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People | 16.05.2017

Funky Thalhof

Wenn Anna Maria Krassnigg von ihrem Theaterfestival spricht, vibriert die Luft. Am Fuße der Rax geht alles: Newcomer und Klassiker, Bühne mit Kino, Politik mit Witz.

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(© Christian Mair)

Die Crème de la Crème des kreativen Lebens

Die Mauern bröckelten, kaputte Fenster, wohin man blickte – und ein nahezu intaktes Theater. Josef und Ursula Rath waren gefesselt. Und entschlossen, dem sterbenden Gebäude, einst ein Hotel, das so viel Geschichte birgt, neues Leben einzuhauchen. Über Jahrhunderte war der Thalhof in Reichenau, am Fuße der Rax, im Familienbesitz der Waissnix; die Crème de la Crème des Kulturlebens ging dort ein und aus. Arthur Schnitzler etwa war seiner heimlichen Liebe, seiner Ratgeberin und Muse, eben dorthin nachgereist.

„Ich bin eine Freundin des Zufalls, im Wissen dass es keine Zufälle gibt“, lacht Anna Maria Krassnigg. Der Mann im Publikum hatte sie an den jungen Grillparzer erinnert. Josef Rath, den sie da noch nicht kannte, verlieh seiner Begeisterung Ausdruck und unterbreitete der Regisseurin und Schriftstellerin sein Angebot: Er wollte dem maroden Thalhof neuen Glanz verleihen. Sie sollte mit ihrem erfolgreichen Wiener Theaterlabel Salon5 dort das Kulturleben erneut zum Pulsieren bringen. Sie war nicht auf der Suche, „der Thalhof ist auf mich draufgefallen“.

Dass Krassnigg kein schenkelklopfendes Theater programmieren wird, war klar. So manchen Unkenrufen zum Trotz, gelang es ihr von Beginn an, qualitativ Hochwertiges und zugleich Genuss- und Lustvolles zu bringen. Sie stieg 2015 mit „La Pasada“ von Anna Poloni ein – und war ausverkauft. 

 

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(© Christian Mair)

Niederösterreicherin: Die große Faszination für den Thalhof: Woher rührt sie bei dir?
Anna Maria Krassnigg:
Schon der Ort ist einzigartig: eine Phantasmagorie! Man fährt in ein unverbautes Tal, und quasi bevor der Bergrücken hochgeht, steht diese Villa, die einen sofort physisch erfasst. Nicht umsonst war der Thalhof Zufluchtsort für Künstler und Intellektuelle: von den Biedermeier-Promis bis zur Avantgarde.
Endgültig verführt hat mich das legendäre Gästebuch: verschriftlichte 280 Jahre Literaturgeschichte mit Autografen von Grillparzer über Nestroy, Raimund, Schnitzler, Lenau bis hin zu Altenberg, Salten, Ebner-Eschenbach. Entlang dieses Gästebuchs schuf nun Evelyne Polt-Heinzl „Raxleuchten“ (siehe Programm) mit noch nie gelesenen Texten über persönliche Nöte, Befindlichkeiten, Freuden der Autoren und Künstler. Da menschelt es total!

Sommerfestivals locken oft mit klingenden Namen und Stücktiteln. Du schlägst einen ganz anderen Weg ein. Wie geht sich das aus?
Ich höre das oft: „Wir würden gerne Anspruchsvolles bringen, aber da rennt uns das Publikum weg.“ Ich glaube nicht daran! Wenn du sehr genau und lustvoll programmierst, wenn du dein Publikum ernst nimmst, dann kannst du es verführen. Es geht nicht alles, aber sehr viel! Ein lieber Stammgast hat es gut auf den Punkt gebracht: „Ich bin Ihnen dankbar, dass ich an der Garderobe nicht mein Hirn abgeben muss.“ (lacht) Am Thalhof, wo es einen „Bodenschatz“ von 300 Jahren Literatur gibt, da ist das ein logischer Weg: Stoffe aus der Historie, die heute genauso relevant sind, mit jungen unbekannten AutorInnen zu kombinieren.

Wieso Ebner-Eschenbach?
Sie ist DIE deutschsprachige Klassikerin! Unser Kulturraum ist voll von männlichen Klassikern, aber wer wäre eine Klassikerin? Marie von Ebner-Eschenbach ist es, ein österreichisches Ausnahmephänomen! Warum sie so verschwunden ist, würde Dissertationen füllen. Was sie zu erzählen hat, ist etwas Unerhörtes! Das ist die andere Seite des Mondes, ein weiblicher Blick, weder romantisch-kitschig, noch „Gender-buchstabengetreu“. Sondern der Zugang: Seht es einmal von dieser Perspektive; es sind andere Wirklichkeiten, Probleme, Lebensläufe. Unser Stück „Am Ende eines kleinen Dorfes“ ist eine Mann-Frau-Geschichte und die einer weiblichen Selbstbefreiung: krimihaft, spannend, ein bisschen gothic.  Die Hauptfigur ist eine Kämpferin und dabei eine Ausgegrenzte, die in die Mitte kommen soll.

Also politischer Background im ursprünglichen Sinn?
Mit „Fremde Nähe“ (so der Festivaltitel, Anm.) thematisieren wir, dass das, was für viele selbstverständlich ist – ein abgesichertes Leben, unsere Umwelt, Politik, Rechte – fremd und befremdlich wird, weil sich die Erde in einer Art verändert, wie wir es vor fünf Jahren nicht für möglich gehalten hätten. Das Phänomen, das mich bewegt: Ob wer fremd ist, ob es nun Menschen aus Syrien sind, oder weil der eine in Wohlstand lebt und der andere am Straßenrand bettelt – das ist ein gewürfelter Pokerbecher. Und das Fremde, wenn es durch Kommunikation näher rückt, kann nicht mehr fremd sein.

