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People | 07.07.2016

Sie gestalten unsere Heimat

Unsere Landwirte durchleben eine harte Zeit. Tausende Betriebe sind in Existenznot. Mag. Klaudia Tanner steht als Direktorin an der Spitze des NÖ Bauernbundes. Neben effizientem Krisenmanagement und einem umfassenden Entlastungspaket gilt es aber gerade jetzt, Mut und Zuversicht zu stärken, denn unsere Bäuerinnen und Bauern sichern unsere Zukunft.

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KAMPAGNE. Die Sympathieaktion für die Bauern läuft auf Hochtouren. (© Doris Schwarz-König)

„Das fünfte Jahr in Folge müssen unsere Bäuerinnen und Bauern mit sinkendem Einkommen rechnen, 16.000 Betriebe sind am Ende ihrer Leistungskraft und stehen vor dem Zusperren. Verantwortlich dafür sind die äußerst niedrigen Erzeugerpreise für die heimische Landwirtschaft, speziell im Milch- und Fleischbereich. So kostet etwa ein Kilo Schweinekotelett im Handel aktuell um die vier Euro. Der Bauer bekommt dafür gerade einmal 1,45 Euro und weniger. Vom Liter Vollmilch bleiben den Milchbauern gerade einmal 27 Cent. Durch die ruinösen Erzeugerpreise, insbesondere bei Schweinefleisch, Milch, Rindern und Gemüse ist die Lage in der niederösterreichischen Landwirtschaft sehr ernst“, führt uns Klaudia Tanner in die aktuelle Problematik ein. In die dramatische Lage jener Menschen, die mit ihrer tagtäglichen Arbeit, 365 Tage im Jahr, unser Land gestalten, ja lebenswert machen. Bricht der Bauernstand weg, so wird nichts mehr so sein, wie es war. Denn die Bauern sichern nicht nur unsere Lebensmittel und unsere Umwelt, sondern auch unsere Kultur und identitätsstiftende Traditionen. Ein Land ohne Bäuerinnen und Bauern wäre ein Land ohne Zukunft. Deshalb gilt es für den Bauernbund zu handeln.

NIEDERÖSTERREICHERIN: Frau Direktor, Ihre landesweite Kampagne „Da schau’n wir drauf!“ läuft auf Hochtouren. Worum geht es dabei?

Klaudia Tanner: Für uns ist Qualität mehr als nur ein Wort. Mit über 4.000 Feldaufstellern, 5.000 Hofta­feln und vielen Aktionen möchten wir auf die Leistungen unserer Bäuerinnen und Bauern aufmerksam machen und bei den Konsumenten und KundInnen das Bewusstsein und das Bekenntnis zu gesunden, regionalen und nachhaltig produzierten Lebensmitteln wecken. Die drei Prozent der Bevölkerung, die in der Landwirtschaft tätig sind, versorgen das ganze Land mit hochwertigen, wertvollen Lebensmitteln. Daneben sichern uns diese 41.000 landwirtschaftlichen Betriebe auch erneuerbare Energie, eine gepflegte Landschaft und den Erhalt von Kultur und Tradition. Werte und Leistungen, auf die mehr als 80 Prozent der österreichischen Bevölkerung stolz sind.

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(© Doris Schwarz-König)

Sie haben neben dieser Werbeaktion auch einen landesweiten Aktionstag veranstaltet. Sehen Sie die Kunden als Partner der heimischen Landwirtschaft?

Unbedingt und absolut! Die Kunden sind die wichtigsten und stärksten Partner und Verbündeten der Bäuerinnen und Bauern, denn deren tägliche Wahl bestimmt Art und Menge der Erzeugung. Doch sie können nur auswählen, wenn ihnen der Lebensmittelhandel und die Außer-Haus-Verpflegung die Chance dazu gibt. Wir wollen das Bewusstsein für regionale Lebensmittel entsprechend stärken und bewusst machen, dass jeder Griff ins Regal eine politische Aktion ist, welche die Produktionsbedingungen, Qualitätsstandards und die Handelsstruktur dementsprechend beeinflusst. Dies wollen wir bei unserem Aktionstag im direkten Gespräch vor Supermärkten, Bauernläden und Einkaufsmeilen aber nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern sympathisch und authentisch tun. Gerade unsere Bäuerinnen sind sehr authentische Botschafterinnen, deren Rezepte für eine gesunde Ernährung sehr gern angenommen werden. So haben wir rund 42.000 Kunden direkt vor Ort erreicht.

Welche Botschaften haben Sie für die Kundinnen und Kunden der Bauern?

