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Lifestyle | 09.06.2015

Wie viel Papa braucht ein Kind?

Ein Plädoyer zum Vatertag für das Miteinander-Reden, für Zärtlichkeit und gesunde Konflikte. Wir sprachen mit dem renommierten Kinder- und Jugendpsychiater und Schriftsteller Paulus Hochgatterer.

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Kinder brauchen Väter, die für sie da sind, selbst wenn die Eltern beispielsweise getrennt leben, sagt der Kinder- und Jugendpsychiater Paulus Hochgatterer (© Viktória Kery-Erdélyi)

Aufgewachsen in Blindenmarkt und Amstetten gilt heute Paulus Hochgatterer gleich auf zwei Gebieten als renommierte Persönlichkeit: Er ist Leiter der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie am Klinikum Tulln und erfolgreicher Schriftsteller („Die Süße des Lebens“, „Das Matratzenhaus“, beide bei Zsolnay erschienen). Der Niederösterreicherin verriet er, wie er sich selbst als Vater einschätzt, wie sehr wir Erwachsenen oft die (soziale) Intelligenz der Kinder unterschätzen und was ihn wütend macht.

Ihr Sohn Johannes ist 26 Jahre alt, studiert in Los Angeles Filmregie. Wie sind Sie als Vater?
Da müssten Sie meinen Sohn fragen (schmunzelt). Im Ernst: Ich hoffe, ich bin ein halbwegs guter Vater. Darauf hoffen alle Väter und die meisten sind es ja auch. Nur einige wenige irren sich. Ich denke, dass ich meinem Sohn die väterliche Zuwendung gebe, von der ich glaube, dass sie wichtig und notwendig ist. Ich denke, dass wir eine sehr offene, herzliche Beziehung haben, die auch Konflikte enthält, die ebenso wichtig sind. Obwohl ich meinte, nicht so spießig zu sein, hatte auch ich immer wiederdie weit verbreiteten Elternängste: dass er womöglich keinen gescheiten Beruf lernen wird, dass er vielleicht nicht die richtige Partnerin findet... Das ist aber normal und geradezu kennzeichnend für gute Eltern, dass sie Angst um ihre Kinder haben.

Welche Art von Vater brauchen Kinder?
Das Wichtigste: präsente Väter. Väter, die auch unter nicht so einfachen Bedingungen da sind, denen ihr Kind ein spürbares Anliegen ist, selbst wenn die Eltern getrennt leben. Wichtig für Kinder sind Väter, die mit ihnen reden, die sie fragen, wie es gerade in der Schule oder mit der Freundin läuft, die abends eine Gute-Nacht-Geschichte erzählen. Da hat sich enorm viel getan – sehr viele Väter tun all das heute tatsächlich. Doch es gibt auch weiterhin die schweigenden Väter.

Und: Kinder brauchen Väter, die sich ihren Kindern in ihrer Realität zeigen. Väter neigen oft dazu, als etwas erscheinen zu wollen, das sie in Wahrheit nicht sind. Sie verbergen etwa Schwierigkeiten. Und das geht immer schief. Kinder trachten ohnehin danach, die Eltern in ihren Schwächen zu schützen. Ein Beispiel: Ein Vater ist arbeitslos und hat ein Problem damit. Sein Kind will den Vater eben mit diesem Problem schützen. Wenn sich nun aber der Vater nicht in der Realität seines Problems zeigt, muss sein Kind nicht nur das Problem, sondern auch den Vater in seiner Scham dem Problem gegenüber schützen. Das wird oft unlösbar für Kinder.

Stichwort Berufstätigkeit und Kindererziehung. Wie viel Zeit brauchen Kinder?
Es kommt bei weitem nicht nur auf die Quantität an. Natürlich ist ein gewisser Mindestumfang an Kontakt zum Kind notwendig, aber vor allem kommt es auf die Qualität der gemeinsamen Zeit an. Für Kinder ist es wichtig, dass sie sich geliebt und akzeptiert fühlen; wichtig sind Reden, Zärtlichkeit und der Konflikt: nicht einer Meinung sein und die Erfahrung zu machen, dass das in einer Beziehung möglich ist und man sich trotzdem weiterhin mag. Vom Gelingen einer Kindheit sprechen wir ja, wenn das Kind in der Lage ist, sich zu trennen, sich von den Eltern zu verabschieden, ohne sich dabei fürchten zu müssen, dass etwas draußen auf ihn lauert oder dass es die Eltern verlieren könnte. Daher ist auch einer der wichtigsten Jobs, den Eltern zu erledigen haben, die Kinder schließlich auch gehen zu lassen.

