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Lifestyle | 18.06.2015

Manchmal war die Tür versperrt...

Einem Bilderbuch sind ihre leiblichen Eltern nicht entsprungen. Iris macht ehrgeizig ihre Ausbildung, geht ihren Weg. Erhobenen Hauptes. Meistens... Doch immer sozusagen mit einer zweiten Familie als Rückenstärkung. Dank Pro Juventute

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Die Liebe zur Mama bleibt, sagt Iris (© Viktória Kery-Erdélyi)

Manchmal war die Tür versperrt, wenn sie von der Schule heimkam. Wenn Mama sehr traurig war oder viele Stunden verschlafen hatte, schlich sich Iris hinters Haus und verschüttete Tetra Paks an Wein. „Schau, wie schön sie war“, streicht die 20-Jährige stolz über ein Foto. „Köpfchen hatte sie auch.“
Das Album, in dem mich die junge sympathische Frau blättern lässt, hat sie selbst gemacht. „I love you, Mama“, schrieb sie auf die erste Seite. Und drei Daten: ihren Geburtstag und die Todestage ihrer Eltern …

Iris hatte keinen einfachen Start ins Leben. Umso mehr erstaunt das Gespräch mit ihr: Jede Antwort ist gut durchdacht, ihre Weltanschauungen sind offen und reflektiert. „Die Wohngemeinschaft, in die ich kam, wurde wie eine zweite Familie. Das ist sie bis heute, auch seit ich ausgezogen bin“, sagt sie. Sie war zwölf, als ihre Mama nicht mehr allein für sie sorgen konnte. Bis vor Kurzem lebte Iris in Laa an der Thaya, in einem der sechs Pro Juventute-Häuser in Niederösterreich.

Als die Polizei zu Hause anrief und ihre Mutter bat, ihren Hund von der tschechischen Grenze abzuholen, war Iris vier Jahre alt. Papa hatte einen Unfall, hieß es. „Ich wusste schon früh, dass es Selbstmord war“, sagt sie. „Er war Arzt, die private Praxis lief nicht gut. Er wurde depressiv. Er wusste, wie man Alkohol mit Tabletten mischte.“ Trotzdem sagt Iris, dass sie eine schöne Kindheit hatte, auf dem Vierkanthof, den ihre Mama so geliebt hatte. Zumindest bis zur Hauptschule. Von glücklichen Tagen erzählen Fotos mit Staubzucker-Wangen vom Krapfenessen, mit lachenden Kinderaugen in der Badewanne. Doch das Album ist vielleicht halb voll.

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Aus glücklichen Kindertagen: Iris und ihre Mama (© Privat)

Als Iris in die Hauptschule kam, begann sich die Alkoholkrankheit ihrer Mama am Körper zu rächen. „Sie hatte immer wieder epileptische Anfälle.“
Iris hat eine starke Bindung zu ihren Großeltern, sie leben aber in Deutschland, wollen ihr Enkelkind nicht entwurzeln. „Ich war realistisch. Dass ich bei Mama nicht bleiben konnte, wusste ich. Ich bin dankbar, dass ich in die WG kam – noch dazu, weil wir dort auch Tiere hatten“, erklärt sie. „Wir haben sogar Urlaube gemacht. So etwas kannte ich nicht. Ich dürfte mich nicht beschweren.“

Dass sie das sehr wohl darf, weiß sie letztendlich doch. Wenn sie beispielsweise wieder eine traurige Phase überrollt, wenn sie von Mama träumt und davon, dass sie wieder aufersteht und so ist wie früher. Erst vier Jahre ist es her, da starb die hübsche Frau aus Iris‘ Album an den Folgen ihrer Suchterkrankung.
„Es bringt mir nichts, wenn man mir sagt, dass sie von oben auf mich hinunterschaut“, ist sie empört. Die Wut ist auch gegen Mama omnipräsent. Und die Angst, in ähnliche Fallen zu tappen. „Ich liebe das Lesen, verschlinge zig Romane, wie früher Mama auch. Aber im Gegensatz zu mir lebte sie in einer Traumwelt.“

Iris geht ihren Weg. Erhobenen Hauptes. Meistens. Sie machte zunächst eine Ausbildung zur Pferdewirtin, derzeit absolviert sie voller Stolz eine Lehre zur Einzelhandelskauffrau. Kürzlich kaufte sie sich ihr erstes Auto. „Damit ich Oma in Deutschland besuchen kann.“ Sie lebt in einer Wohnung, die sie mit Unterstützung von Pro Juventute fand. Und sie ist glücklich verliebt. Zusammenziehen? „Mein Freund würde schon wollen“, sagt sie. „Aber ich nicht. Vielleicht habe ich Angst, so zu werden wie Mama … Ich vermisse sie.“

Über die wertvolle und wichtige Arbeit von Pro Juventute sprachen wir auch mit Geschäftsführerin und Psychologin Petra Steindl. Das ausführliche Interview liest du in der Juni-Niederösterreicherin. Hol sie dir in deiner Trafik!


SPENDE FÜR UMBAU

Die sozialpädagogische Wohngemeinschaft Klosterneuburg wurde 1990 eröffnet. Den heutigen Ansprüchen entspricht das Haus nicht mehr. Es ist derzeit ein großer Umbau im Laufen, 345.000 Euro müssen investiert werden. Pro Juventute ist dabei auf Spenden angewiesen. Du kannst mithelfen, für die Kinder und Jugendlichen nach einem oft schwierigen Start ins Leben schöne Rückzugs-, Lern- oder Spielmöglichkeiten entstehen zu lassen. Spendenkonto: Salzburger Sparkasse, IBAN: AT61 2040 4000 4040 4600 BIC: SBGSAT2SXXX

 

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