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Lifestyle | 10.10.2016

„Ich will leben und noch so viel erleben!“

Ihr Leben ist heute anders. Intensiver, manchmal vielleicht sogar bunter, die Zeit für sich, mit Freunden und Familie wichtiger. Zwei Frauen über ihren erfolgreichen Kampf gegen Brustkrebs und ein Mann über Angst und Ohnmacht eines Angehörigen.

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FAMILIENGLÜCK. Früher hatte sie lange, brünette, heute hat Kathi kurze, dunkle Haare und „sieht super aus!“, schwärmt ihr „Bald-Ehemann“ Markus Kerninger. (© privat)

Kathis Triumphtanz über den Krebs

Minutenlang tanzte Kathi Fürst auf der Bühne an der Seite von Robbie Williams. Die Ausstrahlung der jungen Frau mit dem raspelkurzen Haar war dem Weltstar selbst in der Menge ins Auge gestochen. „Da waren Tausende von Fans, Mädels mit ,Marry me’-Leiberln, aber Robbie hat ziel­sicher Kathi aus dem Publikum geholt“, erzählt Markus Kerninger. „Is that your husband?“, fragte Robbie sie auf der Bühne. „No, he is the father of my daughter“, lachte sie ins Mikro. Ihre Schlagfertigkeit begeisterte nicht nur Robbie Williams und das Publikum.  „Sie ist einfach großartig“, schwärmt jener Mann, der sehr wohl mehr ist als der Vater ihrer Tochter. Markus Kerninger und seine Kathi heiraten demnächst. Sie werden ihre Familie, ihre Liebe – und das Leben feiern. Denn es ist kaum zwei Jahre her, dass die heute 38-Jährige die Diagnose Brustkrebs bekam.
„Sie stillte ab und eine Brust wurde nicht kleiner“, sagt ihr Lebensgefährte. Sowohl seine Partnerin als auch er selbst sind Mediziner; ihre Großmutter hatte Brustkrebs, also unterzog sie sich bereits vor der Schwangerschaft einer Mammografie. Der Radiologin „gefiel etwas nicht“, sie riet zu weiteren Untersuchungen. Der zweite Radiologe, ein Spezialist, gab Entwarnung. Katharina Fürst wurde schwanger, fütterte ihre kleine Ilvie ohne Komplikationen. Bis zum Abstillen.
Umgeben von den Milchdrüsen, die auf Hochtouren arbeiteten, war der Tumor unbemerkt auf zehn Zentimeter gewachsen. Der Schock war enorm. Chemotherapie, Strahlentherapie, die Brust der jungen Frau musste abgenommen werden.

„Vor zwei Jahren musste ich erleben, wie zerbrechlich das System ist, wenn man selbst betroffen ist, was es bedeutet, Angst um das Leben zu haben.“
- Markus Kerninger, Arzt

Kathi
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(© privat)
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(© privat)

„Ich war fassungslos; ich hab geheult, fühlte mich ohnmächtig“, sagt Markus Kerninger. „Sie war stark, kämpfte.“
Kathi hatte lange brünette Haare, „jetzt sind sie kurz und dunkel und sie sieht super aus. Und das Wichtigste: Es geht ihr wieder gut.“
Das Robbie Williams-Konzert in Linz war ihre Belohnung. Ihr Triumphtanz über den Krebs. Auf ihren kahlen Kopf ließ sie sich den liegenden Achter als Zeichen für Unendlichkeit tätowieren. „Sie will nicht mehr dorthin zurück, wo sie zuvor war. Weil Krebs verändert. Immer. Alle. Insbesondere Frauen suchen oft nach dem Grund, warum sie erkranken“, weiß der Chirurg Markus Kerninger. „Sie fragen sich oft, ob sie mehr auf sich schauen hätten sollen.“
Er leitet die Brustambulanz im Krankenhaus Waidhofen/Ybbs und ist stellvertretender Leiter der Allgemeinen Chirurgie am selben Spital. Seit 2008 betreibt er eine eigene Ordination für Ästhetische Chirurgie in Seitenstetten. „Ich würde sehr hoffen, dass ich immer mit meinen Patientinnen einfühlsam umgegangen bin“, sagt er. „Vor zwei Jahren musste ich erleben, wie zerbrechlich das System ist, wenn man selbst betroffen ist, was es bedeutet, Angst um das Leben zu haben. Heute verstehe ich noch mehr.“

Ein Klick lohnt sich: Suchen Sie auf YouTube nach „Robbie Williams, Linz, Candy“ – und erleben Sie Kathis großen Auftritt mit dem Weltstar in Linz.