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Hochgatterer: "Kinder sind absolut in der Lage, sich verschiedenen Rollenmodellen anzupassen." (© Viktória Kery-Erdélyi)

Welchen Stellenwert hat für Kinder die „klassische“ Konstellation Mama-Papa-Kind?
Kinder sind nicht nur insgesamt sehr gescheit, sie sind vor allem von ganz klein auf sozial sehr intelligente Wesen. Sie sind absolut in der Lage, sich verschiedenen Rollenmodellen anzupassen. Identifikation ist ein hochkomplexer Vorgang. Dabei kommt es nicht darauf an, dass ein Elternteil einem Rollenschema entspricht, sondern dass dieses Elternteil in der Beziehung zum Kind verfügbar ist. Kinder identifizieren sich mit einer Person, nicht mit einer Rolle. Die Ängste um die Entwicklung eines Kindes von gleichgeschlechtlichen Paaren sind daher völlig unbegründet. Ein Kind begreift irrsinnig geschwind, dass seine Eltern zwei Männer oder zwei Frauen sind. Es ist viel besser, ein Kind lebt in einer funktionierenden Familie mit homosexuellen Eltern als in einer nicht funktionierenden, dem Klischee entsprechenden, heterosexuellen Familie. Ein Bub, der als Sohn eines lesbischen Paares aufwächst, wird seine männliche Identifikation ohne Probleme woanders finden können.

Was halten Sie vom Vatertag?
Ich finde ihn super. Ich bin in Blindenmarkt (Bezirk Melk, Anm.),also am Land aufgewachsen, wo katholische und soziale Rituale eine wichtige Rolle spielten. Hochzeitstage, Weihnachten, Geburtstage, Mutter- und Vatertage – all diese Feste finde ich sehr schön. Ich schenke gerne Geschenke und bekomme auch gerne welche. Es geht darum, jemanden zu zeigen, dass man ihn mag und schätzt. Ich werde am Vatertagnatürlich meinen Vater besuchen oder ihn zumindest anrufen; er soll wissen, dass er einen Sohn hat, der an ihn denkt.

Sie sind tagtäglich mit Kindern und Jugendlichen konfrontiert, denen es nicht gut geht. Empfinden Sie da Wut?
Natürlich. Oft auf das System, wenn es gerade das nicht bietet, was ein Kind dringend brauchen würde. Oder auf misshandelnde Eltern oder solche, die ihre Kinder vernachlässigen. Und auf Menschen, die wegschauen, zum Beispielauf Angehörige, die ein magersüchtiges Mädchen erst zu uns bringen, wenn es schon halbtot ist. Ich halte es auch für wichtig, diese Wut zu zeigen – wenn möglichin halbwegskultivierter Form.

Wie wichtig ist Humor in der Erziehung?
Sehr wichtig. Überhaupt istder Affekt, das offen gezeigte Gefühl, in der Erziehung ganz wichtig. Zu meinen, es schadet dem Kind, wenn es die Tränen der Mutter oder des Vaters sieht, ist nicht richtig. Und umgekehrt zu glauben, sich das Lachen verbeißen zu müssen, ist besonders ungeschickt. Der Ernst des Lebens kommt sowieso von selbst. In Wahrheit gibt es doch nichts Schöneres als mit Kindern zu lachen. In der Kinder- und Jugendpsychiatrie, wo man mit ganz vielen Dingen konfrontiert ist, die gar nicht zum Lachen sind, gehören Momente, in denen es gelingt, mit einem Kind oder einem Jugendlichen zu lachen, zum Allerwertvollsten.

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