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People | 20.03.2015

Die Stehauffrau

Conny Haider erkrankte an Multipler Sklerose, ihre Ehe scheiterte, sogar ihr Geschäft ging in Flammen auf – doch die dreifache Mama stand auf und wagte einen Neubeginn. Immer wieder...

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Überstrahlt all ihre Schicksalsschläge: Conny Haider (© Viktória Kery-Erdélyi)

Ihre Küchenwand trägt einen Spruch aus China: „Der kürzeste Weg zwischen zwei Menschen ist ein Lächeln.“ Der Satz passt zu ihr. Ihr Strahlen ist bestechend. Ansteckend. Das war nicht immer so. Es gab Zeiten, in denen Conny Haider Antidepressiva aus dem Bett helfen mussten. Die Diagnose Multiple Sklerose war nicht der einzige Schicksalsschlag. „Heute bin ich glücklich“, sagt die Mostviertlerin. Sie ist stolz auf drei großartige Kinder, lebt in einer Beziehung, die so ist, wie sie sein soll und betreibt ein florierendes Kosmetikstudio in Amstetten.

Aufgewachsen ist Conny Haider in Ardagger. Als große Schwester von drei Brüdern. „Ich war eine Rebellin“, lacht sie. „Mama hat immer gesagt, sie hätte gern ein Dirndl gehabt, hätte aber stattdessen vier Buben.“ Die Familie lebte am Bauernhof. „Mit viel Natur und vielen Tieren – mit Katzen, Kühen, Schweinen, Schafen. Es war eine schöne, heile Welt. Mama hat uns aber nie erklärt, wie gemein und böse es da draußen ist“, grübelt die heute 40-Jährige. Der familiäre Zusammenhalt sei stark gewesen, dass alle mithalfen eine Selbstverständlichkeit. „Die anderen Kinder sind im Sommer ins Freibad gegangen, wir gingen den Stall ausmisten, Kühe melken. Und trotzdem war es eine wunderschöne Kindheit.“

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Aufgeben gibt's nicht, sagt Conny. Schon gar nicht wenn du Mama bist (© Viktória Kery-Erdélyi)

Der erste Schub

Mit 15 beginnt sie eine Lehre im Kosmetikstudio von Hilde Wieser in Amstetten. „Sie war streng, hat uns aber behandelt wie ihre eigenen Kinder. Bis heute überlege ich oft vor einem Schritt: Wie hätte Frau Wieser das gemacht“, erzählt sie. Conny Haider ist erst 19 Jahre alt, als sie heiratet und bald Mama wird. Sie hilft mit Botenfahrten und Co. im Familienunternehmen ihres Mannes aus, ab 1999 wächst in ihr der Wunsch, sich selbstständig zu machen. Ihr Credo bis heute: „Jede Frau muss sich unabhängig machen.“ Doch kaum ist der Entschluss gefasst, spielt ihr Körper nicht mit. „Ich dachte, ich hätte einen Schlaganfall. Da waren Schwindel, Kribbeln um den Mund und in der Hand, Warhnehmungsstörungen“, schildert sie. Der Hausarzt hat einen Verdacht, spricht ihn aber nicht aus. Es folgen Untersuchungen bei mehreren Neurologen – bis es Gewissheit ist: Multiple Sklerose (MS). Doch kaum ist die Diagnose gestellt, wird sie schwanger. Die Ärzte hätten Bedenken gehabt. „Doch ich wollte das Kind unbedingt – und mir ging es dann auch wirklich gut. Die Schwangerschaft verlief normal und wunderschön.“ Auf Sarah, ihre erste Tochter, folgte ihr Sohn Yannic.

Als dieser erste MS-Schub, also die spürbaren Auswirkungen der Krankheit, „vorbei“ war, schien Ruhe einzukehren. „Wir waren ein repräsentatives Paar. Aber nur nach außen hin. Wir hatten zwei wunderbare Kinder, machten tolle Urlaube, hatten drei Pferde...“, erzählt Conny Haider. Die große Jugendliebe barg aber leider nicht das große Eheglück.

So sehr sie ihre Kinder liebte, die Traurigkeit, die sie schon vor der Diagnose in sich trug, sei danach noch größer geworden. Sie begann, Antidepressiva zu schlucken. Irgendwann mit Alkohol. Und tagsüber wieder andere Psychopharmaka, um sich aufzuputschen.

„Irgendwann war ich so tief unten, dass ich am liebsten gegen ein Brückengelände gefahren wäre“, sagt Conny Haider. Sie tat es nicht. Von ganz unten gelang ihr schließlich der Ausstieg aus dem Teufelskreis. Sie rappelte sich auf, verließ ihren Mann, krempelte – teilweise mit professioneller Hilfe und mit alternativen Therapien wie Kinesiologie – ihr Leben um.

