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Lifestyle | 11.04.2018

„Ich spiele für dich“

Vom Anfang bis zum Ende. Von der Neonatologie bis zur Palliativstation. Wie Musiktherapeutinnen und -therapeuten klingende Brücken bauen und zu Glück und Gesundheit beitragen.

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HARFE UND LAUTE. Ihre besonderen Instrumente ermöglichen den Musiktherapeuten eine sanfte Kontaktaufnahme zu den Patienten. (© IMC FH Krems)

Es passiert viel am Institut der Gesundheitswissenschaften der IMC Fachhochschule Krems. 2016 wurde ein Josef Ressel Zentrum für Musiktherapieforschung eröffnet. Nun legt man die Grundsteine für eine Kooperation mit dem Königreich Bhutan, wo seit den 1970ern das Konzept des Bruttonationalglücks forciert wird. Wir trafen eine inspirierende Expertenrunde in Krems: die Musiktherapeuten Iris Zoderer, Astrid Maria Heine und Gerhard Tucek (siehe auch „Mein Glücksmoment“).

 

Musiktherapie

… ist um die Förderung von körperlicher und seelischer Gesundheit  bemüht. Trotz Jahrtausende altem Wissen um die Kraft des (gemeinsamen) Musizierens ist das konkrete Berufsbild noch jung. Österreich galt europaweit als Vorreiter, als 2009 das Musiktherapie-Gesetz in Kraft trat. Darin wurde verankert, dass Musiktherapeutinnen  und -therapeuten mit einem Bachelor-Abschluss in einer Gesundheitseinrichtung im Angestelltenverhältnis bzw. mit dem Master auch in freier Praxis wirken können.
Mit großem Engagement vorangetrieben wird die Weiterentwicklung der Musiktherapie an der IMC Fachhochschule (FH) Krems. 2016 wurde dort das Josef Ressel Zentrum ins Leben gerufen. Das Ziel: die Vertiefung evidenzbasierter wissenschaftlicher Grundlagen für die Musiktherapie. www.fh-krems.at

 

NIEDERÖSTERREICHERIN: Professor Tucek, Sie gehören zu den treibenden Kräften für Musiktherapie. Was motiviert Sie für Ihr Engagement?
Gerhard Tucek: Wir sehen eine starke Entwicklung in der biologischen Behandlung von Menschen, aber die seelischen Prozesse bleiben oft unbeleuchtet. Da hat Musiktherapie eine große Möglichkeit. Mein Schwerpunkt: Das Individuum im Gesundheitssystem stärken.


Worauf zielt die Musiktherapie im Kern ab?
Tucek: Es gibt dazu schöne Texte aus dem historischen Kontext des Vorderen Orient. Ein wunderbarer Satz: In Zeiten der Bedrückung Freude in das Leben der Menschen bringen. Die Musiktherapie hat einen starken Drang in Richtung Salutogenese – wie kann ich gesunde Anteile stärken, während ich die Krankheit nicht verleugne.


Frau Zoderer, wie bereiten Sie Studierende vor, wenn Sie auf der Palliativstation arbeiten?
Iris Zoderer: Ich sage ihnen: Seid nicht irritiert. Menschen, die an diesem Punkt der Wende angekommen sind, sieht man die Vergänglichkeit an. Darauf, wie onkologische Patienten aussehen können, kann ich sie vorbereiten. Sonst muss man schauen, was passiert und das dann aufgreifen. Wir alle sind ohnehin unser ganzes Leben mit Loslösen beschäftigt. Sterben gilt meist als etwas Furchtbares, aber wenn jemand zufrieden ist mit dem, was er im Leben erreicht hat, kann es auch schön sein.
Tucek: Ein Leitsatz in der Ausbildung: Du selbst bist die Methode. Ich muss also das therapeutische Handwerkszeug beherrschen. Das ist das Faszinierende: Ich habe nichts anderes als meine Stimme, mein Instrument, meine Beziehungswilligkeit und damit meine Resonanzfähigkeit. Deswegen ist es so wichtig, bei der Ausbildung die Persönlichkeit der Menschen zu schulen.

 

