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Lifestyle | 19.05.2015

Verfolgt. Die wahre Geschichte eines Stalking-Opfers

Der Exmann wurde zum Stalker, seine Aktionen der Stoff, aus dem Thriller sind.

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Stalking. Ein qualvolles Martyrium oft nach einem Beziehungsende (© iStock by Getty Images)

Er sprach kein tschechisch, sie nicht deutsch. Sie unterhielten sich auf Englisch, damals vor fast 20 Jahren, als sie ihren späteren Mann kennenlernte. Man konnte ihn nicht übersehen. Sein Auftritt war einnehmend. „Er war so charmant“, sagt Anna (Name zum Schutz der Familie geändert). Es funkte schnell. Zunächst schrieben sie einander Briefe, es folgten regelmäßige Besuche: Sie traf ihn im Waldviertel, er sie in Tschechien. „Eine aufregende Zeit, das Verliebtsein“, bemerkt sie trocken. Das Martyrium der vergangenen Jahre zerstörte längst den Zauber der ersten Monate.

Die Ehe

Anna war bald mit ihrer Tochter aus erster Ehe nach Österreich gezogen, es folgte die Hochzeit – das Paar bekam auch eine gemeinsame Tochter. Es schien das perfekte Glück zu sein: Er war selbstständig und erfolgreich, sie die Frau, die ihn sowohl daheim als auch in der Firma zur Seite stand.

Das große Glück begann schleichend zu zerbrechen. Zunächst gefielen ihm Annas Besuche in ihrer Heimat nicht. Wenn er mit ihrer Arbeit nicht zufrieden war, hagelte es bitterböse Kritik – auch vor den Angestellten. Eine andere Meinung ließ er nicht gelten. „Und zuhause sah er mich als seine Dienerin. Haushalt und Kindererziehung überließ er zur Gänze mir“, beschreibt Anna. Es gab Konflikte, aber die richtig großen Dramen nahmen ihren Anfang, als ihre große Tochter in die Pubertät kam. Die junge Frau zog aus. Und Anna war nahezu erleichtert. „Ich bin selbst darüber erschrocken, dass ich gehofft hatte, dass das die Lösung ist“, sagt Anna.

Die Situation besserte sich nicht. „Mein Exmann war ein Kontrollfreak.“ Es habe stundenlange Diskussionen um Verhaltensregeln gegeben. „Es war wie Gehirnwäsche“, seufzt sie. Er ließ sie gar selbst verfasste „Verträge“ mit einer Vielzahl an Bedingungen unterschreiben, damit sie einen Ausflug mit ihrer kleinen Tochter machen konnte.

Den traurigen Höhepunkt erlebten die Konflikte eines Tages, als er sie im Streit so heftig stieß, dass sie gegen einen Kasten flog und sich blutende Verletzungen zuzog. Sie beschloss zu gehen. „Ich wusste, dass es keine einfache Scheidung wird“, betont Anna. „Das Leben ist kein Spaziergang. Man hat mir nie irgendetwas am Silbertablett serviert.“

Die Verfolgung

Anna nimmt Kontakt mit einer Frauenberatungsstelle auf; sie packt das Nötigste und zieht mit ihrer kleinen Tochter in ein Frauenhaus. Es kommt zur Scheidung, dennoch akzeptiert er die Trennung nicht. Einerseits wollte er sie zurück und gleichzeitig versuchte er diverse Institutionen glauben zu machen, dass sie psychisch krank sei.

Das Jahre lange Verfolgtwerden nahm ihren Anfang. Er rief sie ständig an. Er ließ das Handy so lange läuten, bis die Mobilbox dranging. Dann wartete er stumm bis zum Endsignal. Er schickte Tausende SMS. Sie wechselte ihre Nummer, nach ein paar Monaten hatte er auch die neue. Er sendete ihr unzählbar viele Emails. Kaum hatte sie einen Facebook-Account, bombardierte er sie dort mit Nachrichten. „Ich habe mein Profil sofort gelöscht“, sagt Anna. Um mit ihr in Kontakt treten zu können, erfand er eine Krankheit....

Irgendwann erweiterte er sein Repertoire mit postalischen Briefen. „Mit Zeitungsausschnitten mit Grauslichkeiten, seltsamen Gedichten, Fotos... und all das von stets erfundenen Absendern“, schildert Anna, während sie einen Stapel an Kuverts und Zetteln auffächert, die einen sofort erschaudern lassen. „Manchmal kamen mehrere Briefe an einem einzigen Tag.“ Zum Empfänger wurde auch ihr späterer Lebensgefährte, und auch einer ihrer ehemaligen Vorgesetzten.

Ob sie Angst hat? „Der macht mir keine Angst mehr“, sagt Anna bestimmt. Zweimal hat sie ihn bereits wegen Stalkings angezeigt. Bislang ohne Konsequenzen für ihn. „Ich gebe nicht auf“, betont sie. „Kein Opfer in meiner Situation darf aufgeben. Lasst euch nicht fertig machen, lasst euch nicht krank machen! Wenn es euch ähnlich geht: Geht zur Polizei, erstattet Anzeige...Und: Verliert niemals euren Humor. Der ist überlebenswichtig“, sagt sie tatsächlich mit einem Augenzwinkern.


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Hartnäckig: Oft "bombardieren" Stalker ihre Opfer mit Zig Nachrichten pro Tag (© iStock by Getty Images)

Die wichtigsten Fakten über Stalking

  • In Österreich ist am 1. Juli 2006 das sogenannte „Anti-Stalkinggesetz“ (§ 107a Strafgesetzbuch, Tatbestand der „beharrlichen Verfolgung“) in Kraft getreten, das Opfer von Belästigungen besser schützen soll.
  • Unter Stalking versteht man kurz gefasst beharrliches Verfolgen bzw. Belästigen. Es tritt häufig während oder nach einer Trennung auf. Erfahrungsberichte zeigen: Vielfach liegt eine Vorgeschichte von Gewalt in der Beziehung vor. Bei schwerem Stalking sind 85 bis 90 Prozent der Opfer Frauen, rund 80 Prozent der Täter/innen sind Männer.
  • Stalking ist eine Form von psychischer Gewalt. Typische Stalking-Handlungen sind etwa ständige Anrufe, senden von SMS und Emails, Drohbriefe, aber auch das ständige Übermitteln von Geschenken, Verfolgung zuhause und ebenso an der Arbeitsstelle, verbale Drohungen – auch gegen Dritte (Familienangehörige, Freunde, Haustiere). Stalker wollen Macht und Kontrolle erlangen.
  • Laut einer Europa-Studie aus dem Vorjahr waren 15 Prozent der Frauen seit dem 15. Lebensjahr Stalking ausgesetzt.
  • Häufige gesundheitliche Folgen bei Stalking sind etwa Angst und Panik, chronische Schlaf- und Essstörungen, Kopfschmerzen, Niedergeschlagenheit, Depressionen bzw. Aggressivität, Konsum von Medikamenten/Alkohol, Suizid(versuche), sozialer Rückzug und Leistungsabfall...

Wenn du betroffen bist oder einer von Stalking betroffenen Frau helfen willst, wende dich am besten an eine der Frauenberatungsstellen in Österreich: www.gewaltinfo.at

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