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People | 18.09.2017

Landesmanagerin mit Herz

Sagen, was ist, und tun, was zu tun ist. Das ist das Motto von Johanna Mikl-Leitner, der ersten Landeshauptfrau Niederösterreichs. Auch wenn manchmal Gegenwind bläst.

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Seit 19. April 2017 als nunmehr einzige Landeshauptfrau Österreichs im Amt (© Vanessa Désirée Hartman/ VanDeHart Photography)

Die große Fensterfront beeindruckt mit einem freien Blick nach draußen, eine Wand des Büros wurde jungen niederösterreichischen Künstlern gewidmet und zeigt derzeit das überdimensionale Gemälde „Café Sperl“ von Gerlinde Zeilner aus Mödling; gerahmte Familienfotos erzählen Persönliches, auf dem langen Besprechungstisch stehen frische Früchte und Nüsse. Mit Johanna Mikl-Leitner hat nicht nur die niederösterreichische Landespolitik eine weibliche Handschrift bekommen, auch die Räumlichkeiten im 6. Stock des Landhauses 1 präsentieren sich unkompliziert und einladend. Eine Atmosphäre also, die auch dem verbindlichen Wesen der Klosterneuburgerin entspricht, die nach Waltraud Klasnic und Gabi Burgstaller als dritte Frau der Republik Österreich an der Spitze eines Bundeslandes steht und sich somit in die Reihe berühmter NÖ-Landespolitiker von Leopold Figl bis Erwin Pröll einschreibt. Gewählt mit 98,5 Prozent der Delegiertenstimmen. Seit ihrem Amtsantritt steht die nunmehr einzige Bundesländerchefin für ein neues Miteinander im Land und einen ehrlichen Umgang – im Reden wie im Handeln. Sie steht für eine Politik, die ausspricht, was Sache ist, auch wenn sie damit aneckt. Als Ehefrau und zweifache Mutter plädiert sie außerdem für mehr Hausverstand.

Niederösterreicherin: Frau Landeshauptfrau, in Ihrer Antrittsrede am 45. Parteitag im März haben Sie gesagt, das Land gehe vor der Partei. Wie geht es Ihnen als Landes­chefin?
Johanna Mikl-Leitner: Sehr gut! Ich habe sehr spannende und intensive Monate hinter mir und wohl die schönste Aufgabe, die es gibt, nämlich Landeshauptfrau von Niederösterreich zu sein. Eine Bilanz nach mehr als vier Monaten – das Leben ist noch bunter geworden!


Spüren Sie in Ihrer Arbeit ein gewisses Spannungsfeld zwischen dem politischen Erbe von Erwin Pröll und dem Umbau der Volkspartei unter Bundesparteiobmann Sebastian Kurz?
Nein, überhaupt nicht, weil wir auf das beste Niederösterreich aufbauen können, das es je gab, und die Herausforderungen der heutigen Zeit annehmen. Wie die Generation vor uns ihren Weg genommen hat, so nehmen wir den Weg mit Sebastian Kurz auf bundespolitischer Ebene und ich unseren auf der landespolitischen.

 

„Man muss halt alles mit sehr viel Herzblut machen.“

- Johanna Mikl-Leitner

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MASTERPLAN DIGITALISIERUNG NÖ Das größte Bundesland soll auch das schnellste werden. (© Vanessa Désirée Hartman/ VanDeHart Photography)

Sie stehen dafür, Dinge klar anzusprechen und einzufordern, auch wenn es Gegenwind erzeugt. In Ihrer Zeit als Innenministerin denke ich da z.B. an die Schließung der Westbalkanroute...
Ich glaube, ich bin für meine direkte und unkomplizierte Art und Weise bekannt, aber auch dafür, dass ich meine Vorstellungen durchsetze. Sie haben das beste Beispiel genannt: die Schließung der Westbalkanroute. Hätte ich mich damals einschüchtern lassen und hätte ich den Beschwichtigern Glauben geschenkt, wäre es nie zum Bau des Zauns gekommen, der letztlich auch der Schlüssel zur Schließung der Balkanroute war. Also das, was damals auf viel Kritik stieß, ist heute weit akzeptierte Meinung in ganz Europa. Gerade in der Politik muss man Gegenwind aushalten und das tun, was für das Land und die Gesellschaft wichtig und notwendig ist.


