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People | 08.11.2017

Nähe schaffen, nicht Ferne

Er ist dort, wo man nicht sein möchte. Er sieht Bilder, die man niemals sehen möchte. Er erzählt die Geschichte jener Kinder, die man sonst nie erfahren würde. Dafür lebt er. Karim El-Gawhary im Interview.

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Majada (3 Monate) Das Flüchtlingsbaby hat weder syrische noch libanesische Papiere. Bürokratisch existiert das Mädchen gar nicht. (© Karim El-Gawhary)

Am lila Himmel Flugzeuge

Sie werfen Bomben ab. Abgerissene Köpfe, Hände und Beine. Mit roter Wachsmalkreide ein Schwall von Blut um jede Figur. „Dieses Bild hat das achtjährige syrische Flüchtlingskind Abdallah in einem Kindergarten im Libanon gemalt. So etwas denkt sich kein Kind aus. Das hat es erlebt. Das sagt viel mehr als viele Reportagen“, erzählt der Nahost-Experte. Oder Sona, die mit ihren vier Töchtern und 160 Flüchtlingen auf einem alten Kutter einge­pfercht war, als das Boot kurz vor der Küste Italiens sank. Nur Sona hatte eine Schwimmweste, die Kinder klammerten sich an die Mutter. Nach und nach verloren drei Töchter die Kraft und ließen los. Sechs Stunden später wurde Sona vor Ägypten aus dem Meer geborgen. Mit ihrer ältesten Tochter. So konnte Sona ihre Geschichte erzählen. Eine Geschichte, die einen über die Gnade des eigenen Geburtsortes nachdenken lässt. Der doch reiner Zufall ist...

Niederösterreicherin: Karim, wie können Sie solche Schicksale ertragen?
Karim El-Gawhary: Meine Therapie ist das Wiedererzählen. Wenn ich das alles erleben und in mich hineinfressen würde, wäre ich ein seelisches Wrack. Im Erzählen, Schreiben und Filmen lässt du es raus, lässt es wieder los. Dieser Vorgang ist für mich sinnstiftend. Der Job  passt genau für mich.


Sie sagen, einer der Hauptgründe dafür, dass Menschen aus Kriegsgebieten fliehen, ist, dass ihre Kinder eine Schulbildung erhalten...
Ja. Da ist Ibrahim, ein syrischer Flüchtling. Ich traf ihn in einer Polizeistation in Alexandria. Er war mit seiner Mutter auf einem Boot in Richtung Italien aufgebrochen. Am helllichten Tag. Dieses Boot wurde von der ägyptischen Küstenwache aufgebracht. Die Schlepper bekamen es mit der Angst zu tun, woraufhin die Küstenwache das Feuer auf das Boot eröffnete. Ägypten ist wohl eines der wenigen Länder, das auf Flüchtlinge schießt, die das Land verlassen wollen. Ibrahims Mutter wurde neben ihm erschossen. Ich mache diese Arbeit schon eine ganze Weile, aber es gibt Momente, wo ich nicht weiß, was ich so ein Kind fragen soll. Gibt es Worte des Trosts für dieses Kind? Ich sagte: „Ibrahim, was hättest du denn gemacht, wenn du es mit deiner Mama bis Europa geschafft hättest?“ Er sagte: „Dann wäre ich endlich wieder zur Schule gegangen.“ Das war sein größter Traum, dafür hat seine Mutter ihr Leben riskiert. Egal, in welchen Lagern ich mit Flüchtlingsfamilien spreche, der Wunsch, dass ihre Kinder eine vernünftige Bildung erhalten, ist immer an erster Stelle.

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Ibrahim aus Syrien (13) Seine Mutter wurde neben ihm auf dem Flüchtlingsschiff erschossen. (© Karim El-Gawhary)

Laut UNICEF können 13 Millionen Kinder in ihrer Region, d.h. Syrien, Libanon, Jemen, nicht in die Schule gehen, erhalten somit keine Bildung.
Nehmen wir den Jemen. Dort gehen fast zwei Millionen Kinder nicht mehr zur Schule. Seit der Konflikt im März 2015  begonnen hat sind 1.500 Schulen geschlossen worden, die Hälfte davon wurden durch Bombenangriffe zerstört. Das macht zwei Schulen pro Tag. 1.660 Lehrer, 45 Prozent der Lehrerschaft, haben seit Monaten kein Gehalt bekommen. Viele davon unterrichten weiter, doch wenn sie ihre eigene Familie nicht mehr ernähren können, dann ist es mit der Bildung auch vorbei. Selbst der Gang zur Schule oder die Schule selbst ist für die Kinder eine große Gefahr, wenn bombardiert wird. Ein jemenitischer Aktivist hat mir nach so einem Angriff gesagt: „Die kleinsten Särge sind immer die schwersten.“ Und dann sind da Achtjährige, die als Kindersoldaten rekrutiert werden. Im Jemen sind laut UNICEF 1.200 Kinder im Krieg.


