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Lifestyle | 23.11.2016

Ein Neuanfang

Wenn es zuhause gar nicht mehr geht: Wir durften einen Abend in der betreuten Mädchen-Wohngemeinschaft „mission: possible“ verbringen. Lachtränen und Tränen der Rührung inklusive.

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VOR DEM AUS GERETTET. Vor 15 Jahren änderte ein Anruf das Leben der Geschäftsfrau Luzia Artmüller. Seither engagiert sie sich mit viel Herz für die WG und die jungen Bewohnerinnen (die Gesichter der jungen Frauen werden zum Schutz ihrer Privatsphäre nicht gezeigt). (© Viktória Kery-Erdélyi)

Die limitierte Handyzeit findet sie „total altmodisch“. Und den Ausgang viel zu kurz. „Wenn du mit Freundinnen was machen willst, willst du nicht nach drei Stunden zuhause sein müssen“, empört sich Sophie*. Die Kürbiscremesuppe sei übrigens „der Hammer, obwohl ich Gemüse echt hasse“, lacht sie.

*Namen von der Redaktion geändert, um die Privatsphäre der Mädchen zu wahren


Dafür rührt Marie die gebratenen Würstel nicht an. „Ich habe Dokus gesehen, wie Tiere gehalten, gequält werden. Da will ich so etwas nicht essen.“
Mia erzählt lachend über die Burschen in der Klasse, die glatt noch in den Kindergarten gehörten und Doris ist ganz aus dem Häuschen, weil sie am Wochenende in eine eigene Wohnung zieht ...
Die Mädchen switchen im Blitztempo zwischen den Themen, die sie beschäftigen – und haben auch Fragen an mich, die Journalistin, die bereits seit Tagen angekündigt war. Die Szenerie erinnert an jene einer kinderreichen Familie: Es wird geplaudert und gelacht, diskutiert und gestritten – mitunter fließen auch Tränen.
Doch die jungen Frauen sind nicht miteinander verwandt. Die Wohngemeinschaft (WG) namens „mission: possible“ ist mehr als ein Zufluchtsort, wenn es daheim gar nicht mehr geht. Die Einrichtung in Brunn am Gebirge hält ihre Pforten auch für traumatisierte Mädchen offen: Sie kommen aus zerrütteten Familien, haben Miss­brauchserfahrungen, alkoholkranke Eltern oder sie überhaupt schon verloren.

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ORIENTIERUNG. Zielstrebig, klug und selbstbewusst erleben wir die junge Frau, die ihre Herzensbotschaft auf dem Shirt trägt. (© Viktória Kery-Erdélyi)

Ohne Worte. „Manche waren auf der Psychiatrie, sind teilweise suizidgefährdet“, weiß Alexandra Kimla, pädagogische Leiterin von „mission: possible“. „Jugendlichen ist es oft nicht möglich, mit Worten auszudrücken, was sie bewegt, belastet oder verletzt. Sie äußern Gefühle oft über psychische oder psychosomatische Störungen oder Verhaltensauffälligkeiten.“
Auf 300 Quadratmetern, in Einzel- bzw. Doppelzimmern will ihnen die Einrichtung die Möglichkeit geben, ein neues Kapitel in ihrem jungen Leben aufzuschlagen. Zehn Mädchen im Alter zwischen 14 und 18 Jahren wohnen dort; sie besuchen die Schule oder machen eine Berufsausbildung – die Aufarbeitung des Erlebten findet auch in Einzeltherapien Raum.
An diesem Abend darf ich Luzia Artmüller in die WG begleiten, die mit Umarmungen empfangen wird. Bis vor rund 15 Jahren hatte die vielseitige Geschäftsfrau – unter anderem Inhaberin einer EDV-Firma – recht wenig mit sozialem Engagement auf dem Hut. Ein Telefonat veränderte alles. „Eine sehr gute Freundin sagte mir: Die WG wird geschlossen, die Mädchen müssen raus, wenn wir nicht etwas tun“, erinnert sie sich. In wenigen Tagen gelang es Artmüller, einen neuen Vereinsvorstand aus dem Boden zu stampfen und die Einrichtung vor dem Aus zu retten. „Das Haus war damals in einem schlimmen Zustand und ich hatte von dem Ganzen keine Ahnung“, gibt sie zu. Heute sind die Mädchen ein wichtiger Teil ihres Lebens; selbst ihre Tochter studiert nunmehr Sozialpädagogik. „Manchmal, wenn ich mit den Mädels beispielsweise reiten fahre und sie sich die ganze Zeit im Auto streiten, frage ich mich ehrlicherweise schon, warum ich mir all das antue. Dann brauche ich fünf Minuten, um mich zu sammeln, komme zurück und finde sie in totaler Harmonie bei den Pferden wieder, wie sie den Stall ausmisten oder die Tiere striegeln. Ja, genau dafür zahlt sich all die Mühe aus.“

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SINGEN ALS THERAPIE. Einmal in der Woche singen die WG-Bewohnerinnen mit Sabine Müller-Vohnout. Das Wichtigste dabei: das Selbstvertrauen stärken (© Viktória Kery-Erdélyi)

