Loading…
Du befindest dich hier: Home | People

People | 02.05.2017

Blondes Gift

Mindestens so groß wie die (Ehr-)Furcht vor ihrer bösen Zunge war die Neugier, wie die 24 Jahre junge Kabarettistin jenseits des Rampenlichts ist. Das Interview. Wir verlosen Tickets für Lisa Eckharts Auftritt in der Bühne im Hof in St. Pölten!

Bild 1705_N_Kultur_LisaEckhart_1.jpg
(© Moritz Schell)

Es ist ein Dichterwettstreit, eine „moderne Form des Gladiatorenkampfes“, sagt Lisa Eckhart. „Nur leider nicht so brutal, mit den Verlierern passiert nichts“, fügt sie trocken hinzu. Auf den Bühnen des sogenannten Poetry Slams, bei dem das Publikum das Gebotene bewerten darf, ist sie groß geworden. In rasantem Tempo. Mittlerweile finden ihre bitterbösen Betrachtungen im Kabarett in Österreich, Deutschland – und vor der Kamera – ihre Opfer, Pardon: ihre Fans. Wer ist diese bemerkenswert redegewandte junge Frau?
Wir trafen Lisa Eckhart zum Interview, das sie übrigens trotz Fieber nicht absagen wollte. – Meine Antwort sei ausnahmsweise vorweggenommen: „Sie ist Falco“, dachte ich mir, als die Tür zu ihrer winzigen, reduziert möblierten Wohnung in Wien ins Schloss fiel... Wer sonst beherrscht diesen Mix aus Intelligenz und sympathischer Arroganz?


NIEDERÖSTERREICHERIN: Du bist bei deinen Großeltern aufgewachsen. Warum?
Lisa Eckhart: Der Vater musste sich mit dem Gedanken Kind akklimatisieren, und es war praktisch, weil meine Mutter noch studiert hat. Ich war auch bei den Eltern. Aber die Großeltern waren schon sehr erpicht darauf, das Enkelkind zu besitzen.


Wie war deine Kindheit?
Wenn man die ersten sechs Jahre bei Großeltern aufwächst, prägt das. Ich lebe wie eine 70-Jährige. Ich bin nicht spontan, führe ein gediegenes Rentnerleben.


... und die Region, in der du aufgewachsen bist?
Ländlich, ein bisschen industriell. Die Grammatik galt als Teufelswerk.


Wie war die spätere Schulzeit?
Ich war an einer ehemaligen Kadettenschule (Grazer HIB Liebenau, Gymnasium, Anm.), was noch ein bisschen durchgekommen ist. Ich habe das sehr geschätzt, weil ich ein großer Freund von Zucht und Ordnung bin. Meine Mutter ist Lehrerin, die geht das sehr liberal an.


Ich ahnte schon, dass es schwierig sein wird, ernst gemeinte Antworten von ironischen zu unterscheiden...
Mit 39 Grad Fieber kann ich gar nicht lügen (lacht).

Bezeichnest du dich als Künstlerin?
Ja, wahrscheinlich. Schon als Kind, als ich noch gar nicht wusste, welche Form von Kunst es sein soll, dachte ich mir: Publikum muss her.


Dass sich eine Künstlerin gegen liberale Erziehung ausspricht, überrascht...
Kunst ist doch etwas hochgradig Diktatorisches! Man legt dem Publikum etwas auf, wer hat da nicht den Willen zur Macht?! Wer sich da raufstellt, genießt auch, das Publikum nicht als Indidviduum, sondern als willige Masse vor sich zu haben. Das wohnt diesem Genre inne.


Du hast Germanistik studiert; deine erste Masterarbeit zum Thema Weiblichkeit und Nationalsozialismus sorgte für viel Aufregung...
Die Jury hat sie vernichtet; es kam der Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit und des Dilettantismus. Sie haben gemeint: „Frau Eckhart, im akademischen Bereich haben Sie nichts verloren; können Sie nicht mit Ihren Händen arbeiten?“ Die zweite Masterarbeit hat aber wunderbar funktioniert.


