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Lifestyle | 31.07.2017

Wenn Amor mehrfach zuschlägt

Sina Muscarina war 15, als sie spürte, dass sie mit einem monogamen Beziehungskonzept nicht glücklich wird. Heute ist die Psychologin Expertin für Polyamorie. Warum geheime Affären und freie Liebe nichts im gleichen Topf zu suchen haben, beleuchtet sie im Interview.

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BUNT WIE DIE MENSCHHEIT. Das „klassische“ Frau-Mann-Modell ist heute nur noch eines von vielen Liebeskonzepten (© Shutterstock)

Dass sie ein Interview gibt, ist nicht selbstverständlich. „Sehr lange war die Berichterstattung über uns schrecklich“, erklärt Sina Muscarina ihre mediale Enthaltsamkeit. Über einen Kamm geschoren mit der „freien Liebe“, landeten polyamoröse Menschen zumeist in einer schmuddeligen Ecke. Nur innerhalb der Community sprach die Psychologin über das Thema, das nicht nur Schwerpunkt ihrer Diplomarbeit war, sondern auch ihr persönliches Liebeskonzept. „Jetzt befinden wir uns endlich in einem Wandlungsprozess; Polyamorie ist nicht mehr so klischeebehaftet, das Interesse ist breiter“, sagt sie.
Sina Muscarina gehört zum Organisationsteam der transdisziplinären Konferenz „Nicht-Monogamien und kontemporäre Identitäten“ („Non-Monogamies and Contemporary Intimacies“) ab 31. August in Wien; aus ihrer Diplomarbeit ging ein Buch hervor: „Polyamorie. Mehr als eine Liebe“ (siehe Zusatzbericht).

NIEDERÖSTERREICHERIN: Wie definieren Sie Polyamorie?
Sina Muscarina: Das Wort Polyamorie hat eine griechisch-lateinische Herkunft (polýs: viel, amor: Liebe, Anm.); das ursprüngliche „Polyamory“ entstand in den USA. Es bedeutet nicht freie Liebe, es ist nicht einfach Sex mit mehreren Partnern. Der Begriff umfasst mehrere Aspekte von Liebesbeziehungen.


Sie schreiben, dass sich dabei Hie­rarchien ergeben...
Es gibt zumeist die Haupt- und weitere Beziehungen bzw. die Primär- und SekundärpartnerInnen. Oftmals basiert eine Primärbeziehung auf einer Ehe, auch mit Kindern. Meine Erfahrung ist aber: Beziehungen können fließen und Hierarchien müssen nicht immer starr sein.


Wie sehen polyamorös geprägte Beziehungen aus?
Sehr unterschiedlich. So gibt es in Amerika etwa auch eine Bewegung mit exklusiven Konstellationen, die nur Leute aufnehmen, die jeweils zu allen passen. Homoerotische Menschen sind diesbezüglich schon viel weiter; auch insgesamt entwickelt sich hier sehr viel. Relativ neu ist etwa der Begriff „heteroflexibel“, um Menschen zu beschreiben, die nicht bisexuell sind, sondern nur fallweise homoerotische Erfahrungen machen.


Könnte dahinter auch Bindungsangst stecken, sich nicht auf einen Menschen festlegen zu wollen?
Wir befinden uns im Wandel; es gibt bei uns kaum noch Normen, an die man sich halten muss. Polyamorie ist ein weiteres Feld, wohin man sich entwickeln kann, aber keine Lösung für Probleme. Ich nehme Abstand von Bewertungen; ich sehe Polyamorie – im Kontrast zur Monogamie – als eine weitere Möglichkeit, glücklich zu werden.


Die Vielliebe birgt aber auch Schwierigkeiten...
Jede Beziehungsform hat ihre Berechtigung, aber: Soziale Strukturen und die Gesellschaft erkennen noch nicht alle Formen egalitär an. Ein Beispiel: Mein Partner liegt nach einem Unfall im Koma im Spital; was tue ich als Sekundärpartner? Juristisch gesehen ist das ein problematisches Feld.

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AUS EIGENER ERFAHRUNG. Die Psychologin Sina Muscarina beschreibt sich als Solopolyamoristin: Sie lebt zwar alleine, ist aber mit mehreren Partnern in verschiedenen Ländern vernetzt. (© Björn Steinmetz)

„Wir haben heute den Luxus, unser Glück ohne Maske leben zu können.“

- Sina Muscarina, Psychologin

 

Ist Polyamorie ein Trend?
Dass sich Beziehungskonzepte weiterentwickeln, ist gut und wichtig; früher wurde etwa aus finanzieller Notwendigkeit geheiratet, irgendwann schlich sich die Liebe in die Heirat. Wir haben hier bei uns die Freiheit, unser Glück leben zu können, weil unsere Existenz durchaus als gesichert gilt. Wir haben den Luxus, die Liebe ungleich Romeo und Julia leben zu können, die das ohne gesellschaftliche Tragik nicht konnten. Zu Polyamorie stehen zu können, bedeutet, eine Maske weniger aufsetzen zu müssen.


