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People | 14.06.2016

„Anscheinend bin ich ein Arbeitsvieh“

Zwölfstündige Drehtage rauben und geben Energie, sagt Professor Erni Mangold. Die Zusage fürs Interview kommt schnell, aber zart besaitet sollten FragestellerInnen nicht sein. Ein unvergesslicher Besuch bei der 89-jährigen Ausnahmeschauspielerin im Waldviertel.

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(© Katharina Sartena)

Sie wird sich nicht verstellen. Sie wird grantig und freundlich sein. So erlebte ich sie am Telefon, so beschreibt sie sich in ihrer Biografie „Lassen Sie mich in Ruhe“ (Amalthea Verlag): „Ich kann stur sein wie ein Bock, bin aber gleichzeitig gutmütig wie ein Schaf.“ Erst kürzlich wurde Professor Erni Mangold mit dem Großen Diagonale-Schauspielpreis ausgezeichnet. Die Vorfreude, die große Mimin und Regisseurin daheim in St. Leonhard am Hornerwald, im Waldviertel, besuchen zu dürfen, ist groß. Doch das Herz pocht im Hals, als ich die Türklinke hinunterdrücke. Und dann: Eine unglückliche Drehung mit der Tasche und ein kleines Kunstwerk fällt mit einem dumpfen Knall auf den Boden. „Entschuldigung“, betone ich vielfach, während ich die aus Steinen gefertigte Ente nunmehr ohne Schnabel vom Boden aufsammle. Ihre Reaktion trifft mich wie ein Blitz. „Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen, das ist doch die unnötigste Floskel unserer Gesellschaft. Das bringt nix“, sagt Erni Mangold, um im nächsten Atemzug versöhnlich zu ergänzen: „Machen Sie sich nix daraus, ich bin nicht nachtragend.“

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PAPAKIND. Erni Mangold mit einem der vielen Porträts, die ihr Vater schuf (© Viktória Kery-Erdélyi)

Die Rebellin. Sie geht flotten Schrittes voraus in ihrem rund 250 Jahre alten Haus, mit dessen Kauf sie vor drei Jahrzehnten in ihre Heimat nach Niederösterreich zurückkehrte. Und wenn sie im rund 100 Kilometer entfernten Wien auf der Bühne steht? „Dann setze ich mich ins Auto und fahre hin“, bemerkt sie mit einem Achselzucken. Das irritiert auch nur, wenn man das Geburtsdatum der Künstlerin kennt. Die Frau, die barfuß, in einer schmalen Hose durch das Haus eilt, das kräftige Haar hochgebunden, erinnert kaum an eine, die kommenden Winter ihren 90er begeht. „Dass ich in meinem Alter auch biologisch gut beieinander bin, dafür tu‘ ich auch was: regelmäßiges Krafttraining“, verrät sie. Außerdem trinke sie literweise Wasser, esse sehr wenig Fleisch, sehr viel Gemüse aus der Region und wenn, dann nur hartes Brot. „Und wenn jetzt die Putzerln am Wochenende kommen, gibt‘s überhaupt nur Gemüse, weil eine von ihnen vegan isst“, erzählt sie und ihre Augen beginnen zu strahlen. „Die zwei Mädeln meiner Wahlfamilie“, fügt sie erklärend hinzu.

Eigene Kinder konnte Erni Mangold nicht bekommen; ihre Mutter hatte sieben Abtreibungen. Sie selbst, geborene Erna Goldmann, und zwar am Großweikersdorfer Wirtshaustisch ihrer Großeltern, war quasi die Rebellion gegen die achte.

Der Gegenwind in ihr ist niemals auch nur einen Knoten abgeflaut. Er impfte ihr Kraft ein, wenn es darum ging, Werner Schwabs zuvor kaum gekannte Meisterwerke („Die Präsidentinnen“) durchzuboxen, aber auch, wenn sie sich gegen männliche Übergriffe zu wehren hatte. Die unvergleichbare Charakterdarstellerin spielt(e) in Österreich, Deutschland und der Schweiz, unterrichtete am Max-Reinhardt-Seminar ebenso wie an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst. Mehr als 80 Filme drehte Erni Mangold, auch einen Hollywoodstreifen („Before Sunrise“). Sie arbeitete mit Größen wie Helmut Qualtinger, dem sie auch freundschaftlich verbunden war, O. W. Fischer, Romy Schneider und Rainer Werner Fassbinder. Eine der jüngsten Leinwandrollen: in Houchang Allahyaris fesselndem „Der letzte Tanz“, indem sie als Alzheimer-Patientin mit einem Zivildiener eine ganz besondere und auch sexuelle Beziehung eingeht.

