Gewichtheben kam sie übrigens per Zufall. Sie und ihre Freundin wollten nur ein paar Kilo loswerden. Eine pointierte Erklärung  gibt es dazu im Film …