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People | 22.02.2017

Die Dahinterschauerin

Spektakuläre Augenbrauen, viel Temperament gegen Ungerechtigkeiten: Die Vollblutschauspielerin Sophie Aujesky aus Retz gibt demnächst Antigone. Wir trafen sie in ihrem Lieblingscafé - bei Butterbrot und Kräutertee.

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(© Jan Frankl)

Welcher Glaskugel er seine Prophezeiung entnahm, ist nicht überliefert, doch der Primar wusste es: „Das Mädchen wird eine Schauspielerin“, verkündete er nach einem tiefen Blick in Sophie Aujeskys Augen, kurz nachdem die kleine Erdenbürgerin das Licht der Welt im Krankenhaus von Hollabrunn erblickt hatte. Das ist insofern bemerkenswert, als dass die junge Retzerin als erste ein kreatives Kapitel dieser Art in der Familiengeschichte aufschlug. „Das ist für mich auch besser so, als einer Schauspieldynastie zu entstammen“, schmunzelt die schöne Niederösterreicherin über ihrem Butterbrot im Café Jelinek, eines ihrer Lieblingslokale in Wien. „So geht es nicht immer und überall um meinen Beruf und ich verliere meine Bodenständigkeit nicht“, ergänzt sie.

 

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Wandelbar: Mal ohne Dr. Martens :) (© Jan Frankl)

Starke Frauenfiguren

Zuletzt stand die vielseitige Mimin mit „Im weißen Rössl“ auf der Bühne der Volksoper Wien. Parallel dazu tourte sie mit Freundin und Kollegin Hilde Dalik mit „Romeo & Julia Freestyle“, einer viel gelobten, tiefgründigen Produktion mit jungen Flüchtlingen, durch Österreich. Derzeit bereitet sich die 31-Jährige mit den spektakulären Augenbrauen auf die Titelrolle in „Antigone“ in Kärnten vor: „eine starke, herausfordernde Frauenfigur, die vor allem für den Kampf für Gerechtigkeit und Mitgefühl steht, bis sie dafür den Tod in Kauf nimmt“, beschreibt sie.

Eine ebenfalls imposante Frau spielt sie mit „Johanna“ in Tirol und bald darauf erneut in Wien. Cornelia Rainers prämierte Regiearbeit basiert auf der Legende um Johanna von Orleans; Sophie Aujeskys Haupt- ist sogleich ihre Herzensrolle. „Es geht um das Erwachsenwerden, um die Identitätssuche und um die Frage, worum es sich zu kämpfen und aufzustehen lohnt“, schildert sie mit glänzenden Augen. Dieses besondere Stück, obwohl schon vielfach aufgeführt, geht ihr bis heute tief unter die Haut, erklärt sie und wischt mit einem Lachen fast unbemerkt eine Träne aus dem Augenwinkel.

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Seelen-Tauchgang: In der Herzensrolle nach der Legende von Johanna von Orleans (© Moritz Beichl)

Arztfamilie

Viele schöne Erinnerungen birgt ihr Erwachsenwerden in Retz, im Weinviertel. „Mein großer Bruder – er ist heute Arzt – war der Brave, ich das schlimme Mädchen“, verrät sie. Von einer wunderschönen, unbefangenen Kindheit erzählt sie, mit vielen Abenteuern in der Natur. Schon mit sechs beginnt sie zu reiten, zehn Jahre lang spielen die Pferde die Hauptrolle. „Noch heute, wenn ich in Wien bei einem Fiaker vorbeigehe, werde ich ganz emotional.“

Im Gymnasium Hollabrunn ist sie Mitglied in der Theatergruppe. Mit 14, als das Ensemble, bestehend aus Schülern, Lehrern und Eltern, mit lodernder Leidenschaft Nestroys „Mädchen aus der Vorstadt“ erarbeitet, trifft sie ihre Lebensentscheidung: Sie will Schauspielerin werden. Die Vision, in Papas Fußstapfen zu treten und Tierärztin oder Pathologin zu werden, waren fortan abgehakt. „Ich habe ihm immer beim Operieren zugesehen. Das Aufschneiden, das Dahinterschauen, das hat mich fasziniert. Aber genau das mache ich am Theater: Ich lasse nicht locker, ehe ich nicht weiß, was hinter dem Text steht“, erklärt Sophie Aujesky. Gleich nach der Matura studiert sie Kunstgeschichte an der Uni Wien, spielt nebenher viel Theater in der freien Szene (etwa bei Theater Westliches Weinviertel Guntersdorf). Mit 21 beginnt sie ihre Schauspielausbildung und wird direkt an das renommierte Stadttheater Klagenfurt engagiert.

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Großes Herz: Mit Flüchtlingen und KollegInnen kocht sie für Obdachlose.

Freunde

„Sich mit aller Leidenschaft“ den Texten von Dichtern und Dramatikern hinzugeben, sieht sie als ihre Berufung. Ihr Tun bleibt stets facettenreich: Mit Peter Turrini – ebenfalls aus Retz – arbeitet sie kürzlich an einem Lyrikprojekt, in Vorarlberg stand sie in Paula Köhlmeiers „Maramba“ im Rampenlicht, in Perchtoldsdorf in Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“.

Bei all den Projekten bleibt der Mensch Sophie Aujesky nicht auf der Strecke. In ihrem großen Herz und vollem Terminkalender – den gibt‘s ausschließlich in Papierform – sind Platz für innige Freundschaften und soziales Engagement. „Als Freischaffende lebst du von einer Woche auf die andere“, sagt sie. „Umso wichtiger ist die Stabilität von Freundschaften. Da habe ich fantastische Menschen nicht nur hinter, sondern vor allem neben mir. Bei all den Unsicherheiten, die dieser großartige, aber manchmal auch einsame Beruf mit sich bringt, ist es wichtig zu erkennen, dass man nicht alleine ist.“

Ihre Freizeit widmet Sophie Aujesky oft der Unterstützung von Flüchtlingen. „Ich will das geben, was ich mir an ihrer Stelle wünschen würde.“ Schon im Sommer 2015 organisiert sie Nahrungsmittel etwa über das Lokal „Neni am Naschmarkt“, bringt sie nach Traiskirchen oder an die großen Wiener Bahnhöfe. Gemeinsam mit den Schauspielkolleginnen Hilde Dalik und Susi Stach sowie den jungen Flüchtlingen der Theaterproduktion „Romeo & Julia Freestyle“ engagieren sie sich für Menschen, die vor Krieg, Unterdrückung und Hunger fliehen. Sie stellen auf, was gebraucht wird. Wohnungen, Möbel, Kleidung, Nahrungsmittel. Sie beantworten Fragen, unterstützen bei Behördenwegen, packen mit an. Warum? „Ich bin so aufgewachsen: Wenn es jemandem schlecht geht, bleibst du stehen. Wenn jemand in der Hitze nichts zu trinken hat, bringst du ihm Wasser.“

Infos: www.sophieaujesky.com

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