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People | 14.02.2017

Hollywood kann einpacken

Seit 19. Jänner ist der knallharte österreichische Actionthriller „Die Hölle“ in den Kinos zu sehen. Regie führte Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzky, in der Hauptrolle glänzt Violetta Schurawlow. Wir haben beide zum Interview getroffen. Unser Fazit: Erfolg im harten Filmbiz und Bodenständigkeit müssen einander nicht ausschließen.

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Action made in Austria – why not?!

Fotos: Josef Fischnaller, Mathias Lauringer – Studio 365, Allegrofilm

Filmplakat und -titel deuten auf einen klassischen Hollywood-Action-Blockbuster hin und nicht unbedingt auf einen typisch österreichischen Film. Doch spätestens wenn man bemerkt, dass nicht John McTiernan („Stirb Langsam“), Michael Mann („Heat“) oder James Cameron („Terminator“) als Regisseure und nicht Bruce Willis, Jason Statham oder Tom Cruise in der Besetzungsliste angeführt sind, sondern Namen wie Stefan Ruzowitzky, Tobias Moretti und Robert Palfrader, wird einem bewusst, dass echte Action im österreichischen Film viel zu lange ein nicht beachtetes Genre war.

Der Regisseur des „schnellsten und härtesten österreichischen Actionthrillers aller Zeiten“, in dem die türkischstämmige Hauptfigur Özge Zeugin eines brutalen Ritualmordes wird, ist niemand Geringerer als Stefan Ruzowitzky, ein absoluter Profi. Nicht umsonst erhielt er 2008 für „Die Fälscher“ einen Oscar für den „Besten fremdsprachigen Film“, sein Medizin-Thriller „Anatomie“ ist der erfolgreichste deutsche Genrefilm überhaupt. Aber zurück zu Hollywood: „Die Hölle“ steht einer Produktion aus der Traumfabrik in nichts nach. Der einzige Unterschied: Ein Hollywood-Actionfilm kommt ohne Superstars wie die oben genannten als Protagonisten schwer aus, während Ruzowitzky mit der bezaubernden Violetta Schurawlow auf eine Newcomerin setzte …

 

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Stefan Ruzowitzky mit Redakteurin Maria Russ

OBERÖSTERREICHERIN: Herr Ruzowitzky, was hat Sie dazu bewogen, sich dem nicht gerade „österreichischen“ Action-Genre zu widmen?
Stefan Ruzowitzky: Es war für mich eine sportliche Herausforderung zu beweisen, dass Actionfilme sehr wohl auch in Österreich gehen. Computer­animierte Digital-Trickfilme wie „The Avengers“ kann man hier nicht machen, das ist zu teuer, aber gute Stunts, gute klassische Action ist sehr wohl möglich. Ich habe den Beweis angetreten, dass das klappt. 

Durch Ihre Filme zieht sich das Böse wie ein roter Faden. Was ist so anziehend daran?
Weil es dramatisch ist, das Aufeinandertreffen von Gut und Böse. Ich glaube, ich habe auch deshalb immer so düstere Welten, damit meine Helden heller strahlen können. Es ist mir trotz all dem Bösen aber immer wichtig, dass meine Filme nie deprimierend sind. Der, der um sein Leben und sein Recht kämpft und um das anderer, der hat eine Chance. Ich bin selber ein Optimist und glaube daran, dass man die Welt verändern kann. Es ist mühsam, und man ändert sie immer nur ein ganz klein wenig, aber jeder kann etwas machen. Da bin ich, glaube ich, sehr amerikanisch. Mir geht das österreichische Geraunze – „Ist eh alles wurscht, geh’n wir zum Heurigen und sauf’n uns nieder“ – am Nerv. (Lacht)

Wie sind Sie auf Violetta Schuraw­low als Özge gekommen? 
Die Frage der Besetzung der Hauptdarsteller ist immer eine wirtschaftliche: Wenn ich einen großen Star habe, kann ich einen Film leichter verkaufen. Es gibt aber keinen großen Namen im deutschsprachigen Raum, der für diese Rolle passt. Folglich mussten wir jemand Neuen finden. Wir haben dann ganz klassisch ein Casting gemacht. Nicht klassisch war, dass mir von Anfang an klar war, dass Violetta die Richtige für die Rolle ist. 

Sie sind ein zurückhaltender und geerdeter Mensch. Wie können Sie sich in Ihren Filmen auf so furchtbare Themen einlassen? Schaffen Sie es, die Grausamkeiten abzuschütteln, wenn Sie zu Ihrer Familie nach Hause kommen?
Ja, damit habe ich gar kein Problem. Ich bin ein Geschichtenerzähler und bin mir sehr bewusst, dass meine Geschichten etwas Künstliches, Gemachtes sind. Es geht beim Geschichtenerzählen darum, dass ein Zuseher sich wiederfindet, sich mit dem Helden oder der Heldin des Filmes identifiziert. Für den Zuseher geht es um den Kampf mit den eigenen bösen Mächten in sich. Also, ich schlafe nicht schlecht wegen meiner Filme (lacht). Aber eigentlich haben Sie recht, ich bin ein spießiger Familienvater, also warum habe ich solche düsteren Fantasien? Was ist da verborgen? Ich weiß es selber noch nicht … 

Sie waren also noch nicht beim Psychologen deshalb? ;-)
Ich denke mir immer: „Lieber nicht, denn womöglich heilt mich der und dann fällt mir nichts mehr ein.“ (Lacht) 

 

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Tobias Moretti als grantelnder Kiberer Steiner und Violetta Schurawlow als toughe Özge in Ruzowitzkys „Die Hölle“

Wie schaffen Sie es im Gegensatz zu vielen anderen im Filmbiz, am Boden zu bleiben? 
Da hilft mir meine Familie sehr. Du kommst nach Hause mit dem Oscar und die Tochter sagt: „Papa, kannst du mir in Mathe helfen?“ Da kommt man schnell wieder zurück auf den Boden der Tatsachen. 

Apropos Oscar: Hat der Ihre Arbeit verändert? 
Nein. Er hat natürlich viele Türen geöffnet, aber man bekommt deshalb nichts geschenkt. Es geht auch niemand in einen Film von dir, nur weil du einen Oscar für einen anderen Film gewonnen hast. Man muss jedes Mal wieder kämpfen, sein Publikum immer wieder überzeugen. Aber natürlich gibt ein Oscar dir Selbstvertrauen. Die Selbstzweifel, die jeder Künstler hat, werden weniger. Man denkt, dass doch irgendetwas dahinter sein muss, wenn man so eine Auszeichnung bekommt.

Wen wollen Sie mit „Die Hölle“ erreichen? 
„Die Hölle“ ist ein Multiplex-Film. Wir wollen damit auch an das junge Publikum herankommen, das eigentlich verloren ist für den österreichischen oder europäischen Film und gelernt hat, dass gutes, spannendes Entertainment aus Hollywood kommt. Hiesige Filme, da schaut man sich vielleicht einmal eine Komödie an, vielleicht ein Drama, wenn dich der Lehrer zwingt, aber freiwillig nicht wirklich. Das ist schade. Es ist eine große kulturpolitische Aufgabe, die jungen Leute wieder zurückzuholen. Teenager von heute wissen, wie es in einem amerikanischen Gericht aussieht, aber nicht, wie es hier in Österreich aussieht. Da geht es auch um kulturelle Identität, die verloren geht. 

 

 

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