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Astrid (© Viktória Kery-Erdélyi)

Astrids weinrote Belohnung in Rauleder

Ehrgeizig war sie immer. Wenn‘s mal in der Arbeit länger dauerte, nahm sie ohne mit der Wimper zu zucken den nächsten oder übernächsten Zug. Drei Stunden aus Hohenau an der March nach Wien pendeln, den Urlaub mit einer großen Portion Freizeitstress vollpacken, störten Astrid Sukup nicht. „Ich war eine Getriebene, aber so sehe ich es erst heute.“ So sehr die Diagnose Brustkrebs sie 2012 aus der Bahn warf, nach nur drei Monaten steigt sie wieder voll im Job ein. Drei Operationen waren nötig; bei der dritten wurde auch ein Brustaufbau mit Implantat gemacht. „Mir war mein Auftreten wichtig. Ein Leben ohne Haare, ohne Busen war für mich unvorstellbar.“ Nachdem der Krebs operativ entfernt werden kann, entscheidet sie sich gegen eine Chemo- und für eine Hormontherapie; sie stellt ihre Ernährung um, verschlingt viele Bücher über Krebs. „Ich machte Sport, führte sogar Listen.“
Irgendwann spürt sie, dass das Hamsterrad zu schnell wird. Sie will auf die Bremse steigen, ist aber gerade mitten in einem Projekt und kann erst viel später ihre Stundenanzahl reduzieren.

Astrid
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(© Viktória Kery-Erdélyi)
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MIT KÜHLHAUBE. Gegen den Haarausfall während der Chemo (© Viktória Kery-Erdélyi)

„Durch die Krebshilfe lernte ich: Es geht nicht um Leistung, ich bin wertvoll, wie ich bin.“
- Astrid Sukup

Noch im September 2015 sind alle Untersuchungen ohne Befund. Wenig später beginnt ihr Immunsystem zu streiken, sie ist pausenlos verschnupft, hat Durchfall. Das viele Narbengewebe macht das Abtasten nicht leicht; als ihr erneut etwas verdächtig vorkommt, geht sie sofort zur Hausärztin. Den Ablauf kennt sie schon, die schlaflosen Nächte zwischen den Untersuchungen, ihre und die Ängste ihrer Lieben. Am 15. Dezember ist es traurige Gewissheit: Der Krebs ist wieder da. „Das Erste, was ich zu meinem Mann sagte, war: ,Ich will sterben.’“ Er, „eine Seele von einem Menschen, der jeden seiner Urlaubstage mit mir im Spital verbrachte“, ihre Familie und Freunde sind für sie da. „Ich heulte an Mamas Schulter. Sie sah mich an und sagte: ,Was heißt, du hast keine Ziele mehr?! Du kannst noch Bungee Jumpen!’ – Darüber muss ich heute noch lachen.“
Sie dachte, wenn alle an ihre Genesung glauben, dann muss sie ein zweites Mal in den Ring steigen.
„Diesmal war klar, dass auch das Brustimplantat entfernt und mir Chemo und Bestrahlung nicht erspart bleiben werden“, erinnert sie sich zurück. „Aber als der Verband abgenommen wurde, habe ich nicht geweint. Ich hab mich befreit gefühlt.“
Sie wird zur Skelettszintigraphie „in die Röhre“ geschoben und hat nur noch einen Gedanken: „Ich will leben und noch so viel erleben.“ Das Resultat: keine Tumore, keine Metastasen.
Die panische Angst vor der ersten Chemo führt sie erstmals zur Krebshilfe in Mistelbach. „Da war vom ersten Moment an Sympathie da“, erzählt Astrid Sukup. „Meine Beraterin Claudia Schiebel hilft mir jedes Mal, sie motivierte mich zum Tagebuchschreiben; sie baute mich auf, als ich mich wertlos fühlte, weil meine Energie gerade für einen Lebensmitteleinkauf reichte. Durch sie lernte ich: Es geht nicht um Leistung, ich bin wertvoll, wie ich bin.“
Sehr geholfen habe ihr auch die onkologische Rehab. Nicht nur die Therapien. Es tat gut, sich mit Menschen mit ähnlichen Leidenswegen auszutauschen, aber sie bekam auch viele praktische Infos mit – „zum Beispiel, dass Krebspatienten den Status des ,begünstigten Behinderten’ beantragen können, um einen erhöhten Kündigungsschutz und je nach Vertrag sogar mehr Urlaubsanspruch zu haben“, will Astrid Sukup betont wissen.
Acht Chemotherapie-Zyklen und 20 Bestrahlungstage liegen heute hinter ihr. Mit Hilfe der Kühlhaube – damit wird die Kopfhaut während der Chemo mit 3 Grad Celsius gekühlt – gelang es ihr, nicht all ihre Haare zu verlieren. Sie zieht ihre Bluse hoch, zeigt ihre von der Bestrahlung wunde Brust und kann dennoch lächeln. „Als ich die letzte hinter mich gebracht habe, bin ich mit meiner Freundin shoppen gegangen. Ich verliebte mich in eine sündteure Tasche. Meine Freundin hat mich angesehen und gesagt: Überleg einmal, was du alles durchgemacht hast. Die kaufst du dir jetzt.“ – „Ich habe ein Jahr meines Lebens verloren. Aber ich habe auch gewonnen. Beziehungen sind intensiver geworden – und ich hätte mich früher nie mit einer Tasse Tee auf die Terrasse gesetzt.“
Voraussichtlich im Winter will sie wieder arbeiten gehen. Mit nochmals reduzierter Stundenanzahl. „Ich will leben, genießen, nicht funktionieren.“