Experten
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(M)ein Glücksmoment: Astrid Maria Heine, Musiktherapeutin (Schwerpunkte: Neurorehabilitation, Neonatologie), Wissenschaftliche Mitarbeiterin Josef Ressel Zentrum Ich kam auf der Neurologie zu einer Patientin, die sich kaum bewegen konnte, starke Schmerzen hatte und kürzlich ein Sprechventil gekriegt hatte. Sie konnte keine Sprache finden. Ich habe mit ihr Musiktherapie gemacht – und plötzlich beginnt die Patientin am Nebenbett, die zuerst die Augen geschlossen hielt, mitzusingen. Ich bin dann zwischen den beiden Damen hin- und hergewandert und als die Therapiestunde zu Ende war, sagt die Patientin mit dem Sprechventil: „Ma, war das schön.“ Ich habe zweimal die Woche mit ihr gearbeitet, es kam immer mehr von ihr, auch verbal.
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(M)ein Glücksmoment: Iris Zoderer, Musiktherapeutin (Schwerpunkt: Palliative Therapie), Lehrende an der IMC FH Krems, Wissenschaftliche Mitarbeiterin Josef Ressel Zentrum Ich erlebe auf der Palliativstation ganz unterschiedliche Stimmungen, wenn ich mit unseren Studierenden dort bin. Manchmal eine gedämpfte, manchmal eine freudvolle. Manchmal findet außerhalb der Zimmer, dort liebevoll „Dorfplatz“ genannt, ein richtig lustvolles Gruppengeschehen statt. Kürzlich kamen wir gerade an, als ein Patient, den wir länger betreut hatten, gerade abgeholt wurde. Noch einmal nach Hause kommen: Das war sein sehnlichster Wunsch. Es war schön, wie sich unsere vier Studentinnen von ihm verabschiedeten. Da strahlte er über beide Ohren und sagte: „Jö, bin ich leicht schon im Himmel?“ Aus dem Kontext gerissen, mag das irritieren. Für ihn war das ein freudvoller Moment.
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(M)ein Glücksmoment: Gerhard Tucek, Musiktherapeut, Leiter des Josef Ressel Zentrums, Institutsleiter für Therapiewissenschaften an der IMC FH Krems Wir waren auf der Intensivstation bei einem Patienten, der mehrfach an der Kippe zwischen Sein und Nichtsein war. Er hat erzählt, dass er den elterlichen Betrieb übernommen hatte, erfolgreich. Doch eigentlich wollte er Musiker werden. Ich nahm also ein Keyboard mit, weil er Klavier lernen wollte. 125 Tage Intensivstation hat er dann damit abgeschlossen, dass er „I did it my way“ am Klavier gespielt hat. Ein Gänsehautmoment von vielen.

Sie arbeiten vorrangig mit Harfe und Laute. Warum diese Instrumente?
Zoderer: Sie sind so anders, dass sie schon durch ihre Andersartigkeit einen Zugang bieten. Beide Instrumente haben sehr viel Weichheit.
Astrid Maria Heine: Die Therapie- oder Schoßharfe kann ich auch einhändig spielen. Das hilft bei Wachkomapatienten oder Patienten, bei denen man nicht weiß, ob sie merken, dass die Musik für sie ist. Ich kann dann mit einer Hand in Körperkontakt gehen, um zu zeigen: Ich bin bei dir, ich spiele für dich. Patienten, die ihre Finger bewegen können, können mitspielen, wir können gemeinsam improvisieren.


Sie haben eine Kooperation mit dem Königreich Bhutan gestartet. Worum geht es dabei?
Tucek: Wenn ich die Musiktherapie im Gesundheitssystem weiterentwickeln will, muss ich verstehen, wie andere Therapieansätze, etwa die Physio- oder die Ergotherapie, denken und handeln. Der nächste Schritt ist es, sich zu fragen, wie es andere Kulturen sehen. Was verstehen andere unter einem glückenden Leben? Steht ein Felsen im Königreich Bhutan auf der Trasse, wird er nicht weggesprengt, sondern umfahren. Wir hatten bereits einen Gast bei uns und werden im Herbst erneut zu uns einladen. Im Bhutan gilt es, im Einklang mit der Natur zu leben, weil wir selbst Teil dieser Natur sind. Das ist ein völlig anderer Denkansatz und ein wichtiger Inspirationsgeber. Der König sagt dort: Ich möchte den Erfolg meiner Gesellschaft nicht nur in Geld messen, sondern im Glück der Menschen (Bruttonationalglück, Anm.). Ein Entscheidungsträger überlegt also, was es für das Glück der Menschen braucht – da ziehe ich die Verbindung zur Musiktherapie: Wenn wir von einer Haltung ausgehen, dass ich mich als Musiktherapeut von Menschen bereichern lassen kann, dann ist für mich selbst der Sterbende eine Bereicherung. Dann ist die Situation zwar nicht weniger bedrückend, aber dann gehe ich in einen Austausch, in der ich auch als Person wachse.

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(© IMC FH Krems)
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(© IMC FH Krems)

Ein wichtiger Effekt im Zustand der Entspannung: Das Immunsystem springt an.

- Gerhard Tucek

 

„Begegnungsmoment“ – ein wichtiger Begriff in der Musiktherapie. Welche Bedeutung hat er?
Tucek: Wir sind als Menschen „ins Leben Geworfene“ und gehen in Wahrheit unseren Weg alleine. Nirgends sieht man das so deutlich, wie auf einer Intensiv- oder einer Palliativstation. Die Frage, die uns im Leben beschäftigt: Wie schaffe ich es, mich nicht als einsame Entität zu fühlen? Wie schaffe ich Momente der Verbundenheit? Wir merken, wenn wirkliche Begegnung stattfindet. Wenn Mutter und Säugling einander in die Augen schauen, synchronisieren sich die Gehirnwellen. Ein Begegnungsmoment! Wir Musiktherapeuten sind gefordert, gerade in der verletzlichen Phase der Erkrankung den Menschen dabei zu helfen, nicht zu vergessen, dass sie immer noch eingebunden sind, dass sie noch fähig zu Resonanzen sind. Entspannt in Resonanz zu sein, hat einen weiteren wichtigen Effekt: Wir wissen aus der Biologie, dass das Immunsystem im Entspannungszustand anspringt.