Doch die nächste Enttäuschung ließ nicht lange auf sich warten. Sie hatte sich ein elegantes Kosmetik- und Fußpflege-Studio eingerichtet; die Miete war hoch, also suchte sie sich eine Partnerin fürs Geschäft. Alles lief wunderbar, bis eines Tages die Kriminalpolizei im Geschäft stand. „Und ich habe noch gescherzt: Wir haben keine Waffen versteckt.“ Sie musste sofort zum Verhör. Die charmante Partnerin stand unter Verdacht, mit Drogen zu dealen. „Ich habe Rotz und Wasser geheult, ich hatte ja nichts damit zu tun.“ Die Sache wurde stadtbekannt, „ich konnte nicht mehr dort arbeiten“. Sie musste ihr Geschäft schließen.

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Conny Haider mit ihrer Tochter (© Mathias Lauringer)

Zurück zum Start

Conny Haider, nunmehr neu und glücklich liiert, fasste sich ein Herz und eröffnete ein neues Studio. „Und dann kommt eines Tages der Anruf: Aus deinem Geschäft steigen Qualm und beißender Geruch“. Sie rast sofort hin, in Panik reißt sie das Fenster auf und will die Heizdecke, die unter Flammen stand, nach Draußen schaffen. Durch den Luftzug wird das Feuer schlimmer, sie muss flüchten – die Feuerwehr kann nur noch das Übergreifen der Flammen auf andere Immobilien verhindern. „Es war alles so schön und neu – und ich habe alles verloren.“ Und erneut fand sie sich bei der Kriminalpolizei wieder, wo sie abermals ihre Unschuld beteuern musste. Als vor Weihnachten 2007 die Untersuchungen abgeschlossen waren und es feststand, dass die Versicherung für den Schaden aufkommt, wagte sie, leise aufzuatmen. Bis zum darauf folgenden Februar, als ihr bislang schwerster MS-Schub kam. „Ich habe auf einem Auge nichts gesehen, konnte einen Arm nicht eigenständig halten. Mir war es schwindlig und schlecht...“

Als sie das Schlimmste überstanden hatte, drehte sie aber quasi den Spieß um. Die Krankheit blieb mit der stets offenen Frage, ob und welche Beeinträchtigungen nach den Schüben zurück bleiben. Aber: „Ich beschloss, die Krankheit als meinen Begleiter anzunehmen. Ich sehe ihn heute als Ermahner, der immer dann am schlimmsten ausbricht, wenn ich nicht auf mich schaue.“ Sie habe gelernt, sich sehr selektiv nur noch mit Menschen zu umgeben, die ihr gut tun. Sie habe gelernt, die Warnzeichen ihres Körpers besser zu deuten, mehr im Einklang mit der Natur zu leben.

Conny Haider wurde vor zwei Jahren erneut Mama. Sie zog mit ihren Kindern und ihrem Lebensgefährten in ein neues Zuhause nahe Amstetten und fand tatsächlich den Mut, zu noch einer Geschäftsgründung. Die Batterien aus den Uhren hat sie bewusst entfernt, auch Radionachrichten dreht sie dort nicht auf. In ihrem kleinen, feinen Kosmetik- und Fußpflegestudio, wo mittlerweile auch ihre Tochter Sarah arbeitet, soll für ihre Kunden die Zeit stehen bleiben. Es soll eine Oase für eine duftende Auszeit von all den Spektakeln des Lebens sein...


Multiple Sklerose

Multiple Sklerose ist eine Erkrankung des zentralen Nervensystems. Am häufigsten wird sie im Alter zwischen 20 und 40 Jahren diagnostiziert. Seltener tritt sie bei Kindern oder nach dem 60. Lebensjahr auf. Laut der Österreichischen Multiple Sklerose Gesellschaft sind weltweit 2,5 Millionen Menschen von der Krankheit betroffen. In Österreich sind es rund 12.500 Menschen, jährlich geht man von 350 bis 400 Neuerkrankungen aus. Frauen sind doppelt so häufig davon betroffen wie Männer.

Die Symptome kommen schubweise, von akut innerhalb weniger Stunden bis subakut über mehrere Tage. Zu den häufigsten Symptomen zählen etwa Beeinträchtigung der Berührungsempfindung in den Extremitäten, motorische und Gangstörungen sowie akutes oder subakutes Nachlassen der Sehschärfe.

Quelle: Österreichische Multiple Sklerose Gesellschafthttp://www.oemsg.at (Website enthält auch zahlreiche Kontakte für Selbsthilfegruppen in NÖ)

Multiple Sklerose Gesellschaft Niederösterreich: http://noemsg.kh-st-poelten.at

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