Die KundInnen sind mündig genug und wissen genau, was Sie an den BäuerInnen in ganz Österreich haben, nämlich eine Landwirtschaft, die auf gut verankerten Wertehaltungen aufbaut. Tierwohl, Gentechnikfreiheit am Acker, Naturschutz, Schutz des Lebensraums, nachhaltiges Wirtschaften sind die allgemeine Anliegen, die unsere BäuerInnen täglich leben und die auch der Gesetzgeber verlangt. Diese hohen Standards verursachen aber Kosten, die von den Preisen getragen werden müssen. Die Konsumenten sind aber nur dann bereit, diese Preise zu bezahlen, wenn sie sich auch auf die österreichische Herkunft wirklich verlassen können.

Das ist eine Vertrauenssache ...

Unsere bäuerlichen Betriebe investieren viel Arbeit, Erfahrung und Herzblut in ihre Produkte. Das, was von unseren Bauern auf den Tischen landet, sind garantiert unsere besten Lebensmittel: Milch ohne Gentechnik, Fleisch ohne Wachstumshormone –und alles ohne künstliche Inhaltsstoffe. Niederösterreichs Bauern geben uns Sicherheit und Unabhängigkeit von Billigimporten aus dem Ausland. Weil es nicht egal ist, wo Produkte herkommen. Weil man sich darauf verlassen können muss, dass das, was draufsteht, auch drinnen ist. Darum appellieren wir an die Kunden, bei ihrem Einkauf und bei jeder Mahlzeit auf österreichische und regionale Qualität zu schauen.

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FAMILIENBETRIEB. Gebietsbäuerin Silke Dammerer mit Tochter Hanna und Nichte Luisa im Gespräch mit Klaudia Tanner (© Doris Schwarz-König)

Man ist, was man isst!

Ein spezielles Anliegen ist Ihnen die Herkunftsbezeichnung bei Fleisch und Eiern in der Gemeinschaftsverpflegung ...

Ja, hier muss die Lebensmittelherkunft erkennbar sein! Täglich werden rund 2,5 Mio. Portionen Essen in öffentlichen Einrichtungen, wie Schulen, Krankenhäusern, Pflege- und Altersheimen, Kasernen, Internaten und Regierungsgebäuden, ausgegeben. Vom gesamten Einkaufsvolumen an Lebensmitteln in der Gastronomie, das sind etwa 5 Mrd. Euro, gehen davon an die 1,5 Mrd. Euro in die Gemeinschaftsverpflegung. Umso wichtiger ist es daher, dass hier beim Lebensmitteleinkauf nicht nur das Bestbieterprinzip gestärkt, sondern bei den Ausschreibungen künftig auch ökologische Kriterien wie kurze Transportwege, Herkunftsangaben, saisonaler Bezug etc. berücksichtigt werden. Niederösterreich hat hier gemeinsam mit LH Dr. Erwin Pröll, der übrigens unsere Kampagne auch fleißig unterstützt, und Landwirtschaftskammer-Präsident Hermann Schultes, der auch Obmann des NÖ Bauernbunds ist, eine Vorreiterrolle übernommen. Ab Sommer wird in den Großküchen des Landes NÖ die regionale Herkunft von Fleisch und Eiern sichtbar gemacht. Das ist wirklich lobenswert und zu betonen. Immerhin bestätigt auch eine bundesweite ORF-Umfrage, dass mehr als 85 Prozent der Kunden über die Herkunft von Fleisch auf ihren Tellern Bescheid wissen möchten. Obwohl freiwillig, nehmen auch schon über 1.300 Restaurants und Gasthäuser im Rahmen des AMA-Gastrosiegels an dieser freiwilligen Kennzeichnung teil.

Die Lösung: ein Entlastungspaket.Die heimische Land- und Forstwirtschaft durchlebt eine schwierige Zeit. Der Preisdruck, aber auch Frost- und Hagelschäden machen den Bäuerinnen und Bauern zu schaffen. Welche Maßnahmen sind gefragt?

Die Frost- und Hagelkatastrophen der letzten Wochen mit Schadenssummen in Millionenhöhe treffen die Landwirtschaft in einer akuten Krisensituation. Der anhaltende Preisverfall in praktisch allen Betriebszweigen, bei Schweinen, Milch, Zucker, Getreide, Zuchtvieh, Schlachtvieh und Holz und nun auch noch die Ernteverluste bei Obst und Wein und europaweit einzigartig hohe Kosten nehmen zehntausenden Bauern jede Chance auf wirtschaftlichen Erfolg.

Klaudia Tanner
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MANAGEMENT. Rund um die Uhr im Einsatz für die Bäuerinnen und Bauern (© Doris Schwarz-König)
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(© Doris Schwarz-König)
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(© Doris Schwarz-König)

Was fordern Sie angesichts dieser dramatischen Situation tausender existenzbedrohter LandwirtInnen?