Wie ging es nach dem Studium weiter?
Da war ich kurz verwirrt. Ich wusste nur noch: Publikum! Doch ich hatte noch immer keine Kunst vorzuweisen. Dann dachte ich mir: Ich mache eine Schauspielschule, weil mir da andere Künstler das Wort in den Mund legen. Aber ich hörte immer wieder: „Frau Eckhart, das ist das Schlimmste, das wir je gesehen haben.“ Bis zu einem Vorsprechen, für das ich selbst einen Monolog geschrieben habe. Da sagten sie zu mir: „Wir waren sehr scharf auf Ihren Text, aber nicht auf Sie. Schreiben Sie hinter der Bühne, aber gehen Sie nicht selber rauf.“


Hast du zuvor nie geschrieben?
Nein. Ich war immer ökonomisch; ich habe nie etwas um der Kunst willen gemacht, wenn ich nicht wusste, das findet einen Abnehmer.


LISA ECKHART... wuchs in St. Peter Freienstein in der Steiermark auf. Sie machte ihren Master in Germanistik an der Pariser Sorbonne. Vorsprechen an Schauspielschulen folgten, ehe sie sich dem Poetry Slam zuwandte. 2015 gewinnt sie darin die Österreichischen Meisterschaften. Kurze Zeit später gibt sie mit „Als ob Sie etwas Besseres zu tun hätten“ ihr Kabarett-Solodebüt. 2016 wird sie mit dem Förderpreis des Österreichischen Kabarettpreises ausgezeichnet. Lisa Eckhart schreibt an ihrem zweiten Programm; sie lebt in Wien und Berlin.


Wie hast du diese Abfuhren weggesteckt?
Ich habe eine akute Portion Indifferenz. Da sind sie auf sehr viel totes Fleisch gestoßen. Es war ja zunächst ein blindes Fischen nach Möglichkeiten. Mir tut es leid, wenn ich Leute sehe, die bis 25, 30 nie gescheitert sind. Einige Ohrfeigen schaden nicht. Getroffen hat es mich irgendwann schon, nämlich als ich gemerkt habe, das ist jetzt wirklich schon eher das, was ich will.


Du hast aber den Rat zu schreiben beherzigt?
Das hat sich zeitlich damit getroffen, dass mir jemand von Poetry Slam erzählt hat, bei dem es hieß: Ich kann eigene Texte machen und selbst auf die Bühne. Das einzige literarische Werk, das ich wirklich schätze, ist „Faust“ – somit habe ich zu Beginn sehr viele Abwandlungen des „Faust“ geschrieben.


Wie reagierte das Publikum auf dich?
Irgendwie verstört. Aber es schien auch, dass ich eine Sehnsucht in ihnen getroffen habe. Und da war ein Feuer, das ausgebrochen ist nach all den Jahren.


Wie fühlte sich das an?
Berauschend! Ich habe gemerkt, ich gehe auf die Bühne, komme wieder runter – und kann nicht sagen, was dazwischen passiert ist. Es war eine gewisse Bewusstlosigkeit, aber ich wusste: Das war jetzt echt! Es hatte Wahrheitsgehalt, was da oben passiert ist.


Wie entstehen deine Texte?
Das hat nichts Romantisches. Ich hasse vermeintliche Literaten, die plötzlich der Himmel inspiriert. Ich habe keinen Musenkuss. Ich setze mich hin, geißle mich, rauche eine Packung Zigaretten und sage mir: Jetzt schreib, du faule Sau! Es ist also mehr ein Zwingen. Und was ich schreibe, ist das, was ich gerne lesen und hören würde, was mir die Literatur nicht gegeben hat. Ein zur Schau gestellter, aber sehr ernst gemeinter Größenwahn.

Nach dem Lesen war immer ein Gefühl der Leere da: Ich habe selbst nichts geschaffen. Das ist schon eine Zwangsneurose, selbst etwas zu schaffen. Wenn ich nicht schreibe, macht mich das wahnsinnig.