Sie bezeichnen sich als Solopolyamoristin. Was bedeutet das?
(Lacht) Ich lebe hauptsächlich allein und bin mit verschiedenen Partnern vernetzt, die ich beispielsweise am Wochenende treffe. Ich bin immer gern und viel gereist – und führe auch heute internationale Beziehungen. Polyamorös bin ich eigentlich, seit ich 15 Jahre alt bin.


Sie schreiben von der Transformation – das heißt: „poly“ ist man nicht, das wird man?
Das ganze Leben ist eine Entwicklung! Transformation soll dazu führen, irgendwann ohne Scham zu sich selbst stehen zu können; es gibt aber Leute, die daran zerbrechen. Man wird nicht „poly“, weil man viele Bücher darüber gelesen hat, man muss schon so veranlagt sein. Ein Ehemann, der seiner Frau beichtet, dass er sie betrügt, ist deswegen nicht „poly“; so funktioniert das nicht. Heimliche Geliebte zu haben, ist für mich ein defizitäres Modell, weil dabei immer irgendwer draufzahlt. Polyamoröse Menschen – das hörte ich in meinen Interviews für mein Buch immer wieder – spüren ein Leben lang, dass „normale“, monogame Beziehungen nichts für sie sind; sie fühlen sich als Außenseiter. Weil sie sich oft nicht in soziale Netze eingebettet fühlen, nehmen sie schließlich ein großes Wagnis auf sich. Das Outing, wie man früher bei Homosexuellen sah, kann mit sehr vielen Problemen behaftet sein, auch bis zur Scheidung führen. Und doch haben viele die psychologische Resilienz, in die dunkelsten Winkel ihrer Seele zu schauen, Schwierigkeiten zu überwinden, weil es am Ende des Tunnels schöner ist als zuvor – wenn man seine Maske endlich abgelegt hat.

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Worin liegt nun der große Unterschied zu Affären?
In der Ehrlichkeit! Aber: Gerade in polyamorösen Beziehungen braucht die Wahrheit auch den richtigen Zeitpunkt. Wenn mein Primärpartner gerade einen Todesfall zu verarbeiten hat, wird er keine Lust haben, sich über neue Beziehungspartner zu unterhalten.


Kennen Sie auch polyamoröse Beziehungen mit Kindern?
Ja. Ich habe eine Familie kennengelernt, die zu dritt lebte: ein Ehepaar mit der Geliebten des Mannes und außerhalb der Wohnung hatte auch die Ehefrau eine weitere Beziehung. Wenn es den Eltern gut geht damit, ist das für Kinder absolut ok, die sind wertfrei. Wenn im ethischen Sinne alles korrekt abläuft, niemand misshandelt wird, ist das für Kinder vertretbar. Probleme können in Form von Vorurteilen kommen, aber zu erklären, dass das beispielsweise eine Freundin vom Papa ist, ist integrierbar.

 

KURZ & BÜNDIG:

Sina Muscarina ist gebürtige Salzburgerin; bis zu ihrem jüngsten Umzug in die Schweiz lebte sie in Wien. Sie studierte an der Universität Wien Psychologie; in ihrer Diplomarbeit erarbeitete sie biografische Analysen nicht-monogamer Beziehungen „als Beitrag zur Herstellung von akademischer Öffentlichkeit für die Anliegen vielfach liebender Menschen“.
„Polyamorie. Nicht nur eine Liebe – Herzen zwischen Erfolg und Hoffnung“ gab sie kürzlich als Buch im Eigenverlag heraus (ISBN 9783737567961; E-book: ISBN 9783737567954). Muscarina lebte bereits in New York, Lissabon und Berlin; Weiterbildung und Selbsterfahrung machte sie in
den Bereichen Kunst, Therapie und Krankenpflege.

