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People | 12.12.2014

Vom Gastarbeiterkind zum Designer

Haute Couture, Burnout und Comeback: Benhard Gashi im Portrait.

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(© Erik Bont)

Manchmal fragt ihn die eine oder andere Kundin, ob er denn auch nähe. Dann lächelt Benhard Gashi bescheiden und nickt. „Ich mache meinen Job als Verkäufer sehr gern“, sagt der 36-Jährige mit einem ebenso bescheidenen Achselzucken. „Das ist eine sehr gute Firma“, streut er dem Traditionstextilgeschäft Komolka in Wien Rosen. Vermutlich ahnt aber kaum eine seiner Kundinnen dort, dass der junge Mann in einer winzigen Nähecke in seiner Wiener Wohnung Modelle zaubert, mit denen er bei Haute Couture Awards punktet, mit denen er es auf die Cover edler Magazine schafft – wie etwa vor Kurzem aufs Titelblatt der US-Zeitschrift „Elegant“.

Benhard Gashis Geschichte beginnt mit einem kleinen Jungen im Kosovo und führt über viele Umwege zu jenem Designtalent, das er heute ist. Das Happy End steht noch aus... Eine schmerzhafte Enttäuschung ist noch kaum überwunden, das Lächeln noch verhalten...

 

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Grenzenlos modeverliebt: Ben Gashi (© Paul Gjinaj)

Metallarbeiter

Sechs Kinder waren die Gashis zu Hause im Kosovo. Der Papa arbeitete schon seit Jahren in Österreich. Als der schwelende Konflikt zu eskalieren drohte, holte er seine Familie zu sich nach Vorarlberg. In den 1990ern, kurz vor dem Krieg. „Am meisten tat der Abschied von Oma weh. Damit sie nicht allein lebte, hatte ich lange bei ihr gewohnt. Sie war einfach cool – und ich sah sie danach nur noch zwei Mal“, sagt Benhard Gashi.

Kaum in Österreich eingelebt, sollte er sich entscheiden, welchen Beruf er ergreifen wollte. „Ich war damit beschäftigt, die Sprache zu lernen, ich hatte Null Plan“, lacht er. Kurze Zeit später folgte er seinem Papa und wurde Metallarbeiter. „Die Firma und die Arbeit waren top“, verblüfft der Kreative mit seinem Urteil. Und keine Sehnsucht nach Mode? „Du meinst, ob ich neben Mama saß und davon träumte, an der Nähmaschine zu sitzen?“, fragt er erstaunt. „Auf keinen Fall!“ Aber: „Am 15. war Zahltag. Da habe ich immer gehofft, dass ich die Frühschicht bekomme, damit ich danach gleich shoppen gehen kann“, gesteht er. Das Outfit sei ihm immer heilig gewesen. Hat er sich etwas Besonderes geleistet, hat er es sich auch selbst gewaschen und gebügelt. Eine Selbstverständlichkeit bei so vielen Kindern daheim? „Es hat uns nie an etwas gefehlt. Mein Papa ist mit einer Scheibe Brot und Marmelade glücklich, er hat sein Leben für uns geopfert. Mama war zwar immer streng, aber sie hat alles für uns getan.“

 

Provokant und edel: Benhard Gashis Modelle
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Starke Posen (© Erik Bont)
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Feuer und Eis (© WKO)
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Furchtlos sinnlich (© Erik Bont)
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Edle Transparenz (© Chris Ecker)

Feuer und Flamme

Es folgte jener sagenumwobene Tag, an dem er seine Mama in ein Stoffgeschäft begleitete. Der Funke sprang sofort über und Benhard Gashi begann zu nähen. Ohne Vorkenntnisse, ohne Ausbildung. Und wie? „Ich hab’ Shirts und alles Mögliche aufgetrennt, damit ich sehen konnte, wie das geht“, erklärt er sachlich. Er kündigte seinen Job, meldete sich an der HTL für Bekleidungstechnik in Dornbirn an. „Ich war 24 Jahre alt – und natürlich der älteste Schüler in der ersten Klasse“, lacht er. „Aber das war eine großartige Schule, meine Lehrerin Frau Wildauer, hat an mich geglaubt, mich sehr gefördert. Man ließ mich dort sogar in den Mittagspausen arbeiten, weil sie wussten, dass ich zuhause nur eine kleine Nähmaschine hatte.“ Dort stellte er auch seine erste Modeschau auf die Beine. Ein Spaziergang war es aber nicht, war er doch längst ausgezogen und es galt, eine Wohnung zu erhalten. „Also arbeitete ich auch an der Supermarktkassa. Guten Morgen, bitteschön, dankeschön – immer freundlich sein. Eigentlich auch kein schlechter Job“, sagt er.

Nunmehr ausgestattet mit fachlichen Kenntnissen und Fähigkeiten, wollte er in einem der großen Textilunternehmen in Vorarlberg durchstarten. „Niemand wollte mir eine Chance geben, mein Können zu zeigen. Also landete ich in der Produktion – bei der Akkordarbeit.“ Dass die Kollegen von der hoch angesehenen Musterabteilung immer wieder ihn um Rat gefragt hätten, sei elegant ignoriert worden. Benhard Gashi beschloss, ein neues Kapitel aufzuschlagen – sein eigenes.

 

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Ben Gashi Couture am Cover des US-Magazin Elegant (© Paz Stammler)

Mit Unterstützung seiner Eltern investierte er in ein kleines Atelier in Dornbirn – und eröffnete sein eigenes Geschäft. Voller Hoffnung, voller Visionen. In seinem Kopf tanzten die wunderbarsten Bilder von ausgefallenen Partykleidern und atemberaubenden Abendroben. Männermode sei nie so seine Sache gewesen, „die trauen sich zu wenig“. Ob er seine Ideen auch zu Papier bringt? „Ein Scherz. Ich kann gar nicht zeichnen“, gibt er lachend zu. „Meine Augen sind meine besten Freunde, die Kleider erwachen in mir zum Leben. Gib mir Stoff, gib mir einen Faden und ich lege los.“

Er legte los. Sieben Tage die Woche. Er zauberte ein Unikat nach dem anderen – stets für die Größen 34 und 36. „Ich finde kurvige Frauen ebenso schön, aber die Modelle, die ich mache, funktionieren nur bei schlanken.“ Frauenfeindlich? Benhard Gashi nicht. Er will seine Modelle in starken Posen, mit starkem Ausdruck präsentieren: selbstbewusst und sinnlich, durchaus mit viel nackter Haut, aber immer mit einem gewissen Blick für edle Provokation.

Das Geschäft war weit weg vom Schuss, Laufkundschaft hatte er keine. „Ich war ein Insidertipp.“ Es wurde knapp und knapper. „Bis ich merkte, dass ich es finanziell nicht mehr schaffe. Da zog es mir den Boden unter den Füßen weg.“ Es folgte der Burnout. „Mode ist das, was ich kann. Ich liebe es, ich schaue dabei nicht auf die Uhr.“ Dem Geld hinterher zu jagen, habe ihn kaputt gemacht.

Seit knapp zwei Jahren lebt Benhard Gashi in Wien. Und es scheint Schritt für Schritt bergauf zu gehen. In seiner Näheecke verstecken sich auch schon erste Vorboten eines Comebacks: Ein Traum in Schwarz mit üppigen Rüschen um den Hals, ein hautenges, weißes Spitzenkleid...

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