Viele der Kinder sind dadurch natürlich  höchst traumatisiert...
Ja. Da ist Maryam, eine Schülerin, die mit 13 Jahren vom IS verschleppt wurde. Sie wurde mehrmals verkauft, und Sie können sich vorstellen, was mit Maryam passiert ist. Für 7.000 Dollar wurde sie nach zweieinhalb Jahren zurückgekauft. Sie ist ein gebrochenes Mädchen, kann kaum reden, stottert schwer, hat Dinge erlebt, die man sich nicht vorstellen will. Das letzte, was ich von Maryam gehört habe, ist, dass sie ihr Augenlicht verliert, langsam erblindet, doch es gibt im ganzen Nordirak keinerlei psychische Betreuung für diese Kinder. 5.000 Mädchen wurden vom IS verschleppt.

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Sein letztes Buch „Auf der Flucht“ ist im Wiener Verlag Kremayr & Scheriau erschienen

Hinter jeder Zahl ein Schicksal...
Wenn wir vom Krieg reden, fragen wir nach Zahlen. Wie viele Tote, wie viel Zerstörung? Worüber wir fast nie reden, ist die Zerstörung der Köpfe. Weil sie sich nicht durch Zahlen messen lässt. Aber diese zerstörten Köpfe haben am Ende auch wieder mit uns zu tun. Denn das alles findet in unserer Nachbarschaft statt, weniger als vier Flugstunden weg. Davon wird man sich nicht abschotten können. Es gibt ein arabisches Sprichwort: „Wenn du eine Wohnung suchst, schau dir zuerst den Nachbar an, und dann die Wohnung.“ Sie können der arabischen Welt nicht den Mietvertrag kündigen. Sie ist da. Damit muss man sich auseinandersetzen. Allen Kriegen ist gemein, dass sie eine verlorene Generation erzeugen. Eine Generation von Kindern, die einfach zu manipulieren und zu radikalisieren ist. Von dieser Generation werden wir noch hören. Dabei sind sie es, die ihr Land wieder aufbauen sollten. Deshalb ist Bildung so entscheidend wichtig. Wir können die Realität nicht aufhalten. Über Diskussionen, wie die der Obergrenze, wird die Realität drüberrollen.


Was wäre die Lösung?
Unter den Flüchtlingen gibt es jede Menge Lehrer, die man sofort einsetzen könnte. Man muss eine Infrastruktur schaffen und den Lehrern ein Gehalt bezahlen, damit sie selbst überleben können. Es wäre machbar. Alles hat begonnen, als die Gelder für Flüchtlingsarbeit im Libanon und Jordanien gekürzt wurden. Damals hat man auch  die Lebensmittel rationiert. Wir tun ja so, als wäre die Flüchtlingswelle als eine Naturkatastrophe über uns hereingebrochen. Es war vollkommen absehbar, was da passieren wird.


Wie geht es Ihnen dabei?
Ich betrachte mich als einen sehr privilegierten Menschen, habe die Ausbildung und Arbeit bekommen, die ich gerne mache und kann davon leben. Ich habe meine Berufung gefunden. Dazu muss man sich auf beiden Seiten auskennen. Auf der einen Seite die Geschichten zu finden, auf der anderen sie so zu erzählen, dass sie verstanden werden. Diese Arbeit ist für mich sinnstiftend. Menschen ein Gehör zu verschaffen, die ansonsten nicht gehört würden. Nähe zu schaffen, nicht Ferne.


Und das Risiko für Ihre Familie?
Also meine Familie ist einiges gewöhnt (lacht). Unsere drei Kinder sind in einem Alter, wo sie meine Arbeit verstehen können. Meine 20-jährige Tochter wollte vor einigen Wochen mit mir nach Mossul fahren. Ich hab mir sogar überlegt, ob ich das mache...

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Der deutsch-ägyptische Journalist Karim El-Gawhary mit Angelica Pral-Haidbauer am 1. Bildungskonzil Heldenberg
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