Sie haben die Bünde einmal als die Kraftkammer Niederösterreichs, einen blau-gelben Bund für das Land, bezeichnet. Hat es nicht verwundert, mit welcher Geschlossenheit sich diese Bünde hinter die neue Volkspartei mit Sebastian Kurz gestellt haben?
Ich stehe dazu, dass die Stärke der Volkspartei die Teilorganisationen sind. Es gibt keine andere politische Partei, die so viele verschiedene Interessen vertritt und vereint, und wo vor allem nicht eine Gruppe gegenüber der anderen ausgespielt wird – vom Angestellten über die Landwirte und Unternehmer bis hin zum Arbeiter oder Freiberufler. Das ist etwas Wichtiges und Zentrales. Wie es also hier um das Zusammenwirken aller Teilorganisationen geht, geht es gerade in Richtung bundespolitischer Wahl darum, geschlossen hinter Sebastian Kurz zu stehen, dem wir natürlich auch jene Kompetenzen zugestanden haben, wie sie die einzelnen Landespartei-Obmänner und -Obfrauen mit den gleichen Kompetenzen, Chancen und Verantwortungen auch haben.


Die Themen und Herausforderungen in der Politik haben sich in der EU wie auch weltweit geändert. Wir exportieren jährlich Waren um mehr als 20 Milliarden Euro, 225.500 Menschen leben davon. Was sind die dringendsten Aufgaben Niederösterreichs in einer so international verflochtenen Wirtschaft?
Egal, wo etwas passiert, sei es außerhalb Europas, in der Türkei, im Nahen Osten oder wo auch immer, so hat das natürlich Auswirkungen auf Österreich und unser Bundesland. Da braucht es eine funktionierende Vernetzung und internationale Kontakte, um sich im globalen Wettbewerb durchsetzen zu können. Ich war in den letzten Jahren viel unterwegs, diese Vernetzung und Kontakte werde ich für Niederösterreich nützen. Die Export-Zahl über 20 Milliarden Euro werden wir auch heuer wieder erreichen, fast jeder zweite Arbeitsplatz bei uns ist abhängig vom Export. Somit kann die Politik nicht an der Landesgrenze aufhören, sondern muss weit darüber hinaus reichen. Eine der großen Herausforderungen unserer Zeit ist dabei sicherlich auch, die digitale Welt zu nutzen.

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Offen und herzlich im Gespräch mit Herausgeber Josef Rumer und Chefredakteurin Angelica Pral-Haidbauer (© Vanessa Désirée Hartman/ VanDeHart Photography)

Apropos technologischer Fortschritt. Was sind die konkreten Maßnahmen im Masterplan Digitalisierung Niederösterreich?
Ich möchte Niederösterreich, das größte Bundesland, auch zum schnellsten, oder anders formuliert, zu einem Zukunftsland mit Hausverstand machen. Da gibt es meines Erachtens zwei Hebel: zum ersten die modernste Technologie dazu nützen, dass sie Land und Leuten hilft, und zum zweiten, mehr Hausverstand in Richtung Entbürokratisierung walten zu lassen, weil das der schwerste Rucksack ist, den jeder einzelne trägt. Hier geht es mir darum, alle gesetzlichen, regulativen Richtlinien durchzuschauen und auch Mut zur Lücke zu haben.  


Die Welt ist unsicherer geworden, was viele Menschen ängstigt. Das neue Sicherheitspaket beinhaltet bis zum Jahr 2020 die Neuaufnahme von 1.150 Beamten und Beamtinnen und die zusätzliche Schaffung von 200 Arbeitsplätzen in NÖ, die durch Dezentralisierung geschaffen werden sollen. Reicht das?
Die aktuelle Kriminalstatistik zeigt einen Rückgang von 8,5 Prozent im Bereich der Gesamtkriminalität wie auch einen Rückgang im Bereich der Einbruchskriminalität. Das zeigt, dass wir sehr gut aufgestellt sind, auch im Wissen, dass sich die Herausforderungen im Sicherheitsbereich laufend verändern, wie z.B. in der weltweiten Terrorlage, der Cyberkriminalität sowie im gesamten Bereich der Migration. Deswegen habe ich mit dem Innenminister vereinbart, dass mit diesen 1.150 Aufnahmen 700 gänzlich neue Planstellen für NÖ geschaffen werden und zusätzlich 450 Nachbesetzungen bei den Pensionierungen erfolgen. Da ich eine Verfechterin der Dezentralisierung bin und hier auch der Bund gefordert ist, seinen Beitrag zu leisten, bin ich dem Innenminister sehr dankbar für die Zusage, zusätzlich 200 Planposten aus der Zentrale in die Region NÖ zu verlagern. In der Schweiz und in Deutschland sind ca. 20 Prozent der Bundeseinrichtungen dezentralisiert, bei uns nur um die fünf Prozent. Es gibt also noch viel Luft nach oben.

