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Lifestyle | 10.05.2016

Die Kids als Projekt?

Die Jugendpsychologin Leibovici-Mühlberger und Mutter von vier Kindern warnt vor der nächsten Generation. „Diese Kinder werden nicht in der Lage sein, als Erwachsene die kommenden globalen Probleme zu lösen.“ Wir fragten nach...

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(© Shutterstock)

Der Aufschrei der Kinder

Es sind scharfe Worte, die sich in diesem Buch finden. Kein „Kuschel-wir-haben-uns-lieb-Erziehungsbuch“, eine Streitschrift. Die aufrütteln soll. Denn die Autorin will Anwältin dieser verratenen Kindergeneration sein, der sie täglich in vielgestaltiger Form begegnet: vom tyrannischen Verhalten der Kinder und vielen anderen Verhaltensauffälligkeiten, von gravierenden Essstörungen bis hin zur konsequenten Leistungsverweigerung – denn sie sind ein Aufschrei, ein Versuch der Kinder, sich gegen eine Gesellschaft zu wehren, die ihnen kindgerechtes Aufwachsen verweigert und sie stattdessen für ihre Zwecke instrumentalisiert. Ist die gegenwärtige Entwicklung unserer Kinder also ein „colateral damage“?

Frau Doktor, was sind eigentlich „Tyrannenkinder“?
Martina Leibovici-Mühlberger: Ein Tyrannenkind ist ein in der Tiefe seiner Seele schwer verunsichertes Kind, das verzweifelt um Orientierung in einer Welt ringt, die es in Grundfragen seiner Existenz belügt und betrügt. „Entfalte dich vollkommen frei, probiere alles aus, was du willst und schau, dass du immer im Zentrum der Aufmerksamkeit stehst, dann wird dein Leben großartig“ ist die heutige gängige moderne Erziehungsmaxime. Einer Art naiven Selbstverliebtheit in die eigene Größe wird da der Weg geebnet. Nur der Zahltag wartet dann Jahre später auf die Kinder, wenn es heißt: „Aber bitte, bei all der Förderung und Freiheit, die wir dir eingeräumt haben und all der Bewunderung, die du vorweg schon für deine pure Existenz alleine bekommen hast, dürfen wir uns jetzt schon erwarten, dass du ein großartiges und zuverlässiges Mitglied der Leistungs- und Konsumgesellschaft wirst.“ 

Geht dieses Konzept auf?
Nein, weil es nicht schlüssig, sondern eine Lüge ist, ein Betrug an unseren Kindern. Zuerst wirst du wie ein Prinz oder eine Prinzessin behandelt, jede deiner Lebensregungen löst Verzückung aus, es werden dir keine Grenzen markiert, die dir nebenbei gesagt auch Sicherheit geben, indem sie den für deine Entwicklung passenden Raum abstecken – und was dir nicht „cool genug“ erscheint oder nur ein bisschen anstrengend ist, lässt du einfach fallen. Jahre später machen dir dann alle Vorwürfe, weil du noch immer nicht ruhig in der Schule sitzen kannst oder das gelernte System „Einfach nur das zu machen, was Spaß macht!“ auch auf die Schule anwenden willst. Da soll man als heranwachsender, Orientierung in der Welt suchender Organismus nicht verwirrt sein?  Diese Grundverweigerung entspricht ja nur ihrer Grundfrustration! Sie halten uns als Gesellschaft und Elterngeneration mit ihrem widerständigen, vordergründig selbstbezogenen Verhalten einen Spiegel vors Gesicht. 