Erni Mangold
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ENERGIEBÜNDEL. Mit Krafttraining hält sich die große Schauspielerin fit. (© Katharina Sartena)
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SELFIE. Beim Interview (© Viktória Kery-Erdélyi)

Die Furchtlose. Zwanzig Jahre lang war sie mit dem Schauspieler Heinz Reincke verheiratet. „Heute bin ich leidenschaftlicher, glücklicher Single. Was wollen’S denn noch wissen?“, fragt Erni Mangold, während sie von ihrem Apfel abbeißt. Was sich verändert hat an der Position der Frau heute, ob sie einen Wandel sieht? „Frauen wissen heute, was sie wollen und was nicht. Wenn‘s auch einen Trend in Richtung Biedermeierzeit gibt, dass die Mädchen wieder die Hausmutterln spielen. Die Frauen haben schon viel erreicht, aber nicht sehr viel. Sie bekommen immer noch weniger bezahlt, in den Spitzenpositionen sind sie noch immer seltener“, ärgert sie sich. „Und wenn du dich dann aufregst, dann heißt‘s, du musst besser verhandeln können. Da lacht man sich doch tot.“

Im Nebenzimmer läuft das Radio, die Anschläge von Brüssel sind Thema auf Ö1. Ob ihr die Situation Angst macht? „Natürlich schockieren mich diese grauenhaften Morde und die Hilflosigkeit in Europa“, sagt Erni Mangold, die einst unerschrocken mit dem Judenstern durch die Stadt ging, um an der Seite ihrer Freundin bleiben zu können. „Aber dieses ,Grenzen zumachen’, das kann es doch nicht sein. Man muss leben, man darf sich nicht die Ängste geben.“ Arme Menschen seien das, die Syrer und auch die Wirtschaftsflüchtlinge aus anderen Ländern. An der Misere sei die westliche Welt nicht unbeteiligt …

Angst hat sie aber nicht. Nur ihren kleinen Besitz würde sie nicht verlieren wollen, „mein Schlupfloch“, das sie erst mit 59 Jahren bereit war, sich zu leisten. „In Wien habe ich ja nur eine kleine Absteige, wenn‘s mal später wird, obwohl ich auch in der Nacht fahre.“

Ihr Reich
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Ihr Reich. Erni Mangolds Refugium im Waldviertel (© Viktória Kery-Erdélyi)
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(© Viktória Kery-Erdélyi)
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(© Viktória Kery-Erdélyi)
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(© Viktória Kery-Erdélyi)
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(© Viktória Kery-Erdélyi)

Die Unermüdliche. Die Arbeit raubt und gibt ihr Energie, ist sie überzeugt. Nachdem es ihr zuletzt zu viel wurde, hatte sie sich ein halbes Jahr Pause gegönnt. „Das war auch gut und notwendig, aber irgendwann 

hab’ ich gemerkt, dass ich plötzlich nicht aufstehen will, obwohl ich gar nicht so spät schlafen gegangen bin. Als ich wieder zu arbeiten begann, wurde ich wieder unternehmungslustig. Anscheinend bin ich ein Arbeitsvieh“, lacht die Schauspielerin, die auch jetzt mehrere Texte lernt. Eine Pin-up-Lady gibt sie im Sommer auf der Rosenburg mit den „Kalender Girls“. Das pointierte Stück erzählt die wahre Story von einer Gruppe Damen reiferen Alters, die einen Aktkalender fotografieren lassen, um für die Onkologie ihres Spitals Geld zu sammeln. Zu ihrem 90er wird Professor Mangold in den Kammerspielen in „Harold & Maude“ auf der Bühne stehen.

Empört ist sie, über Zukunftspläne gefragt zu werden („in meinem Alter?!“), über das „Verpasste“ redet sie ohne Groll. Viele hatten ihr eine Karriere in Hollywood prophezeit, doch Erni Mangold blieb in Österreich. „Bitte, da würde ich nicht mehr leben, hätte ich das gemacht“, sagt sie trocken. „Aber reisen hätte ich mehr müssen. Das tut mir leid, dass ich beispielsweise Kuba nicht gesehen habe“, gesteht sie. „Und ich würde gerne mehr Sprachen besser können.“ Am liebsten fließend Spanisch, Italienisch, Französisch und Englisch.

„Man muss leben und sich nicht die Ängste geben.“- Erni Mangold

Sofort ins Auge stachen beim Reingehen ein Bild des Dalai Lama und kleine Buddha-Statuen. „Schon als junges Mädchen hat mich der Bud-dhismus fasziniert; obwohl ich finde, dass auch der Franziskus (der Papst, Anm.) seine Sache ganz gut macht, wenn er’s auch nicht leicht hat.“ Unzählige Fotografien bedecken die Wände im Obergeschoß. Als müsste es noch trocknen, lehnt das Ölbild ihres Vaters, das sie als junge Frau zeigt, auf einer Staffelei. Ebendort baumelt auf einem Kleiderbügel der Kimono, den sie bei der Diagonale erhielt. Sanft streicht sie über die kunstvoll aufgedruckten Textzeilen. „Das ist alles Handke da drauf, das ist ein Designerstück.“ Von der kreativen Anna Paul übrigens.

Ihren Wintergarten mit teilweise 30 Jahre alten Pflanzen und ihren „wilden“ Garten am Waldrand zeigt sie noch. Und ihren Teich, aus dem sie Blätter fischt. „Es war mir wirklich eine große Ehre, Frau Professor“, sage ich zum Abschied. „Aaaah, eine Ehre!“, schnauft sie wieder empört, muss aber schon lächeln. Spätestens in der Küche, als sie ihre köstliche Gemüsesuppe verkosten ließ, verschwand mein nervöses Herzflattern. „Eine Freude, Frau Professor!“, korrigiere ich mich. – „Na gut, soll es Ihnen eine Freude gewesen sein.“

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