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Internationale Konferenz in Wien


Die Psychologin ist Teil des Organisationsteams für die von 31. August bis 2. September 2017 stattfindende transdisziplinäre internationale Konferenz „Non-Monogamies und Contamporary Intimacies“ an der Wiener Siegmund Freud Universität. Der Ausgangspunkt: Traditionelle Praktiken und Vorstellungen von Ehe und Familie waren in den letzten Jahrzehnten rapiden Veränderungen ausgesetzt – von transnationalen Familienstrukturen bis zur zunehmenden Akzeptanz der „Homo-Ehe“. Im Fokus: Diese Transformationen – auch im Hinblick auf das Spannungsverhältnis etwa zu Monogamie – bergen sowohl gesellschaftliche Herausforderungen als auch Möglichkeiten.


sinamuscarina.wordpress.com
www.polyamory.at
nmciconference.wordpress.com

Lifestyle | 31.07.2017

„Es war ein Aha-Effekt!“

Leben und Lieben als „Poly“: Elisa Meyer, 31, erzählt.

Fast menschenhoch stapeln sich die Bücher in der kleinen Wohnung: Sie waren Nahrung für ihre Doktorarbeit über Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“. An der Tür in Richtung Schlafzimmer treffen einander ausgeschnittene Bilder von schönen Dessous und Brautkleidern. Ob sie einmal heiraten mag? „Das kann ich mir nicht vorstellen“, lacht die 31-Jährige. „Aber ich mag die Kleider.“
Das Werk des großen Schriftstellers hatte die Germanistin aus Luxemburg nach Wien gelockt, geblieben ist sie wegen ihrem Freund Sebastian...? Das wäre womöglich eine romantische Vorstellung, aber Elisa Meyers Liebesgeschichte ist komplexer. Sebastian ist nämlich ihr sogenannter Primärpartner; für ihn war es neu, sie hat bereits Erfahrung: Beide lieben immer wieder auch andere PartnerInnen, sie leben in polyamorösen Beziehungen.
Dass sie mit dem monogamen Konzept nicht glücklich wird, weiß Elisa Meyer, seit sie etwa 19 Jahre alt ist. Mitten in einer wunderbaren Beziehung verliebt sie sich damals in einen zweiten Herrn – und will und kann es nicht vor ihrem Partner geheimhalten. Die Beziehung(en) gehen in die Brüche, die junge Frau ist verletzt. „Ich war schockiert, weil ich alles kaputtgemacht habe.“ Nach jahrelangem freiwilligen Singledasein wagt sie einen zweiten monogamen Versuch – und scheitert. Da entdeckt sie den Begriff „Polyamorie“. „Es war ein Aha-Effekt, quasi eine Lösung“, erinnert sie sich. Sie beschließt, komplett in die „Poly-Szene“ einzutauchen, dort sollten „die Richtigen“ zu finden sein. Weil aber die Liebe selten nach Plan funktioniert, klappt es mit Sebastian, ihrem heutigen Partner, in einem ganz anderen Kontext.

Elisa Meyer, 31, erzählt.
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(© Privat)
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(© Privat)

Kuschel-Stunden. Er bewirbt sich bei dem von ihr gegründeten Verein, der professionell Kuschel-Stunden anbietet. Die diplomierte Kuschlerin findet ihn auf Anhieb sympathisch, bald funkt es. Dass „seine“ Elisa „poly“ ist, nimmt Sebastian unterschiedlich auf. „Manchmal will er nichts über andere hören, weil er zu fokussiert ist auf mich. Man muss sicher immer anschauen, was der andere gerade verträgt“, betont Elisa Meyer. Eine Zeit lang waren die beiden mit einem zweiten Mann unterwegs, sie hatte immer wieder auch Sekundärpartner; dass Sebastian andere Frauen datet, ist neu. „Er ist damit noch etwas überfordert und unsicher, aber ich freue mich sehr mit ihm. Ich fiebere mit wie bei einem Fußballspiel“, schmunzelt Elisa Meyer. Wenngleich polyamoröse Beziehungskonzepte ganz unterschiedlich aufgebaut sein können, so gibt es ein ungeschriebenes Gesetz: Es gibt keinen Betrug, man erzählt sich alles. „Weitere Beziehungen können meine Beziehung sehr positiv beeinflussen; er ist dann nicht so abhängig von mir“, findet sie.


Vorurteile. Elisa Meyer scheint mit ihrem Liebeskonzept in Harmonie zu sein. Was sie traurig macht? „Wenn man sich in Menschen verliebt, die ebenso empfinden, nur eben nicht poly sein können oder wollen. Ebenso schlimm: Leute, die zwar zustimmen, sich aber emotional nicht einlassen. Das wird dann nur ein Gewurschtel.“ Ein Vorurteil sei es nämlich, „Polys“ wollten nur Spaß. Tatsächlich gehe es um ehrliche, tief empfundene Gefühle. „Wer poly sein will, muss sehr an sich arbeiten“, weiß Elisa Meyer. Ihr Herzenswunsch: „Dass es einfacher wird, öffentlich übers Polysein zu sprechen – und dass man gerade als Frau dafür nicht geächtet wird.“

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