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Lifestyle | 04.04.2018

Bodyshaming

Social-Media-Plattformen setzen Jugendliche massiv unter Druck: Nur wer schlank, fit und schön ist, bekommt Likes. Die anderen sehen sich immer öfter mit Beleidigungen konfrontiert, dem „Bodyshaming“.

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„Bodyshaming“ bedeutet, einen anderen Menschen aufgrund bestimmter Körpermerkmale schlechtzumachen oder herabzuwürdigen. (© Shutterstock)

Fette Kuh!“, „Leggings sind nur etwas für Mädchen mit schlanken Beinen“,  „Du siehst aus wie ein Skelett, absolut unsexy“, „Vor deinem Schwabbelkörper werden alle Jungs davonlaufen!“

Beleidigungen und abwertende Kom­mentare anderer zum eigenen Körper und Aussehen scheinen auf Social-Media-Plattformen an der Tagesordnung zu stehen. Wer Fotos von sich postet, muss offenbar damit rechnen, zur Zielscheibe von Spott und Hohn zu werden. Besonders davon betroffen sind Mädchen und junge Frauen. Der Verein PROGES (Verein für prophylaktische Gesundheitsförderung) beschäftigt sich bereits seit einigen Jahren mit dem Körperbewusstsein von Mädchen und jungen Frauen. Geschäftsführerin Doris Formann macht besonders den medialen Einfluss und dessen ungesunde Darstellung weiblicher Schönheit dafür verantwortlich, dass sich immer mehr Mädchen optisch unzulänglich fühlen. „Wir wissen, dass Mädchen im Alter zwischen zehn und 14 Jahren besonders sensibel sind, was ihren Körper betrifft“, erzählt Formann. „Die körperlichen Veränderungen sind in diesem Alter meist massiv und verunsichern zutiefst. Viele Mädchen fragen sich: Ist das normal? Und ist das schön?“

Unzufriedenheit in Zahlen. Zahlen bestätigen, dass unrealistische und mitunter gefährliche Schönheitsideale den weiblichen Selbstwert stark beeinflussen. So sind bis zu 70 Prozent der Zwölf- bis 16-Jährigen mit zwei oder mehr Körperstellen unzufrieden. 80 Prozent wären gern dünner und bis zu 60 Prozent machen bereits Diäten. Zahlen, die auch die Linzer Medienpädagogin Sissi Kaiser nachdenklich stimmen. Sie sieht dringenden Handlungsbedarf. „Bei meinen Projekten an Schulen erzählen mir die Lehrerinnen, dass sich das Thema Bodyshaming bei den Schülern wie ein grausiger roter Faden durchzieht“, sagt Kaiser. „Besonders weil die Mädchen einem Körperideal nachhängen, das es im realen Leben gar nicht gibt. Niemand sieht so aus wie das Model in der Unterwäsche-Werbung – nicht einmal das Model selbst.“

Bei ihren Workshops in Schulen setzt sie sich deshalb intensiv mit dem Thema „Manipulation von Bild und Film“ auseinander. „Wir zeigen dabei unter anderem Photoshop-Techniken im Vorher/Nachher-Vergleich, die ganz klar erkennen lassen, dass der fotografierte Mensch lediglich die ,Grundperformance’ bietet“, erklärt Kaiser. „Aber mit der entsprechenden Software kann man jeden Menschen zur Kunstfigur machen. Beine werden länger, Kilos, die keine sind, werden wegretuschiert, die Haut wird farblich angepasst. Vom fotografierten Menschen selbst bleibt nur noch die Hülle übrig.“

Optimierungsdruck steigt. Auch der PROGES-Workshop, der seit Herbst für Neue Mittelschulen angeboten wird, zielt auf eine kritische Auseinandersetzung mit gängigen Körpernormen und Schönheitsidealen ab. Angeboten wird er für Mädchen von zehn bis 14 Jahren. „Obwohl auch der Optimierungsdruck unter Burschen größer wird, sind es immer noch die Mädchen, die viel mehr in ihrer Optik gemessen werden“, weiß Doris Formann. „Das ist ein grundsätzlicher gesellschaftlicher Missstand.“