Musical. Die jungen Frauen kommen über Zuweisung des Jugendamtes in die WG, die Freiwilligkeit ist Bedingung. Die finanzielle Absicherung des täglich Notwendigen ist gegeben. „Ohne Spenden ginge es trotzdem nicht“, betonen Alexandra Kimla und Luzia Artmüller unisono. Ihnen beiden liegt das gemeinsame kreativ-künstlerische Arbeiten, der gruppentherapeutische Aspekt besonders am Herzen. Diese Projekte stärken nachhaltig den Selbstwert, das Durchhaltevermögen, die Teamfähigkeit und die Toleranzbereitschaft.
Viele Schuhabsätze liefen sich die beiden Frauen in der Vergangenheit auf der Suche nach Sponsoren ab, um etwa einen Jahreskalender mit Arbeiten der Mädchen, eine Studioaufnahme einer CD oder Musicalaufführungen verwirklichen zu können. An solchen Projekten wird monatelang gearbeitet; auch an diesem Abend gastiert die Sängerin Sabine Müller-Vohnout bei „mission: possible“. Längst wurde die Wienerin quasi als Familienmitglied aufgenommen; Atemübungen, Gesangstechniken, Spiele, und Singen ganz nach dem Geschmack der Teilnehmerinnen stehen am Programm. „Die Mädels haben alle ihre Geschichten, ich versuche aber, alle gleich zu behandeln und sie von ihrem Alltag und Sorgen ein bisschen abzulenken. Ich will ihnen in erster Linie Selbstvertrauen geben – und Singen trägt dazu bei.“ Viel professionelles Engagement steckt hinter diesen klingenden Stunden; manche schlagen später tatsächlich eine musikalische Laufbahn ein bzw. treten selbst nach ihrer WG-Zeit regelmäßig auf.

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ÜBERGABE VOR DER NACHTRUHE. Katharina Hartmann, diplomierte Sozialpädagogin, und Verena Ehrnberger, Juristin und Propädeutikum-Praktikantin (© Viktória Kery-Erdélyi)

Vor dem Schlafengehen. Nachdem sich die Sängerin verabschiedet, herrscht Aufbruchsstimmung – in Richtung Nachtruhe. Einige der Zimmer sind erst kürzlich mit viel Liebe zum Detail und zum Großteil in Eigenregie renoviert worden, erzählt Luzia Artmüller stolz, die selbst stets mitanpackt. In das Obergeschoß darf ich als Journalistin aus verständlichen Gründen nicht: Die Privatsphäre der Mädchen soll gewahrt werden. Mit einem Klemmbrett steht Verena Ehrnberger am Treppenabsatz. Die Juristin macht gerade ein Praktikum im Rahmen ihrer weiteren Ausbildung; die hochkomplexe Liste enthält die Haushaltsaufgaben inklusive Plus- und Minuspunkte. Wer weit unter null rutscht, muss mit Taschengeld- oder Ausgangskürzungen rechnen. Während eines der Mädchen über die Badreinigung verhandelt, zischt ein anderes mit einem Energydrink in der Hand vorbei. Die Dose wird sogleich konfisziert – mit dem Versprechen, sie „fachgerecht“ bis zum nächsten Tag im Kühlschrank aufzubewahren. Seit fünf Jahren gehört die diplomierte Sozialpädagogin Katharina Hartmann zur „mission: possible“: „So anstrengend es auch ist, ich gehe in dieser Arbeit total auf. Sie macht viel Sinn und man kriegt unheimlich viel von den Mädchen zurück.“

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TEAM. Die pädagogische Leiterin Alexandra Kimla und Luzia Artmüller vom Vereinsvorstand „mission: possible“ (© Viktória Kery-Erdélyi)

Die Eltern ins Boot holen. Großer Wert wird auf die Ausbildung der jungen Frauen gelegt. „Wir versuchen, die Mädels von Klischees und der typischen Berufswahl abzubringen“, beschreibt die pädagogische Leiterin Alexandra Kimla. Mit Erfolg: Als angehende Tischlerin, KFZ-Mechanikerin oder Feuerwehrfrau ist man längst keine Exotin mehr in der WG. Geht es um Jobs oder Ausbildungsplätze, „unterstützt uns regelmäßig der Soroptimist Club Mödling“, betont Luzia Artmüller.
Am härtesten sei aber die erste Zeit in der WG, weg von zuhause. „Das war echt schlimm, ich war ja noch ein Kind, habe kaum den Mund aufgemacht“, sagt heute, zwei Jahre später, eine selbstbewusste junge Frau, die ihre Zukunft mit verblüffender Klarheit vor sich sieht. An einer späteren Führungsposition arbeitet die intelligente Dame jetzt schon hart, das bestätigen auch ihre Betreuerinnen.
Das multiprofessionelle Team besteht aus Sozialpädagoginnen, Sozialarbeiterinnen und Psychologinnen. Ersatz für Mama und Papa sind sie nicht. „Anfangs empfinden uns die Eltern oft als Konkurrenz; dabei ist uns intensive Zusammenarbeit sehr wichtig. Ohne die Eltern geht nichts, sonst kann man keine Veränderung bewirken.“ Und schließlich geht es genau darum: was auch immer geschehen sein mag, den Mädchen neue Wege zu ermöglichen. Mission possible.

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