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People | 11.07.2016

Kulturarbeit veredelt

Zur 25. Ausgabe der NIEDERÖSTERREICHERIN besuchten wir jenen Mann, der uns mit der ersten Ausgabe unseres Magazins gute Wünsche mit auf den Weg gab. Ein Update mit Landeshauptmann Dr. Erwin Pröll.

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(© Emmerich Mädl)

Es war im Jänner 2014, als wir, kurz bevor wir die erste Ausgabe der NIEDERÖSTERREICHERIN in den Druck gaben, vom Landeshauptmann in seinem Büro empfangen wurden, um ihm unser neues Projekt vorzustellen: ein Magazin für alle Niederösterreicherinnen und Niederösterreicher. Hunderte Seiten später sind wir wieder eingeladen – am Landhausplatz 1 – und unterhalten uns darüber, was war und was kommen wird.

NIEDERÖSTERREICHERIN:Herr Landeshauptmann, vor mehr als zwei Jahren formulierten Sie einen Wunsch an uns: dass wir sehr intensiv an der Lebensart und Lebenskultur der NiederösterreicherInnen dranbleiben und entsprechend würzig noch viele ungehobene Facetten unseres Landes, das noch immer im Aufbruch ist, heben. Ist uns das gelungen?

Erwin Pröll: Die NIEDERÖSTERREICHERIN ist natürlich ein Langzeitprojekt, aber ich glaube, dass Ihnen das, was ich Ihnen gewünscht habe, sehr gut gelingt. In den letzten zwei Jahren haben wir uns ja bei einer Unzahl von typischen niederösterreichischen Ereignissen, die von Bodenständigkeit getragen waren, getroffen. In einer Zeit wie dieser, die so informationsüberflutet ist, wo tagtäglich unterschiedlichste Modernismen aus aller Welt auf den Einzelnen einprasseln, sind diese Zusammenkünfte von unschätzbarem Wert. Ich glaube, dass auf diese Art und Weise das Lebensgefühl der NiederösterreichInnen entsprechend berührt wird und die Menschen in der Lage sind, ihre eigenen Wurzeln zu spüren. Denn dort, wo man seine Wurzeln spürt, ist auch Qualität zu Hause. Ich bin überzeugt davon, dass, wenn Sie diesen Weg in Ihrem Magazin weitergehen, zu einem großen Ausmaß das zutreffen wird, was wir damals besprochen haben, nämlich dazu beizutragen, die Identität und das Selbstbewusstsein der NiederösterreicherInnen zu stärken.

„Der Bauernstand ist unsere Sicherheitspolizze für die nächste Generation.“ 

- Erwin Pröll

 

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Gespräch zum jubiläum. Herausgeber Josef Rumer, Chefredakteurin Angelica Pral-Haidbauer, Landeshauptmann Erwin Pröll (© Emmerich Mädl)

Das Theaterfest NÖ bietet heuer an genau 22 Spiel­or­ten eine unbeschreibliche Vielfalt an Genres: von der großen Oper bis zum Lastkrafttheater, einer rollenden LKW-Bühne, sozusagen eine kulturelle Nahversorgung. Ist die von Ihnen damals zitierte Schwellenangst der Niederösterrei­cherInnen nun end­gültig beseitigt?