Eine gerechte und umweltverträgliche Lebensmittelproduktion ist da nicht möglich, unsere bäuerlichen Erzeugnisse müssen wieder mehr wertgeschätzt werden. Höchste Qualität und kleinster Preis passen nicht zusammen! Ich nehme auch den Handel in die Pflicht und appelliere, mit der „Aktionitis“ und „Verramschung von Lebensmitteln“ aufzuhören. Auch die Molkereien und Händler müssen vernünftig miteinander reden. Mit Milch und Fleisch darf keine „Geiz ist geil“-Werbeschiene gefahren werden, das ist nicht nachhaltig, das ist einfach dumm und bringt am Ende des Tages weder dem Handel noch seinen Kunden etwas.

Welche Lösung denken Sie an?

Wir brauchen ein Entlastungspaket. Dazu gehören die steuerliche Entlastung von Betriebsmittelkosten, wie „Grüner Diesel“, ebenso wie die Aufhebung bzw. Lockerung des Russ­land-Embargos, die Aussetzung der bäuerlichen Sozialversicherungsbeiträge für ein Quartal und die neue umfassende Ernteversicherung. Weitere wichtige Maßnahmen zur Minderung des Existenzdruckes bäuerlicher Unternehmer sind Verwaltungsvereinfachungen und Bürokratieabbau. Zu hinterfragen ist auch die Marktmacht des Handels, die sich im tagtäglichen Preisdumping, das nicht nachhaltig ist, auswirkt. Österreich hat mit den drei großen Handelsketten Rewe, Spar und Hofer eine der größten Handelskonzentrationen mit einem Marktanteil von 85 Prozent in Europa aufzuweisen. Wir fordern den Handel auf, mit diesen Schleuderaktionen aufzuhören und sich nicht nur das „Deckmäntelchen der Regionalität“ umzuhängen. Höchste Qualität kann es nicht zum billigsten Preis geben!

Zu Besuch bei der Gebietsbäuerin Silke Dammerer

Gemeinsam mit der Bauernbunddirektorin machten wir uns auf den Weg nach Ybbs, wo wir auf dem schön gepflegten Hof der Familie Dammerer gleich von drei Generationen recht herzlich empfangen wurden. Eigentlich ist die junge Bäuerin Silke ein Stadtkind, das keinerlei Verbindung zur Landwirtschaft hatte. Der Liebe wegen ist sie nach Ybbs gezogen, wo die Eltern ihres Mannes Josef einen Milchviehbetrieb führten. Das junge Ehepaar war fest in seinen Berufen verankert, als sich mit einem Arbeitsunfall des Schwiegervaters die Lebensplanung änderte. Dann entschloss man sich, den Betrieb weiterzuführen, und stellte 2007 von der aufwändigen Milchproduktion auf einen Qualitätskalbinnenmastbetrieb um. Heute stehen bis zu 70 Kalbinnen im um- bzw. neu angebauten Stall. „Wir könnten unseren Betrieb aber nicht ohne die Einkünfte aus unseren außerlandwirtschaftlichen Berufen führen, denn nach Abzug der Kosten für Futter, Haltung und Produktion bleibt uns kaum ein Verdienst übrig“, erzählt uns Silke Dammerer, die glaubwürdig versichert, dass viele Entbehrungen in Kauf zu nehmen sind und auch das auswärtig verdiente Geld in den Betrieb gesteckt werden muss. „Selbst unseren fünfwöchigen Urlaubsanspruch teilen wir uns für die Haupterntezeit ein und hoffen auf gute Erntebedingungen – beim Urlaubsanmelden im Dezember. Und wenn einer von uns krank wird, arbeiten wir auch weiter. Der niedrige Preis für unser hochwertiges, gentechnikfreies Produkt in Konkurrenz zu den Billig-Importen aus dem Ausland lässt zudem keinen Spielraum für Investitionen, und mit einem Sinken der heimischen Milchbetriebe sinkt langfristig auch die Zahl der zur Mast stehenden Kälbchen.“ Ein Grund, warum derzeit auch weniger Tiere im Stall stehen. Aber trotz aller Schwierigkeiten wird der Familienbetrieb – mit dankenswerter Unterstützung der Schwiegereltern Resi und Sepp und viel Liebe – weitergeführt. Auch im Sinne der nächsten Generation, den Kindern Hanna, 12, und Peter, 10. Wir genießen also alle zusammen die köstliche Erdbeer-Roulade von Oma Resi und wünschen der Familie viel Glück!

 

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