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People | 14.06.2017

Die neue Zeit der Zweisamkeit

Der Rückzug Erwin Prölls aus der Politik hat auch das Leben von Elisabeth „Sissi“ Pröll entscheidend verändert. Warum sie in 46 Jahren Ehe immer ihre Eigenständigkeit bewahrte und wofür sie sich auch in Zukunft einsetzen wird, verrät sie uns in einem herzlich offenen Gespräch.

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(© Viktória Kery-Erdélyi)

„Es geht mir wunderbar“, strahlt Sissi Pröll, als wir einander in Krems treffen. „Für uns beginnt jetzt eine Zweisamkeit, die wir das letzte Mal vor 46 Jahren leben konnten. Dann folgte im Leben meines Mannes sowie in meinem ein Ereignis dem anderen. Es war eine sehr turbulente Zeit.“ Sehr genau erinnert sie sich daran, als Erwin Pröll sie damals fragte, ob er in die Politik gehen soll. „Ich war damals 29, mein Mann 33, und wir haben beide ‚Ja’ gesagt, ohne zu wissen, was auf uns zukommt. Geheiratet habe ich ja einen Studenten“, lacht sie und erzählt von ihrer Jugend in der sogenannten „68er-Generation“. „Man konnte plötzlich über Dinge sprechen, die davor tabu waren, wir diskutierten über Politik, den Einfluss der Religionen und über das starke Thema Frauenrechte. Ganz, ganz toll war für mich die Musik. Man hat sich so zugehörig gefühlt, entweder man war für die Beatles oder für die Stones, das waren zwei verschiedene Lager. Auch was die Mode anbelangt war es eine sehr spannende Zeit.“

Sissi Pröll ist eine Frau, die viel von der damaligen Aufbruchstimmung mitgenommen hat. Wohl ein Grund dafür, dass sie es sich nie „bequem“ gemacht hat, ihre Selbstständigkeit bewahrte. „Ich habe mich in meiner Rolle einfach immer wohl gefühlt. Ganz entscheidend dafür war, wie mein Mann und ich aufgewachsen sind. Ich war ein Einzelkind, mein Mann hat einen Bruder, und wir hatten beide Eltern, die uns unbeobachtet und mit einem unglaublichen Vertrauensverhältnis aufwachsen ließen. Auch wir hatten unsere Regeln, aber trotzdem waren wir für uns selber verantwortlich“, erklärt sie den Unterschied zu jenen heutigen Eltern, die ihre Kinder stark leiten. „Sie bestimmen, was die Kinder lesen und spielen, es wird Programm gemacht. Wir haben unser Programm selber gemacht, haben uns in Bibliotheken eingeschrieben, Bücher ausgesucht und in der Schule ausgetauscht. Das ist schon ein Fundament dafür, wie man dann wird. Ich habe mir diese Eigenständigkeit bewahrt und den Beruf gewählt, den ich unbedingt machen wollte: Kinderkrankenschwester.

„Ich habe mich in meiner Rolle immer wohl gefühlt.“ - Sissi Pröll

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Die Trachtenliebhaberin fand im Geschäft der Volkskultur eine wunderschöne Strickjacke. Mit beim Gustieren: die Geschäftsführerin Dorli Draxler

