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People | 10.03.2015

Michelle, viel mehr als nur "la belle"

Michelle Müller, 22 Jahre jung und die älteste von fünf Geschwistern, steht hinter und vor der Kamera. Ihr Lebensmotto seit Papas Tod: Kamera an, Welt aus. Warum die Modelbranche sowohl ver- als auch Zuflucht sein kann.

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ABENDROT. Kleid von Steinecker Amstetten € 259,–. Boxspringbett KingKoil € 5.073,–, Polster Dôme Deco € 54,– bei Möbel Karner Gänserndorf (© Chris Ecker)

Das Interview nach mehreren ganztägigen Shootings. In verschiedenen Städten. Samstags, nach 21 Uhr. „Das macht überhaupt nichts“, flötet Michelle Müller ins Telefon. „Da habe ich Zeit, das geht prima.“ Solche Sätze sollten eigentlich nur Verliebten vorbehalten sein, doch das trifft es einfach am besten: Wenn sie einen Raum betritt, geht die Sonne auf. Michelle strahlt, ihre blauen Augen leuchten. „Wie viele Fragen werden es sein?“, fragt sie ein bisschen verunsichert. Interviews gehören (noch) nicht zu ihrem täglichen Brot.

Michelle Müller ist in Purbach, im Burgenland, aufgewachsen. „Aber mein Leben teilt sich mindestens auf vier Bundesländer auf“, lacht sie. Ihr Freund lebt in Linz, sie studiert in Wien und wenn das Paar die Sehnsucht nach ausgedehnten Spaziergängen packt, reisen sie ins nö. Eichgraben zu den Großeltern ihres Freundes.

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SOMMERBRISE. Kleid von Jean Paul Gaultier € 790,–, Schuhe von Twin-Set € 299,–, Armband Hipanema € 99,–, Ohrringe von Cochine € 169,–. Alles bei Sabine H. in St. Pölten. Sofa und Chaiselounge von Ditre Italia € 1777,– bzw. € 1660,–, Teppich von Remade € 2343,–, Pölster von Bloomingville und Pomax ab € 42,–, Regal von Bloomingville € 119,–, Vase in Türkis von Sia € 11,20,–. Alles bei Möbel Karner Gänserndorf (© Chris Ecker)

Die Mama

Über die Studienauswahl habe sie viel gegrübelt, mehrere medizinische Berufe seien zur Auswahl gestanden. „Das habe ich von Mama. Sie war lange Krankenschwester, ich hatte nie Berührungsängste vor Spitälern oder kranken Menschen“, erklärt sie. Heute trägt ihre Mama, Michelles größtes Vorbild, die Verantwortung für mehrere Pflegeheime in Wien. Ihre Tochter entschied sich letztlich für Bildungswissenschaften. „Ich möchte mich auf Heilpädagogik spezialisieren und später mit behinderten Kindern arbeiten.“ Das Interesse hierfür habe ein schwer behindertes Familienmitglied in ihr geweckt. „Durch ihn habe ich gelernt, wie wichtig ein sensibler, bewusster Umgang ist. Mama hat uns vorgelebt, wie wir mit ihm reden, ihn berühren können, damit er nicht zurückschreckt“, beschreibt sie.

Michelle Müller kommt aus einer Großfamilie – sie hat fünf jüngere Geschwister, darunter auch ein Pflegekind. „Aber ich würde nie einen Unterschied machen. Ich liebe sie alle und bin mindestens einmal die Woche bei ihnen.“

Parallel zum Studium engagiert sich die 22-Jährige für ein Sozialprojekt: Sie ist dabei, Kontakte zu potentiellen Sponsoren zu knüpfen – für eine Kleidersammlung für ein Mutter-Kind-Heim.

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DINNERPARTY. Kleid von Marc Cain € 249,– bei joanna’s in St. Pölten. Küche von Intuo, Geräte von Gaggenau, Dunstabzug von Bora, Preis auf Anfrage und je nach Ausstattung. Alles bei Möbel Karner Gänserndorf (© Chris Ecker)