Bild 1705_N_Kultur_LisaEckhart_1#.jpg
(© Bubu Dujmic)

Jetzt MUSST du also schreiben?
Ich mache ja nichts anderes mehr. Ich habe keine Hobbys oder menschliche Kontakte. Das Schreiben ist meine einzige Existenzberechtigung geworden.


Definierst du dich also komplett durch die Kunst?
Auf jeden Fall.


Wie ist es mit Freundschaft und Liebe?
Nur in dem Ausmaß, in dem sie künstlerisch inspirierend sind. Es hat sich extrem ausgesiebt, weil die Leute auch damit klarkommen müssen, dass ich da sehr autistisch veranlagt bin.
Dabei bist du total sympathisch!
Es funktioniert auf lockerer Basis sehr leicht. Aber sobald ich den Eindruck habe, dass eine Form von emotionaler Verantwortung besteht, bin ich weg. Da setzt die Überforderung ein.


Hast du an so einem grauen Tag wie heute nicht die Sehnsucht, Freunde zu treffen?
Das ist das schönste Wetter! Sonne macht mir schreckliche Vorwürfe, warum ich keinen Spaß habe.
Eigentlich untypisch fürs Kabarett: Bei aktuellen Themen und Innenpolitik willst du dich zurückhalten. Wieso?
Ich finde es so uneitel, über aktuelle Geschichten zu berichten, weil das doch in zwanzig Jahren ohne Untertitel niemand mehr verstehen wird. Es gibt Problematiken, die eher zeitlos sind. Die versuche ich zu finden, um nicht irgendwann einen obsoleten Text zu haben.

Bild 1705_N_Kultur_LisaEckhart.jpg
(© Christoffer Greiss)

Wie ist dein Verhältnis zu deinen Eltern?
Sehr gut! Sie stehen völlig hinter dem, was ich mache. Das ist sehr wichtig. Meine Mutter ist auch immer die letzte und einzige, sehr wichtige Zensurinstanz. Sie bekommt die Texte vorgelesen und wenn sie das Siegel draufgibt, gehen sie raus.


Heiraten, Kinder – gibt es da eine Vision?
Ein Kind auf jeden Fall. Bei dieser Antwort sind viele erstaunt, weil viele Kinder in meinen Texten zu Schaden kommen. Ob ich mir einen Mann dazu halte? So etwas finde ich eher anstrengend. Aber ich will unbedingt ein Kind. Wenn man nach Unsterblichkeit strebt, ist das auch ein gutes Ass im Ärmel...

 

ALLES MEINS!

Meine Träume... Bekanntheit, im Guten und im Schlechten. Die Menschen so zu bewegen, dass sie sagen: „Die Eckhart kenne ich, finde ich furchtbar oder gut.“
Meine Mode... Sehr launisch. Gerne anachronistisch, exzentrisch.
Meine Frisur ist... sehr anstrengend zu pflegen.
Mein Frausein... habe ich bislang nicht wahrgenommen und bin auch nicht so erpicht darauf. Dieses Geschlechtstypische finde ich eher hinderlich.
Meine Stärke ist... Ignoranz gegenüber Kritik, starrsinniger Ehrgeiz.
Meine Schwäche... Wenn der Größenwahn sehr hohe Höhen kennt, dann kennt man auch die Selbstzweifel.
Mein Urlaub... ist zuhause.

 

Gewinnspiel:

„Als ob Sie etwas Besseres zu tun hätten“ – am 2. Juni 2017 (19:30 Uhr) kommt Lisa Eckhart in die Bühne im Hof, St. Pölten (www.buehneimhof.at). Die NIEDERÖSTERREICHERIN verlost 2 x 2 Freikarten. Teilnahmeschluss ist am 11. Mai 2017. Das Gewinnspiel finden Sie hier.

 

Diskutiere mit uns und deinen Freundinnen diesen Beitrag:
powered by Disqus