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Fashion | 02.03.2015

Stoffwechsel

Zwei Jahrzehnte hindurch regierten chemische Stoffe ihren Alltag, heute sind es textile Stoffe, aus denen Alwa Petroni aus Maria Anzbach Kunstwerke für Körper und Kopf zaubert.

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Objektkunst: Im kreativen Chemielabor entsteht spektakulärer Kopfschmuck (© Robert Pichler)

Es war eine Entscheidung über Nacht. Eine, die sie niemals bereute, betont Alwa Petroni. Sie zog sich an, fuhr von Maria Anzbach nahe St. Pölten nach Wien. Betrat die Uni, suchte ihren Chef, mit dem sie bis heute freundschaftlich verbunden ist, und kündigte – mit einem klaren Ziel vor Augen: „Ich werde Kleidermacherin.“ Es war dem kein Streit bevor gegangen, keine privaten Katastrophen. Im Gegenteil: Ihr Mann habe sie bestärkt. Die kreative Seele in ihr war einfach so stark geworden, dass ihr das Nähen zuhause, das Designen für den „Eigenbedarf“ zu wenig wurde. Das neue Kapitel war aufgeschlagen. Vielmehr ein neues Buch. Denn immerhin hatte sich Alwa Petroni, mit dem amtlichen Namen Astrid Luise Warter-Petroni, zwei Jahrzehnte hindurch der Naturwissenschaft gewidmet. Sie war Chemikerin. Mit Leib und Seele. Angestellt an der Uni Wien, dazu berufen, zu forschen. „Aber eigentlich war ich am Institut immer ein Alien“, lacht die 40-Jährige, die sich bereits seit 15 Jahren jedes Kleidungsstück – abgesehen von Unterwäsche und Ähnlichem – selbst entwirft und näht.

Gute fünf Jahre ist der Umstieg von den chemischen auf die textilen Stoffe her. Da liegen spektakuläre Kreationen für Körper und Kopf und bereits mehrere Präsentationen am Vienna Fashion Week dazwischen.

Alwa Petroni: Tragbare Kunst für Kopf und Körper
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(© Alwa Petroni)
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(© Alwa Petroni)
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Aus der aktuellen Kollektion: Fourteen (© Thomas Lerch)
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(© Alwa Petroni)
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(© Alwa Petroni)

Chemische Rebellion

Alwa Petroni wuchs als Tochter eines Technikers und Tüftlers und einer Künstlerin auf. Sie war ein Einzelkind, die Sehnsucht nach dem Spiel mit den Nachbarskindern trieb sie nicht auf die Straße, sie war gern mit Erwachsenen zusammen. Umso verhasster waren ihr die ersten Jahre am Gymnasium. „Das war ein einziger Überlebenskampf“, erinnert sie sich ungern zurück. Mit dem Wechsel in ein naturwissenschaftliches Gymnasium in Wels fand sie ihre Ruhe und anschließend in der Chemie ihre erste große Liebe.

Während große pubertäre Dramen ausblieben, „war vielleicht gerade das Chemie-Studium meine Rebellion“, schmunzelt sie. Dass die junge Dame, die bereits im Schulalter sich etwa das hochkomplizierte Goldhauben-Sticken auf eigene Faust aneignete, keine kreative Laufbahn einschlägt, das hätten die wenigsten vermutet. Und sie lagen auch nicht so falsch. Schließlich tauchte Astrid Luise Warter auch während ihrer Studienzeit regelmäßig den Pinsel in Öl und Aquarellfarben. Und ihre Nähmaschine lief an den Wochenenden auf Hochtouren.

Das Umsatteln nach 20 Jahren naturwissenschaftlicher Karriere sei freilich kein Spaziergang gewesen. „Es war ein befremdliches Gefühl, komplett wieder bei Null zu beginnen. Aber es war die richtige Entscheidung. Es gibt keinen Zeitpunkt, an dem es zu spät ist, etwas Neues anzufangen“, sagt Alwa Petroni. Wenngleich sie viele Jahre Erfahrung an der Nähmaschine hatte, für die Prüfung zur Damenkleidermacherin hieß es zunächst einmal ein Jahr lang: zurück in die Schulbank. „Aber: Ich habe unglaublich davon profitiert.“

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Chemikerin, Designerin, Künstlerin Alwa Petroni (© Michael Petroni)

Schwarzmalerei

Von Beginn an wollte sie Couture machen. Und von Beginn an war es die „Nichtfarbe“ Schwarz, die sie in ihrem kreativen Tun beflügelte. Aus verschiedenen Gründen. „In Schwarz bist du immer richtig angezogen. Schwarz bietet viel Projektionsfläche für die eigene Fantasie und viel Interpretationsmöglichkeit. Und Schwarz ist auch eine ,Protestfarbe’ – gegen eine bunte, oberflächliche Welt“, erklärt sie.

Der Hang zum Grübeln und zum Hinterfragen findet bereits in ihrer ersten Show Niederschlag: 2013 präsentiert sie ihre Kollektion „Tangram“. Benannt nach dem aus China stammenden Tüftelspiel zeigt sie dabei Modelle, deren gemeinsamer Nenner geometrische Formen sind. Und das nicht nur aus ästhetischen Gründen. „Ich will Kleidung möglichst umweltschonend entstehen lassen. Speziell bei Tangram habe ich versucht, den Stoff so gut wie möglich zu nutzen – und kam dabei auf zwei gute Hand voll Verschnitt für die gesamte Kollektion“, sagt Alwa Petroni.

Die raffiniert schlichte Eleganz dieser Stücke ist umso spannender, betrachtet man das gesamte Schaffen der Neo-Designerin: So ist Petroni auch Expertin für historische Kostüme, etwa für prachtvoll bestückte Rokoko-Exemplare, hegt eine tiefe Leidenschaft für ethnische Bekleidung und sie erstaunt mit ihren Objektkunstwerken für den Kopf. Eben bei diesen „Experimenten“ dürfe sich auch die stets in ihr wohnende Chemikerin austoben, „wenn ich Wolle, überhaupt mein Lieblingsmaterial, durch Hitze und Wasserdampf wunderbar formen kann“.

Und was die Glaskugel spricht? Schon bald eröffnet die Designerin gemeinsam mit der kreativen Kollegin Stefanie Grißmann (.whatever eye.) ein Atelier in Wien; das Haus in Maria Anzbach bleibt das heiß geliebte Privatrefugium der Petronis. Und eine gar nicht so weit entfernte Zukunftsmusik soll die erste Prêt-à-porter-Kollektion sein...

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