Der Papa

Und dann ist da noch das Modeln. Eine Welt, in der sich die feinfühlige junge Dame ebenso heimisch fühlt, obwohl man der Branche oft brutale Oberflächlichkeit vorwirft. „Das stimmt auch und ich mag es trotzdem sehr gern“, gesteht sie. Der erste Schritt zu dieser Laufbahn sei allerdings vielmehr eine Flucht gewesen. Und als sie beginnt zu erklären, weicht das Lächeln von ihren Lippen. „Ich habe mich zum Modeln entschieden, als mein Papa gestorben ist.“ Es ist erst zwei Jahre her – und es geschah von einem auf den anderen Tag. Noch am Abend zuvor hatte sie mit ihm telefoniert. Am nächsten Tag war er nicht mehr da. „Für mich brach eine Welt zusammen. Ich werde nie den Spruch ,Zeit heilt alle Wunden’ verstehen“, sagt sie mit einem Hauch Empörung in der Stimme. „Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an ihn denke. Ständig will ich ihm etwas erzählen, immer wieder glaube ich, dass er im nächsten Moment bei der Tür herein kommt.“ Nach seinem Tod hätte sie sich wie eine lebendige Leiche gefühlt, viele Monate hindurch habe sie kein ehrliches Lachen heraus gebracht. Aus der tiefsten Trauer habe sie vor mehr als einem Jahr ihr Freund Fabian gerissen. „Keine Ahnung, wie er das angestellt hat, aber als er da war, ging es mir besser“, gesteht sie. Kennen gelernt hatte sie ihn übrigens über Facebook.

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SPORTCHIC. Bluse von Comma € 49,99,–, Hose Hegler € 59,90,–. Alles bei Manera Krems (© Chris Ecker)

Das Modeln

„Doch als Papa starb, wollte ich zunächst einfach nur weg“, sagt sie. Sie machte wahr, wozu ihr zuvor schon viele Freunde geraten hatten: Sie bewarb sich bei der Modelagentur „Body & Soul“ und wurde prompt genommen. Viele hätten ihr zwar prophezeit, dass sie mit ihren 1,73 Metern zu klein für die Branche sei, „doch in Wahrheit hatte ich oft jeden zweiten Tag einen Job“. Es sei eine Möglichkeit gewesen, die Gedanken auszuschalten, für ein paar Stunden in eine irreale Welt einzutauchen.

„Natürlich ist das ein oberflächliches Geschäft. Ich bin keine, die jammert, ich halte was aus  und ich sehe absolut ein, dass stets strikte Zeitpläne vorliegen. Ich verstehe einfach nicht, warum man Models nicht trotzdem wie Menschen behandeln kann“, sagt sie. So büßte sie vergangenes Jahr nach einem Job die Hälfte ihrer blonden Haarpracht bis auf zwei Zentimeter ein – begleitet mit dem charmanten Hinweis, sie möge doch nicht so zickig sein. „Ich bin jedenfalls froh, dass ich nicht so jung damit begonnen habe, dass ich mich aussprechen traue, wo meine Grenzen sind.“ So habe man auch immer wieder auf ihr herumgehackt, „weil ich keine Oben-ohne-Fotos mache. Glücklicherweise steht da meine Agentur hinter mir.“

Und dann sind da noch zahlreiche positive Erfahrungen. Sie wurde unter anderem für ein zehnseitiges Editorial im „wiener“ gebucht, spielte an der Seite von „Voxxclub“ in einem Underberg-Spot, lief an der „Vienna Fashion Week“ sowie eine Show für die von ihr verehrten Lena Hoschek... „Und einen der schönsten Jobs hatte ich vor kurzem für Northland – in Portorož. Mit so viel Respekt wie dort, auch von der Geschäftsführung, werden Models selten behandelt“, sagt Michelle Müller.

Das Fotografieren

Immer mehr steht die 22-Jährige übrigens auch hinter der Kamera. Was als Hobby begann, geht Monat für Monat mehr in die Tiefe. „Ich habe immer schon leidenschaftlich gerne fotografiert. Als Papa starb, leistete ich mir nach langem Grübeln eine professionelle Kamera – aus dem Geld, das er mir hinterlassen hatte.“ Michelle Müller fotografiert Mode und Beauty und auch sehr gerne Kinder. „Sie können sich nicht verstellen, zeigen ehrliche Emotionen.“ Das Fotografieren sei für sie eine Art Schalter geworden. „Eigentlich fühle ich mich hinter der Kamera immer wohler. Das Fotografieren beruhigt mich. Da heißt es für mich: ,Kamera an, Welt aus.’“

Michelle Müller hinter und vor der Kamera
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Michelle Müller als Fotografin (© Michelle Müller)
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Mit Freund Fabian – und Selbstauslöser (© Michelle Müller)
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(© Michelle Müller)

Produktion: Angelica Pral-Haidbauer

Text: Viktória Kery-Erdélyi

Fotos: Chris Ecker

Model: Michelle Müller / Agentur Body & Soul Modelagency Vienna

Haare & Make-up: Nadine Mayerhofer

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