Präsidentin im Ehrenamt. Der im Jahr 1965 aufgrund einer Hochwasserkatastrophe von Frau Dr. Elisabeth Schmitz gegründete Verein „Katastrophenhilfe österreichischer Frauen“ war in die Jahre gekommen. Die öffentliche Hand hatte in der Folge mehr Katastrophengelder übernommen, die Mitgliedsbeiträge waren gering, die Spendengelder dürftig, also hat man jemanden gesucht, um Spendengelder aufzutreiben. „Das war ich, denn man kann ja seinen Namen auch für eine gute Sache verwenden“, erinnert sich Sissi Pröll daran, wie sie den Verein „umgekrempelt“ hat und Großspender gewinnen konnte. „Wir haben die Werbung auf neue Beine gestellt, das 50 Jahre alte Büro erneuert und uns einen neuen Namen gegeben: ‚Hilfe im eigenen Land – Katastrophenhilfe Österreich’. Heute sind es aber mehr Katastrophen, wie der Todesfall eines Familienmitgliedes oder Behinderun­gen. Kurz, wir helfen Menschen, die unverschuldet von einem Tag auf den anderen in Not geraten sind.“ Seit 2011 steht sie als Präsidentin mit großem Engagement dem Verein vor. Glücksmomente verspürt sie, wenn sie – wie bei Familie Winkler aus Hadersdorf, deren zwei kleine Söhne an Muskeldystrophie leiden – es innerhalb weniger Tage schafft, Geld für einen elektrischen Rollstuhl bereitzustellen. Wie sehr machen sie diese Schicksale persönlich betroffen? „Wenn man helfen kann, dann stellt die große Freude darüber jede Last in den Schatten. Aber man ist natürlich überaus dankbar, wenn man selbst vier Kinder und sechs gesunde Enkelkinder hat. Auch wir hatten Schicksalsschläge in der Familie zu verkraften, aber im Großen und Ganzen sind alle gesund. Daraus erwächst viel Kraft. Natürlich ist man auch durch den Beruf geprägt, denn bevor ich die Kinder bekommen habe, habe ich auf einer Leukämiestation gearbeitet. Diese Erfahrungen vergisst man ein Leben lang nicht. Aber der liebe Gott hat mir wohl die Kraft gegeben, vieles ertragen zu können. Auch dafür bin ich sehr dankbar.“ Freuen kann sie sich über jeden einzelnen Brief, den sie als Dankeschön bekommt, denn: „Danke sagen ist generell etwas Wunderbares.“ So besucht sie jedes Jahr vor Weihnachten ein Mädchen im Rollstuhl, das sie schon sehr lange betreut; oder es steht plötzlich jemand mit einem Blumenstrauß vor der Tür, den sie „manchmal gar nicht persönlich kennt, weil sich ja Frau Elfriede Straßhofer, unsere Landesleiterin in NÖ, speziell um diese Menschen kümmert.“

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Soziales Engagement. Seit 2011 ist Sissi Pröll Präsidentin von „HILFE IM EIGENEN LAND – Katastrophenhilfe Österreich“. Der Verein hilft schnell und unbürokratisch all jenen, die unverschuldet von heute auf morgen in Not geraten. (© Viktória Kery-Erdélyi)

Ehefrau und Mutter. Erwin Pröll hat einmal gesagt, er wäre nichts ohne seine Frau, aber „zuhause hat sie die Hosen an“. Stimmt das? „Das ist doch eh meistens so“, und ein jugendliches Lachen legt sich über das Gesicht der Mitsechzigerin. „Es wäre ja gar nicht vorstellbar, dass mein Mann zuhause auch alles organisieren müss­te. Ich sehe es
als eine Arbeitsteilung, die bei uns wunderbar funktioniert hat, und finde es unglaublich faszinierend, dass man einen Menschen 46 Jahre lang begleiten kann, der sich so entwickelt hat und durch so viele Interessenbereiche und Menschen auf seinem Weg geprägt wurde. Für mich war es selbstverständlich, das alles mit ihm teilen zu wollen, sich immer über alles austauschen zu können, nicht wegzudriften. Natürlich habe ich den Haushalt geregelt und die Familienorganisation übernommen. Viele meinten, mein Mann hätte sich nicht so sehr um unsere Kindern kümmern können. Das ist ein Irrtum, denn man lebt schon zu zweit für die Kinder, und die Endentscheidung trafen wir beide gemeinsam. Dafür hatten wir täglich unser gemeinsames Frühstück und einen freien Tag pro Woche.“
Obwohl es den Prölls weitgehend gelang, „die Kinder bis zu einem bestimmten Alter herauszuhalten“, so haben sie doch auch die negativen Seiten einer „öffentlichen“ Familie kennengelernt. „Wie damals, als Karin Resetarits  bei uns eine Homestory machte, und mein Mann im Interview diese scherzhafte Bemerkung über das einziges Buch, welches er je gelesen hätte, nämlich den ‚Schatz im Silbersee’, machte. Danach wurden unsere Kinder in der Schule sowohl von den Professoren wie auch von den Mitschülern – heute würde man sagen – ‚gemobbt’. Aber wenn man eine starke Familie ist, dann halten die Kinder das aus“, versichert sie, ohne sich noch heute darüber zu wundern, dass jenes besagte Buch dann sogar die Auslagen der Buchhandlungen zierte. Aber alles Schnee von gestern. Als der Vater seine Wahlkämpfe zu bestreiten hatte, waren die Kinder dabei. Als Erste Tochter Astrid, dann Stefan und „der Andy auch. Dadurch ist das schon ein anderes Zusammenwachsen. Es dringt vielleicht nicht so nach außen, aber wir sind schon eine sehr politische Familie“, sagt sie – und man glaubt es. Heute haben alle vier Kinder ihre Partner , und die Familie wurde dadurch zu einem „sehr bunten Gemisch“, was sie freut, denn: „Das Wichtigste für uns ist, dass die Kinder in ihren Beziehungen  glücklich sind.“