Soziale Fragen, wie z.B. wer bekommt wie viel wofür, sind so aktuell wie schon lange nicht mehr. Wie schafft man da Gerechtigkeit?
Sicher nicht mit dem Slogan „Hol dir, was dir zusteht“! Ich bin da eher eine Verfechterin von John F. Kennedys Satz „Frag nicht, was dein Land für dich tun kann, sondern was du für dein Land tun kannst“. Während für andere Leistungen und Einsatz etwas Altmodisches sein mögen, sind für mich Leistung und Ansporn etwas sehr Zentrales auf dem Weg nach vorne. In diesem Zusammenhang ist mir die neue Gerechtigkeit wichtig, vor allem für all jene, die täglich arbeiten, sowie Hilfe und Schutz für jene, die es brauchen. Das heißt auch, die zu sanktionieren, die das soziale System ausnützen. Da muss man ganz genau draufschauen, wie die Steuergelder verteilt werden und einen strikten Zugang vertreten, was die Mindestsicherung betrifft. Mit der Deckelung von 1.500 Euro pro Haushalt waren wir in NÖ die ersten, die damit vorangegangen sind.

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STILSICHER Die modebewusste Landes-Chefin liebt klare Schnitte und extravagante Accessoires. (© Vanessa Désirée Hartman/ VanDeHart Photography)

„Ich möchte Niederösterreich zu einem Zukunftsland mit Hausverstand machen.“

- Johanna Mikl-Leitner

 

Konnte die letzte Generation noch davon ausgehen, dass es ihren Kindern besser gehen wird, so scheint dies heute nicht mehr gesichert. Was sagen Sie diesen Eltern?  
Wir leben in einem Land, das in der Lebensqualität weltweit auf Platz vier liegt. Wenn ich mir etwas für die kommenden Generationen und für meine Kinder wünschen darf, dann ist es, diesen Lebensstandard beizubehalten.


In der politischen Diskussion geht es oftmals um zelebrierte Randthemen. Wie kann man den Blick wieder auf das Wesentliche, z.B. in der Frauen- und Familienpolitik, schärfen?
Da bin ich dankbar, dass Sie das ansprechen, denn ich bin überzeugt, dass man sich in der Vergangenheit zu wenig mit den Themen, die den Menschen unter den Nägeln brennen, beschäftigt hat. Mir ist wichtig, dass die Anliegen der breiten Mitte in den Mittelpunkt der Politik gerückt werden. Da geht es nicht um ein Binnen-I, sondern um die Frage nach einem sicheren Arbeitsplatz und darum, wie kann ich mit meinem Einkommen auskommen, wie kann ich meine Kinder, vom Kindergartenplatz bis zum Ende einer guten Berufsausbildung, individuell nach ihren Talenten bestens versorgen. Das sind die zentralen Fragen, die die Menschen bewegen.


Im NÖ-Festspielsommer sind Sie ein begehrter Ehrengast. Können Sie dort abschalten?
Natürlich, das ist herrlich! Ich kann dort richtig Kraft tanken! Ehepartner von Politikern haben es ja nicht einfach, aber mein Mann freut sich riesig, dass ich für den Kulturbereich Verantwortung tragen darf und er die tolle Chance hat, mich zu diesen Events zu begleiten.

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WERTVOLLE FAMILIENZEIT Im Urlaub mit Ehemann Andreas Mikl und den Töchtern Annaund Larissa (© Vanessa Désirée Hartman/ VanDeHart Photography)

Welchen Einfluß hat das neue Amt auf Ihre Familie?
Das Familienmanagement liegt bei meinem Mann. Er ist der Fels in der Brandung, ohne ihn könnte ich meiner Verantwortung in der Politik nicht nachkommen. Er ist meine ganz große Stütze.


Am 15. Oktober sind vorgezogene Nationalratswahlen – und die Innenpolitik befindet sich in einer heißen Phase. Was bedeutet das für Sie?
Wir werden die nächsten Wochen intensiv für NÖ arbeiten und dann einen intensiven, kurzen Nationalratswahlkampf führen. Und Sebastian Kurz bekommt natürlich die volle Unterstützung. Wenn ich mir für unser Land etwas wünschen darf, dann ist das, dass er mit der ÖVP klar als Nummer eins hervorgeht.


Woher nehmen Sie die Kraft für Ihren täglichen Arbeits-Marathon?
(lacht) Nun, der liebe Gott hat mich mit sehr viel positiver Energie ausgestattet, deshalb geht mir vieles leicht von der Hand. Das Schöne an der Landespolitik ist ja der direkte, intensive Kontakt mit den Menschen draußen. Das gibt mir viel Kraft. Und: Man muss halt alles mit sehr viel Herzblut machen.

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