Ich glaube, dass wir tatsächlich Jahr für Jahr um ein gutes Stück vorankommen. Zuerst lässt sich dieser Erfolg einmal über die Besucherzahl messen. Wir haben im vergangenen Jahr über 226.000 Besu­cherInnen im Rahmen des Theaterfestes regis­triert. Die Besucherstruktur geht mittlerweile weit über unsere Grenze und die der Wiener Ebene hinaus. Auf niederösterreichischer Landesebene ist die Freude am Genuss der Kulturarbeit eine wichtige Voraussetzung für die Akzeptanz der Kulturpolitik und des kulturellen Lebens. Darüber hinaus ist mit dieser Freude auch die Sehnsucht der NiederösterreicherInnen entstanden, selbst ein Teil dieses Kulturlebens zu werden. Der beste Beweis dafür sind die Viertel-Festivals, weil wir auch hier von Jahr zu Jahr eine Breite gewinnen, die wir am Beginn nicht zu hoffen gewagt hätten. Dann kommt ein dritter Punkt hinzu, der ins Wirtschaftliche geht. Durch die starke Anziehungskraft kommen immer mehr Besucher aus anderen Bundesländern und sogar aus dem Ausland und befruchten damit entsprechend unsere Gastronomie und Hotellerie. Dadurch wird Kulturpolitik zu einem wesentlichen Teil der regionalen Politik und der Wirtschaftspolitik, denn unsere Tourismuszahlen sind bis zu einem gewissen Teil von den Kulturtouristen geprägt.

In einer Zeit, in der nahezu überall die Euphorie über ein geeintes Europa verblasst und aufs Neue Grenzzäune errichtet werden, sucht heuer das Festival Retz gemeinsam mit seinem Partner, dem „Hudebni Festival Znojmo“, unter dem Motto „Neue Brücken schlagen“ nach dem Verbindenden in Kunst und Kultur. Nun haben wir offensichtlich angesichts des Ergebnisses zur Bundespräsidentenwahl auch Gräben innerhalb unseres Landes. Vermag die Kunst dort wie da Brücken zu schlagen?

Dabei müssen wir mehrere Facetten ansprechen. Erstens, ich glaube nicht, dass die Gräben innerhalb der Republik so tief sind, wie man das gerne in diesen Tagen beschreibt. Gott sei Dank ist ein fünf Monate langer Wahlkampf zu Ende gegangen. Dabei wird natürlich pointierter gearbeitet, auch um Profil innerhalb der Konkurrenz der politischen Parteien und ihrer Kandidaten zu gewinnen. Davon lebt ja auch eine lebendige Demokratie. Zum Zweiten, die Region Retzerland und Znaim: Dort hat im wahrsten Sinne des Wortes über Jahrzehnte der Eiserne Vorhang gewütet, und wo etwas mit so viel Gewalt getrennt wurde, sind natürlich Wunden zurückgeblieben. Hier gilt es einen Weg zu suchen, der diese Wunden relativ rasch verheilen lässt. Ich glaube, dass Kultur ein wichtiges Heilmittel, ja sogar Balsam auf diesen Wunden ist. Bereits unsere erste grenzüberschreitende Landesausstellung 2009 zwischen Raabs, Horn und Telc, wurde ein echter Renner. Selbst emotionelle Facetten der Sudetendeutschen, die natürlich noch in die heutige Zeit hereinspielen, konnten abgeflacht werden. Für mich persönlich war das eine sehr positive Erfahrung. Meine tiefste Überzeugung ist daher: Kulturarbeit veredelt den Menschen, und ein veredelter Mensch ist eher in der Lage Brücken zu schlagen. Das ist eine wesentliche Aufgabe unserer Kulturaufgabe: den Menschen zu öffnen für anderes, ihn dazu zu bringen, innovativer zu denken und neue Wege zu suchen. In einer Zeit wie dieser, wo wir mit so vielen unterschiedlichen Strömungen konfrontiert sind, brauchen wir welt­offene Menschen mit einem Selbstbewusstsein, die im Bewusstsein ihrer Wurzeln ohne Probleme nach vorne gehen und anderen Kulturen mit diesem Selbstbewusstsein begegnen.