Theater kann nicht die Welt verändern, aber es kann Empathie erzeugen.

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Wortmagier. Mit Leichtfüßigkeit, Humor und in moderner Sprache "komponierte" Mario Wurmitzer "Werbung Liebe Zuckerwatte" (© Christian Mair)

Mit „Werbung Liebe Zuckerwatte“ bringst du eine Uraufführung eines jungen nö. Dramatikers...
Verlage wissen, wonach ich in meiner Trüffelschweintätigkeit suche (lacht). Mario Wurmitzer bekam ich mit den Worten: „Den musst du lesen!“ Ich tat es und war verblüfft, weil dieser junge Autor es schafft, eine politische, gesellschaftliche Situation mit großer Leichtfüßigkeit als Komödie zu schreiben! Der Plot: Ein Pärchen sitzt im Romantikwaggon des Riesenrades. Es soll zur Verlobung kommen, als Schüsse fallen: ein Terroranschlag! Das muss man sich einmal vorstellen: Wurmitzer hat das vor drei Jahren geschrieben!

Du integrierst hierbei die Kinobühnenschau. Was ist das?
Das ist Theater und Kino – gleichzeitig! Am Übergang zwischen Stumm- und Spielfilm war die Bühnenschau so beliebt, dass sogar Häuser wie das Metrokino in Wien architektonisch darauf ausgerichtet, eigene Drehbücher geschrieben wurden. Den Sprung, dass der Schauspieler auf der Leinwand ist und in der nächsten Sekunde vor mir auf der Bühne, fanden die Menschen unfassbar genial – und das ist es auch! Bei „Werbung Liebe Zuckerwatte“ werden die Schauspieler permanent zwischen den Ebenen hin- und herspringen. Es wird funky, abenteuerlich, lustig!

Aufgrund der Förderzusagen gibt es erstmals auch ein Opening-Wochenende im Mai...
Der Thalhof ist geradezu ein Symbol für die Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft. Einen strahlkräftigen Auftakt zum Festival im August zu bieten, macht Sinn: Hier werden brisante Fragen, die unser Spielplan aufwirft, mit hochkarätigen Gästen lustvoll diskutiert, man bekommt Vorab-Einblicke in die Produktionen und ein internationales Gastspiel über das Leben von Virginia Woolf zu sehen.

Du leitest mit Christian Mair Salon5 bzw. Thalhof – und ihr seid auch privat ein Paar. Wie funktioniert das?
Ich klopfe auf Holz, wenn ich sage, dass wir – nach zehn Jahren des Kombinations-Wahnsinns – immer noch auf allen Ebenen mit großer Lust koexistieren. Es funktioniert aufgrund unserer Unterschiedlichkeit in Kombination mit Respekt. Natürlich gibt es Phasen der Überforderung. Die mittlerweile schon großen Kinder waren und sind – bei aller zeitweiligen Überforderung – mehr Halt und Freude als Anstrengung. Sie haben uns stets von der „Kunst“ ins Leben zurückgeführt.

Wie geht sich all das aus, wofür Wikipedia mehrere Seiten braucht?
Ehrlich gesagt manchmal mehr schlecht als recht. Ich arbeite ständig auch daran, meine Lebensführung intelligenter, freier, besser hinzubekommen. Mit Fortschritten – manchmal aber auch mit Rückschlägen. Auf der anderen Seite habe ich das große Glück, an allen „Baustellen“ das zu tun, was mir Spaß macht.

Du bist nicht auf Facebook – eine bewusste Entscheidung dagegen?Absolut – ich lebe live, das frisst Zeit genug. 

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Ausnahmemimin: Petra Gstrein bestreitet den Soloabend "Der Fels und die Wellen" über das schillernde Leben der Virginia Wolf und spielt die Hauptrolle in "Am Ende eines kleinen Dorfes" nach Ebner-Eschenbach. (© Lisa Lesourd)

DAS PROGRAMM

Opening:
26. Mai, 19 Uhr & 27. Mai, 19:30 Uhr: Gastspiel „Der Fels und die Wellen“

27. Mai, 17 Uhr: Das Geschäft mit der Angst – Podiumsdiskussion mit Journalistin S. Hamann, Psychiater P. Frottier, Regisseurin A. M. Krassnigg, Autor D. Rabinovici, Innenminister W. Sobotka (dazu: Einblick in die Probenarbeit „Werbung Liebe Zuckerwatte“)

28. Mai, 11:30 Uhr: Bedingungen weiblichen Schreibens – Podiumsdiskussion mit Schriftstellerinnen Th. Bauer, R. Beckermann und L. Mischkulnig sowie Literaturwissenschaftlerin Daniela Strigl (dazu: Enblick in die Probenarbeit „Am Ende eines kleinen Dorfes“)

Thalhof Festival:
4. August bis 3. September 2017 (mit Petra Gstrein, Jens Ole Schmieder, Doina Weber, Maxi Blaha, Daniel Frantisek Kamen, Gioia Osthoff, Martin Schwanda)

* Nach Marie Ebner-Eschenbach: „Am Ende eines kleinen Dorfes“

* Textcollage von Evelyne Polt-Heinzl: „Raxleuchten“

* Mario Wurmitzer: „Werbung Liebe Zuckerwatte“

Vor den Aufführungen findet jeweils um 18 Uhr ein „salon.gespräch“ mit prominenten Diskussionspartnern statt.

www.salon5.at

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