Sie sagen, „schuld sind die Eltern“, die ihre „Erziehungskarriere“ aus narzisstischen Motivationen beginnen ...
Nur auf die Eltern mit dem Finger hinzeigen zu wollen, wäre falsch, denn grundsätzlich ist hier jeder an der Misere mitbeteiligt! Wie immer gibt es große Profiteure, Steigbügelhalter, Mitläufer, Ängstliche und auch einfach Verführte. Auf narzisstische Elternteile, die Sie hier ganz speziell ansprechen, bin ich allerdings tatsächlich schlecht zu sprechen, denn sie sehen in ihrem Kind bewusst oder unbewusst IHR PROJEKT; ein Werkstück, das ihrer eigenen Erhöhung und Selbstbespiegelung dienen soll. Doch diese sind, Gott sei Dank, zumindest in dieser Elterngeneration noch in der Minderheit. Es handelt sich vielmehr um ein gesamtgesellschaftliches Bewusstseinsproblem dieser Steigerungsgesellschaft – und die gegenwärtige Entwicklung der Kinder ist dabei so etwas wie „colateral damage“. Allerdings eine, die uns enorm auf den Kopf fallen wird. Unsere Gesellschaft hat in den letzten 25 Jahren – angetrieben durch die politische Entwicklung und phänomenalen technologischen Fortschritt – viel daran gesetzt, im Namen von Freiheit und individueller Potenzialentfaltung die ICH AG zur geltenden Maxime der Glückseligkeit zu erheben. Das ist ein charmantes Konzept, das endlich jede Fremdbestimmung abzustreifen scheint. Faktum ist allerdings, dass, so wie wir es leben und erzieherisch umsetzen, narzisstische Persönlichkeitsstörungen rapide zunehmen, also Persönlichkeitsprofile, die mit Selbstbespiegelung und der Maximierung des eigenen Vorteils auch auf Kosten von anderen beschäftigt sind. Die alten Sekundärtugenden Treue, Verbindlichkeit, Beharrlichkeit sind out und weichen einem tolerierten Utilitarismus, der sogar Beziehungen und Privatleben nach Nützlichkeit beurteilt.  Eine kalte Gesellschaft ist dies, in der unsere Kinder schlecht ausgerüstet dann als Jugendliche und junge Erwachsene aufschlagen. Aber dazu kommen wir vielleicht noch. 

Haben Eltern in zunehmend unsicheren Zeiten etwa Angst, die Liebe ihrer Kinder zu verlieren?
Da kommen wir der Sache schon näher, wenn Sie so fragen. Eltern wollen „das Beste“ für ihre Kinder, das Beste, an das wir selber eben derzeit glauben, und das ist diese eben zitierte ICH AG! Das heißt: Eltern werden von der Gesellschaft angetrieben, ihre Kinder maximal zu fördern und ihnen „Freiheit und Selbstbestimmung“ einzuräumen, zu einer Zeit, wo dieser junge Organismus jedoch liebevolle Führung und Wegweisung statt Grenzenlosigkeit braucht! Und Eltern sind dann voller Angst, etwas zu versäumen, was Förderung und Potenzial-entwicklung der Kinder vorantreiben könnte, oder etwas falsch zu machen, Kinder durch Grenzsetzung in ihrer Entwicklung zu stören. Da werden sie lieber gleich zu guten Freunden, die ihre Erziehungsverantwortung abgeben. Und die Wirtschaft hat Kinder als Konsumenten und gleichzeitig als lukrative Objekte der Vermarktung entdeckt. Der ganze Förderzirkus ist ja eine sehr hoch liegende Latte. So viel wie heute ist am Kind noch nie verdient worden. 