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Isabella (© Viktória Kery-Erdélyi)

Isabellas Lebensalbum

Sie war 20 Jahre jung, als ihre Mama starb. Der Krebs hatte sich überall ausgebreitet, „sie war kaum noch erkennbar“, sagt Isabella Svrcek. Ohne Vater aufgewachsen, verlor sie damit ihre wichtigste Bezugsperson. Eine größere Angst, als selbst eines Tages betroffen zu sein, kannte die junge Frau nicht.
Sie hatte eine Lehre für das Hotel- und Gastgewerbe und zur Bürokauffrau abgeschlossen. 18 Stunden die Woche arbeitete die Mama eines Kindergartenkindes am Empfang eines Großraumbüros.
Eines Abends, beim Fernsehen, spürt sie ein Jucken. Reflexartig kratzt sie sich und erstarrt: „Da war etwas. Wie eine Glasmurmel fühlte es sich an.“ Sie geht sofort zum Arzt, wird zur Mammografie weitergeschickt. „Es war Freitag und die wollten mir für irgendwann einen Termin geben. Ich habe gesagt, ich lege nicht auf, bis ich kommen darf – ich hätte das Wochenende nicht überstanden.“ Sie schnappt Söhnchen Lionel und geht zur Untersuchung; noch am Samstag empfängt sie ein Spezialist: „Am Röntgenbild sah es aus wie eine Blume, ich wusste, dass das nichts Gutes bedeutet“, erinnert sich die 29-Jährige. Nach der Biopsie besteht kein Zweifel, achtmal soll sie zur Chemotherapie. „Ich war fix und fertig. Die Diagnose war für mich wie ein Todesurteil; ich dachte mir, mit der Chemo wird das nur hinausgezögert. Ich hatte Panik davor, was mit meinem Kind geschieht, dass er dasselbe wie ich erleben muss ...“

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DEN KREBS BESIEGT. „Die allermeiste Kraft gab mir mein Sohn Lionel“, sagt Isabella Svrcek (© privat)
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(© Viktória Kery-Erdélyi)

„Der Krebs hat mich wachgerüttelt, erst jetzt weiß ich das Leben richtig zu schätzen und versuche, alles zu genießen.“ - Isabella Svrcek

Die Beziehung mit dem Kindespapa klappte zwar irgendwann nicht mehr, doch er unterstützt Isabella, wo er nur kann. Ebenso wie ihre Schwester, ihre Oma und ihre Freunde. Wenn es ihr noch so schlecht ging, „habe ich immer meine Perücke aufgesetzt und mich geschminkt; selbst bei 40 Grad habe ich so gekocht. Das war mir wichtig.“
Auch Gabriele Mausser von der Krebshilfe Wr. Neustadt stärkte ihr während der kräftezehrenden Therapie den Rücken. Sie sei gerade in der härtesten Zeit zum regelmäßigen Anker geworden, konnte der jungen Mutter viele Sorgen nehmen. „Ich fühlte mich vergiftet durch die Chemo, wie ein Monster“, schildert Isabella Svrcek. „Ich hatte Angst, wie Lionel reagiert, wenn ich meine Haare verliere, aber es war ihm egal“, schmunzelt sie. „Die allermeiste Kraft hat er mir gegeben.“
Ein Fotoalbum, das den Weg der zielstrebigen Kämpferin zeigt, und eine filigran hübsche Halskette mit dem liegenden Achter als Symbol für das unendliche Leben – beides Geschenke von Lionels Papa – sind quasi ihre Botschafter. „Ich habe alles hinter mir gelassen, bin heute gesund, und es geht mir super. Der Krebs hat mich wachgerüttelt, erst jetzt weiß ich das Leben richtig zu schätzen und versuche alles zu genießen.“

Ihren Job hat die junge in Traiskirchen lebende Frau bereits nach der ersten Chemo verloren. „Ich will so gerne wieder arbeiten! In Teilzeit, wegen dem Kleinen vormittags – am liebsten wieder am Empfang, weil ich sehr gerne unter Menschen bin ...“

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