Ehefrau und Mutter
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Vierfache Mutter. Stefan (38), Bernhard (45), Sissi Pröll, Astrid (44), Andreas (35) (© privat)
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Sechsfache Oma. Anna (14), Johannes (12), Leni (8), Niki (5), Jakob (5), Benedikt (3) (© privat)

Die Großmutter. Sissi Pröll genießt ihre „Oma-Zeit“, wenn die Enkelkinder bei ihr in Radlbrunn sind. Auf den Tisch kommt dann alles, was „Wertigkeit“ besitzt. „Dabei ist mir so wichtig, dass sie mitkochen, vom Kakao-Selbermachen bis zum Schnitzel-Panieren. Ja, wir haben dafür unsere Rituale – und ein Schammerl“, lacht sie. Mitgeben möchte sie ihnen „die Werte, die mir meine Eltern mitgegeben haben. Sehr viel Vertrauen zu dem, was sie machen wollen, das Leben mit Traditionen, und auch die kirchlichen Feste hochzuhalten. Und dass sie einmal keine Vorbehalte gegen andere Menschen haben, egal aus welcher Gesellschaftsschicht oder aus welchem Kulturkreis diese kommen; egal, welche religiöse oder politische Überzeugung sie haben.
Und ich hoffe, dass diese Kinder sich in Zukunft auch weiterhin so frei in der Welt bewegen dürfen, wie wir es können.“

Die Zukunft. „Das Wunderbare ist, dass unser Leben jetzt langsamer und leichter wird, dass man nicht mehr diesen Zeitdruck hat, dass man beim Frühstück spontan entscheiden kann, etwas zu unternehmen, dass man entspannt gemeinsam Musik hören, lesen oder im Garten arbeiten kann. Wenn die Partnerschaft funktioniert, dann funktioniert auch dieses neue Zusammenleben. Wir bewegen uns gerne, sind aktiv und fordern uns auch geistig. Mein Mann wird weiter seine Englischstunden nehmen und ich habe als Kind Kroatisch gelernt, weil meine Großmutter eine Burgenlandkroatin ist, das werde ich auffrischen. Schön wäre es, noch zehn gute Jahre zu haben, die wir für unsere gemeinsamen Hobbys und Empfindungen nützen dürfen. Das wäre schon etwas sehr Feines.“
Man sieht das Bild geradezu vor sich: Oma Pröll kocht Schnitzel und draußen im Pool fordert der Großvater, „Opsi, das Krokodil“, die Enkelkinder zu seinem beliebten Wasserspiel auf. „Leider ist das Krokodil geplatzt“, gesteht Sissi Pröll ein – aber man kann davon ausgehen, dass der Ideenvielfalt in dieser Großfamilie keine Grenzen gesetzt sind...

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Sissi Pröll im Interview mit Chefredakteurin Angelica Pral-Haidbauer

HILFE IM EIGENEN LAND

Katastrophenhilfe Österreich
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ZVR- Nummer: 214603178
Alle Infos über Mitgliedschaft, aktuelle Notfälle und Patenschaften für Kinder
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