Bei den Workshops geht es auch darum, den Mädchen die richtige Gedankenhaltung in Sachen Bodyshaming zu vermitteln. „Es gibt da diesen Spruch: Was Petra über Paula sagt, sagt mehr über Petra aus als über Paula“, so Formann. „Das bedeutet, dass Beleidigungen und negative Kommentare mit der Unsicherheit der anderen Person zu tun hat. Diese Erkenntnis macht den Umgang mit blöden Kommentaren zumindest ein bisschen leichter.“

Prominente Bodyshaming-Opfer
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Plus-Size-Model Ashley Graham war bereits am Cover von „Sports Illustrated“, trotzdem wird sie im Netz als „fett“ und „widerlich“ beschimpft.
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Auch Superstar Rihanna wurde vorigen Sommer wegen ihrer neuen Kurven auf Instagram verunglimpft.
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„Du hast Oberschenkel wie ein Mann“ – sogar Fitness-Bloggerin Sophia Thiel muss sich immer wieder mit blöden Kommentaren herumschlagen.

Wichtig sei es auch, darüber zu sprechen und sich, wenn möglich, Verbündete zu suchen – etwa Freundinnen, denen es ähnlich ergangen ist. Außerdem mache es Sinn, Eltern und Pädagogen ins Boot zu holen. „Uns ist natürlich klar, dass das für viele Mädchen in dieser Situation undenkbar ist“, so Formann. „Dennoch spielt es eine wesentliche Rolle dabei, das Thema öffentlich zu machen und beleidigende Verhaltensmuster zu durchbrechen. Auf keinen Fall sollten Betroffene das Ganze runterschlucken und sich zurückziehen.“

Möglichst viele Likes. Dass immer mehr Mädchen mit ihrem Aussehen unzufrieden sind, hält Medienpädagogin Kaiser für eine Folge der Werteverschiebung: „Gefühlt geht es in der westlichen Welt nicht mehr um Themen meiner Kindheit, wie Selbstentfaltung oder wie ein glückliches Leben für den einzelnen Menschen aussehen könnte. Es geht heute vielmehr darum, reich und berühmt zu werden, möglichst viele Likes zu bekommen und um Pseudo-Individualität, die sich an Marken orientiert.“

Die sozialen Medien haben diese Entwicklung aus ihrer Sicht verstärkt, weil man jene Menschen, die sich dort präsentieren, tatsächlich kennt – im Gegensatz zu Models, zu denen man keinen persönlichen Kontakt hat. „Man kennt die Menschen aus dem normalen Leben, der Schule oder von der Arbeit“, sagt Kaiser. „Das Besondere ist nun, dass diese ihre Fotos nachbearbeiten, um einem Schönheitsideal zu entsprechen. Menschen aus unserem privaten Umfeld ,optimieren’ also ihr Äußeres. Genau das ist meiner Ansicht nach einer der wesentlichen Gründe für den damit entstehenden gesellschaftlichen Druck. Es geht nicht mehr um die Realität, sondern darum, sich selbst zu vermarkten.“

Aha-Erlebnisse für Mädchen. Auch TV-Formate wie „Germany‘s Next Topmodel“ verstärken laut Experten den Optimierungsdruck auf Mädchen. Dass die „Model-Anwärterinnen“ oftmals alle sehr ähnlich aussehen, ist den jungen Zuschauern nicht bewusst. „Darum sprechen wir das bei unseren Workshops ganz bewusst an und arbeiten mit den Mädchen heraus, was das Besondere und Einzigartige an ihnen ist“, berichtet Doris Formann. „Das kommt unglaublich gut an und löst oft ein Aha-Erlebnis aus. Schließlich zählt immer der gesamte Eindruck eines Menschen und nicht nur eine Momentaufnahme als Foto!“

Als sehr positiv empfinden beide Expertinnen Gegenbewegungen, wie jene unter dem Hashtag #notheidisgirl. Dabei haben Frauen weltweit ihren Unmut ins Netz gestellt und klargemacht, dass sie sich von niemandem sagen lassen wollen, was Schönheit ist. „Auf längere Sicht können solche Aktionen ein Umdenken bewirken“, sagt Formann. „Auf jeden Fall hat es eine differenzierte Auseinandersetzung mit Schönheitsidealen zufolge.“