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People | 28.03.2017

Schauspieler, Tischler und Mensch

Mundl, Bockerer, Blunzenkönig, die Stimme Gottes. Karl Merkatz ist alles. Nun feierte Österreichs Kulturfigur sein 60. Bühnenjubiläum. Die NIEDERÖSTERREICHERIN war dabei.

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Merkatz singt „Stellts meine Ross in Stall“ (© Viktória Kery-Erdélyi)

Ohrfeigen bis die Wangen glühten

Es war eine Watschn mit Langzeitfolge“, erzählt „Karli“ Sackbauer, „Mundls“ Sohn aus der Serie „Ein echter Wiener geht nicht unter“, Klaus Rott, in seiner launigen Rede. Damals, in den ersten Folgen der Kultserie unter der Regie von Reinhard Schwabenitzky, als nach der ersten Watschn, die er vom Mundl bekam, eine zweite Klappe folgte. Mehrere Male musste die rote Wange nachgeschminkt werden, bis bei Klappe drei Karl Merkatz entschuldigend sagte: „Karli, du musst verstehen, a Watschn kann ich nicht markieren.“ Für seine kraftvolle Darstellung des „Mundl“ sei er zur Kultfigur geworden, schließt Klaus Rott dann seine Erinnerungen, aber für ihn sei Merkatz viel mehr: „Er ist eine Kulturfigur.“ Womit er recht hat. Karl Merkatz ist ein Schauspieler, der das Repertoire von den großen Klassikern bis zum „Blunzenkönig“ abdeckt, immer authentisch, immer glaubwürdig. Mit seinen 86 Jahren hat er in über 250 Film- und TV-Produktionen mitgewirkt und wurde mit zahlreichen Ehrenzeichen gewürdigt. Eine Karriere, die ihren Anfang nahm, als er 14-jährig im „Verlorenen Sohn“ von Erich Eckert im Pfarrtheater in Wiener Neustadt die erste Bühnenluft einsog. 

 

Ich möchte Mensch werden! Von den Eltern aus musste er ein Handwerk erlernen, weil Schauspieler ja ein Hungerleider-Beruf war. „Im Krieg waren wir alle hungrig. Am 2. Jänner 1946, mit 15, hab ich dann mit der Tischlerlehre angefangen. Ich bekam vom Arbeitsamt eine Stelle in einer Sargtischlerei. Draußen standen 50, 60 Särge aufgestapelt, da hab ich gesagt, das will ich dann doch nicht“, erzählte mir Karl Merkatz, als ich ihn und seine Familie einmal in seinem liebevoll restaurierten Hof, dem „Quengert“ in Irrsdorf bei Straßwalchen besuchte. Die Hunde bellten aufgeregt, zwei Pferde grasten in der Wiese, aus einem Zimmer ertönte Klaviermusik, eine Idylle. In der heimeligen Stube roch es nach Kuchen und Kaffee, Vogelgezwitscher kam aus der Tischlerwerkstatt. Fast alles hat er hier selber gemacht. „Aus dem Beruf des Tischlers erfahre ich persönliche Befriedigung. Ich schaffe etwas, was ich angreifen und benützen kann. Auch in meinem zweiten Beruf als Schauspieler arbeite ich im Grunde handwerklich. Ich zeige etwas, führe etwas vor. Es ist ein erlerntes Handwerk, das Leben einer Figur anzunehmen, die ein Dichter geschaffen hat“, erklärte Merkatz und erzählt, wie er zur Schauspielerei gekommen ist. Sein erster Schauspiellehrer, Walter Fried, fragte ihn: „Was wollen Sie werden? Schauspieler oder Mensch?“ Merkatz antwortete: „Ich möchte Mensch werden, Herr Professor.“ 

 

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Kultfigur Mundl Sackbauer (© ORF)

Das Quengert

„In Hamburg und auch als wir in Salzburg wohnten, haben wir immer von einer Hütte in einer grünen Wiese geträumt. 1970 wollten wir sogar nach Australien, aber dann haben wir das Quengert gesehen: am Waldrand, außerhalb des Ortes, wo 1680 ein Kleinbauer und zwei Handwerker wohnten. Zuerst nützten wir das ‚Schusterhäusel‘ nur als Ferienhaus, aber dann wollten unsere Kinder nicht mehr weg. Das Leben hat uns vor 46 Jahren hierher gebracht, es musste so sein, und man kann sagen, wir sind angekommen.“ Gewissermaßen war es auch ein „Fluchtpunkt“, den sich das Ehepaar geschaffen hat. Beide waren sie „Kriegskinder“ gewesen, und die 1970er-Jahre mit ihren Kriegen und Krisen entfachten in der jungen Familie den Wunsch nach Sicherheit und Geborgenheit. Später kaufte man das „Bointl“ und das „Webergut“ dazu. In diesen Häusern haben ihre Töchter Gitta und Josefine mit ihren Kindern ein Heim gefunden. 

Ein Engagement auf Lebenszeit

Seine große Lebensliebe hat er in Martha Metz gefunden, die er im Thea­terrestaurant von Heilbronn kennenlernte, mit ihr hat er „das große Los gezogen“. Seit 1956 sind sie verheiratet. Was für ihn Familie bedeutet? „Alles. Wir sind eine Familie, und wir wollen eine bleiben. Wir haben das Glück, hier zusammen zu wohnen, und doch ist jeder für sich. Meine Frau kocht meist für siebzehn, und dann gibt‘s das große Restlessen; einmal bei der Gitta, dann bei der Josefine oder bei uns. Unser Leben spielt sich an einem großen Tisch ab. Das war mir immer wichtig; das ist Tradition, dass Konflikte oder Probleme am Tisch besprochen werden. Darauf habe ich auch im ‚Mundl’ bestanden.“ Man hört ihm gerne zu, wenn er in seiner schönen Sprache erzählt. Kaum vorstellbar, wie ihm die Diktion des lauten, aufbegehrenden Randbezirks-Wiener Mundl Sackbauer so glaubhaft gelang. „In meiner Heimat Wiener Neustadt haben wir auch kein reines Deutsch gesprochen. Nur einer meiner Onkel sprach sogar das Schönbunnerdeutsch“, aber wenn Merkatz eine Rolle spielt, dann ist er es. In jedem Milieu. 

Ein Schamerl braucht vier Haxen

„Mein erstes Werkstück als Tischler war ein Schamerl. Bei diesem Schamerl hab ich fürs Leben gelernt: Wenn‘s wackelt, hast du einen Fehler gemacht und musst von vorne beginnen. Ich bin nie fehlerfrei gewesen, musste im Leben wie im Beruf immer wieder von vorne beginnen. Jeder Neubeginn ist für mich wie ein neues Schamerl gewesen“, schreibt Karl Merkatz in seinem gleichnamigen Buch, aufgezeichnet von seinem Freund, dem Autor Christoph Frühwirth. Ausgehend von diesen vier Haxen, arbeitete er zu seinem 85. Geburtstag darin die vier großen Themen seines Lebens auf: das Leben an sich, die Familie, das Handwerk und den Glauben. Ein Buch, das den Menschen Karl Merkatz hinter den von ihm geschaffenen Kultfiguren zeigt. Ganz, wie er es zu Beginn seiner Karriere werden wollte. Sie hätten eine Freude, Herr Professor Fried!

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