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(© Emmerich Mädl)
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(© Emmerich Mädl)
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(© Emmerich Mädl)

In einem Gespräch über die Grenzen der Satire haben Sie mir gesagt: „Nie wieder soll ein Politiker qualifizieren können, ob ein Künstler etwas Gutes oder Schlechtes produziert.“ Nun gab es in Deutschland den Fall Jan Böhmermann gegen Erdogan …

Ja, damit hat sich eigentlich meine Aussage von damals bestätigt. Ich glaube, dass die Politik jeder Kritik relativ offen begegnen sollte. Sie haben ja gerade die Susanna Hirschler bei mir getroffen, die seinerzeit im Kabarett Simpl gespielt hat, als ich die Hauptrolle abgegeben habe (lacht). Susanna Hirschler hat mir versichert, wie sehr sie es an mir schätzt, dass ich Humor verstehe, auch wenn ich im Mittelpunkt dieses Humors stehe. Aber es gibt natürlich dort eine Grenze, wo man die ethische Sensibilität oder Religion eines anderen verletzt. Die zurückliegende Zeit hat uns das – leider – auch bewiesen. Grundsätzlich aber steht es der Politik gut an, sehr liberal mit diesen Dingen umzugehen und auch ein bisserl über sich selbst lachen zu können.

Stichwort: „Man ist, was man isst“. Mit Landwirtschaftskammer-Präsi­dent Ing. Hermann Schultes und SeneCura-CEO Anton Kellner wurde im SeneCura Sozialzentrum Grafenwörth die Offensive „Gut zu wissen“ gestartet, ein gemeinsames Bekenntnis zu mehr Transparenz bei der Herkunftskennzeichnung von Lebensmitteln. Ab Sommer wird in den Großküchen des Landes Niederösterreich die regionale Herkunft von Fleisch und Eiern sichtbar gemacht. Aus welchen Gründen stehen Sie persönlich hinter dieser Ini­tiative?

Ich stehe tausendprozentig dahinter. Das ist aber kein Wunder, denn, wie Sie wissen, bin ich selbst ein Bauernsohn, und ich bin über die Agrarpolitik in die Politik gekommen. Mir ist es daher sehr wichtig, immer das richtige Sensorium für die richtige Beurteilung des Bauernstandes zu haben. Es ist meine Überzeugung, dass wir jetzt, wo wir so tief in die Globalisierung hineingekommen sind, alles daran setzen müssen, den KonsumentInnen die Augen dafür zu öffnen, dass die regionale Produktion unserer heimischen Bauernschaft eine ganz, ganz entscheidende politische Rolle, sogar internationaler Dimension, spielt. Denn jeder Griff ins Regal ist eine politische Entscheidung. Wenn ich mich für heimische Produkte entscheide, unterstütze ich die heimische Wirtschaft, stärke damit unseren Bauernstand, der eine Sicherheitspolizze für die nächsten Generationen darstellt, und bin zudem auch im Sinne unseres Planeten im Umweltschutz tätig. Denn regionale Produkte zu kaufen, heißt lange Transportwege zu verhindern. Außerdem hat man damit gesündere Produkte auf dem Tisch.

 

„In unserem Garten in Radlbrunn bin ich Opsi, das Krokodil.“

- Erwin Pröll

 

Worauf freuen Sie sich in diesem Sommer?

Ganz spontan: auf die Zeit mit meinen Enkelkindern bei uns zu Hause in Radlbrunn im Garten. Diese Stunden und Tage mit unserer Familie sind für meine Frau und mich die größte Kraftquelle. Sie wissen, dass ich sehr viel unterwegs bin, wie auch meine Frau im Sozialbereich für die „Hilfe im eigenen Land“. Und ob Sie es glauben oder nicht: Die größte Hetz hab ich mit meinen Enkelkindern! Unser Lieblingsspiel ist das Spiel mit dem Krokodil. Ich bin das Krokodil und darf erst aus dem Swimmingpool, in dem sich die Kinder tummeln, wenn ich sie alle gefangen habe. Dieses Spiel hat mehrere Vorteile: Es ertüchtigt die Enkelkinder genauso wie den Opsi. (Lacht) Ihre Enkelkinder werden schon in Ihrem Sinne sozialisiert, wenn bei Ihnen ein roter Hirsch im Garten steht? Also, die Enkelkinder haben mit dem roten Hirsch genauso viel Freude wie ich. Sie wundern sich nur, dass der rote Hirsch so viel Grün frisst. (Lacht)

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