Warum werden wir auf diese nächste Generation nicht zählen können?
Das ist einfach nachzuvollziehen. Kinder, die mit dieser Erziehungshaltung aufwachsen, die ihnen suggeriert, es geht nur um dich, deine Freiheit zur persönlichen Entfaltung, in anderen Worten „Du bist ein Prinz, eine Prinzessin, tue allein das, was dir nützt und dich fördert, und wir setzen dir keine Grenzen“, werden schrecklich überfordert, da man sie der Endlosigkeit des Raums überlässt. Alles, was etwas Mühe und weniger Spaß erahnen lässt oder die eigene Person aus der ersten Reihe nimmt, wird gemieden. Mit anderen Worten mangelt es in der Folge an Konzentration, Aufmerksamkeit, Einfügungsbereitschaft in die Gemeinschaft, an der Fähigkeit, eigene Bedürfnisse ein wenig aufzuschieben, an der Impulskontrolle, an Durchhaltevermögen, Fleiß, Selbstdisziplin, Frustrationstoleranz … Viele Pädagogen klagen ja nicht grundlos darüber, dass ein nicht unbedeutender Teil unserer Kinder mit Eintritt ins Schulalter zwar kognitiv reif, aber dennoch nicht beschulbar ist. Gerade, weil es an diesen Kompetenzen mangelt, sind sie deutlich in der Entwicklung zurückgeblieben. Und das Dilemma setzt sich weiter fort und erlebt seinen Höhepunkt, wenn diese jungen Menschen dann in der Arbeitswelt aufschlagen. Dort offenbart sich dann der gesamte Betrug an unseren Kindern, dass diese Erziehungslüge an unseren Kindern nicht aufgeht. Denn hinter der glänzenden Fassade unserer Spaßgesellschaft mit ihrer Doktrin der unbegrenzten Wahlmöglichkeiten, der großen Freiheit und der maximalen Potenzialentfaltung unserer persönlichen ICH AG steht eine beinharte Steigerungsgesellschaft, eine Leistungs- und Konkurrenzgesellschaft, und für diese sind diese Kinder dann ganz sicher nicht vorbereitet, da es ihnen gerade an den zuvor zitierten Kompetenzen fehlt, die hier zu der unbedingten Ausrüstung gehören, wenn man einen Platz finden will.

Werden unsere Kinder die benötigten Lösungskompetenzen für globale Probleme haben?
Diese verratenen Kinder nicht, denn die Anforderungen einer komplexen, global verwobenen Zukunft werden komplexe Lösungskompetenz brauchen. Wir werden reflexive, co-laborative, soziale Menschen brauchen, solche mit stabilem Selbstbewusstsein, der Fähigkeit zu Hingabe und Leidenschaft, um große Themen unserer Menschheit regulieren zu können. Menschen, die wirklich im Team arbeiten können, offen sind, kommunizieren können, und rangierend Führung übernehmen, sie aber auch wieder an den nächsten, der für den folgenden Teilbereich besser geeignet ist, abgeben können, ohne sich dabei auf den Schlips getreten zu fühlen. Aber dieses Potenzial steckt in unseren Kindern, davon bin ich felsenfest überzeugt. Das sehe ich jeden Tag und ich vertraue darauf, dass sich die besonnenen Kräfte durchsetzen werden und dieser Schatz gehoben wird.

Der Apell Ihres Buches, vor dem Hintergrund der postmodernen Kon-sumgesellschaft, ist, mehr Beziehung und Bindung zu unseren Kindern aufzubauen. Wann wäre es dafür zu spät?
Wenn wir nicht mehr atmen und unser Herz nicht mehr schlägt. Davor ist es immer unsere Wahl, ob wir auf Bindung und Beziehung setzen wollen und uns darum bemühen. Gerade weil ich eine grenzenlose Optimistin bin und an den Menschen und seine Entwicklung im Sinne Kants und Humboldts, dass „das Menschsein in der eigenen Person zur höchstmöglichen Ausformung kommt“ glaube, bin ich überzeugt, dass wir diese gesellschaftliche Stromschnelle erfolgreich passieren werden. Dafür habe ich schließlich als kleines Puzzleteil dieses Buch geschrieben.

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Sorgt mit ihrem aktuellen Buch für Zündstoff in Sachen Erziehung: Jugendpsychologin Martina Leibovici-Mühlberger (© Matthieu Munoz)

Dr. Martina Leibovici-Mühlberger ist Praktische Ärztin, Gynäkologin, Ärztin für Psychosomatik und trägt als Psychotherapeutin das European Certificate of Psychotherapy. Sie leitet die ARGE Erziehungsberatung und Fortbildung GmbH, ein Ausbildungs-, Beratungs- und Forschungsinstitut mit Fokus auf Jugend und Familie, sowie die ARGE Bildung & Management, ein Kompetenzzentrum für Personal- und Organisationsentwicklung mit Fokus auf humanistischer Unternehmensberatung. Sie ist Autorin und Verfasserin zahlreicher wissenschaftlicher Artikel.

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ISBN: 9783990011386
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