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People | 25.02.2015

"Vitus bleibt Teil unserer Familie"

Es gibt einen Weg aus der größten Traurigkeit. Johanna Lankas Baby starb im Alter von nur zwei Wochen. Der Schmerz pocht in ihr, sie will dennoch anderen Betroffenen Mut machen. Denn Schweigen und Tabus machen vieles nur schlimmer.

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„Man kann diesen Schicksalsschlag überleben. Man kann weiterleben“, erklärt Johanna Lanka. (© Viktória Kery-Erdéyi)

Keine Anonymität. Ihr Foto neben ihrer Geschichte ist für sie in Ordnung. Auch dass sie mit vollem Namen genannt wird. Keine Tabus mehr. Hierbei gehe es nicht um sie, sie will kein Mitleid. Sie will anderen Frauen Mut machen. Und Vätern und Familien. Mut machen, dass tatsächlich ein Weg aus der größten Traurigkeit führen kann.

Es sind so viele mehr betroffen, als man glaubt. Alleine 2013 starben 517 Babys bis zum ersten Lebensjahr in Österreich. Johanna Lanka und ihr Mann hielten zwei Wochen lang voller Liebe, Hoffnung und Sorge Tag für Tag ihr Frühgeborenes in den Armen, ehe es starb. Es ist rund ein Jahr her. Johanna und ihr Mann tauften ihn Vitus. Weil er bis zuletzt kämpfte, leben wollte.

Der Verlust

Johannas Schmerz ist in unserem Gespräch allgegenwärtig; er steht in ihren Augen, er dämpft ihr Lächeln. „Es gab Zeiten, in denen ich es nicht für möglich gehalten habe, aber man kann das überleben. Man kann weiterleben“, erklärt sie. „Aber ich fühle mich geschwächt. Ich habe viel Vertrauen verloren; mein Leben ist durch mehr Ängste geprägt.“

Es begann, wie es im Idealfall beginnt. Mit viel Liebe und dem beiderseitigen Wunsch, Eltern zu werden: Er, die treibende Kraft eines naturverbundenen Tourismusprojektes in Niederösterreich, sie, Geschäftsführerin in einer Therapie-Institution für suchtkranke Menschen. Es war wie bei den meisten: Als sie schwanger wurde, überrollte die Gewalt der Natur das Paar. Freudiges Gefühlschaos und Neugier wechselten einander ab. Bis zur 20. Schwangerschaftswoche. Bis zu den Untersuchungen mit den ersten schockierenden Diagnosen. „Es hieß, die Werte der Doppler-Sonografie seien gefährlich niedrig – für Mutter und Kind. Man sagte uns, es gehe um Leben und Tod“, schildert Johanna Lanka. Sie konnte nur warten. Tatenlos, ohnmächtig, auf der Suche nach einer Strategie. Sie überlegte, die seelische Bindung, ihre Beziehung zum Baby zu kappen, damit es nicht so weh tun muss, wenn sie es verliert. „Doch im nächsten Moment wusste ich: Eben diese Bindung zu stärken, ist meine einzige Möglichkeit, etwas für meinen Sohn zu tun.“ Das Paar beschloss, sich ans Gute zu klammern, das Schlimme fortzuschieben. „Wir haben versucht, das Positive zu glauben: dass unser Kind lebend zur Welt kommt.“ Und zwar mit solch einer Kraft, dass es Johanna später schwerfiel, ihre Situation zu realisieren, als sie bereits in der 27. Schwangerschaftswoche im Spital stationär aufgenommen wurde. Bis zuletzt lagen die Überlebenschancen ihres Kindes bei 50 zu 50. Der kleine Mann musste in der 28. Schwangerschaftswoche per Kaiserschnitt geholt werden. „Es war überwältigend, als ich den ersten Schrei hören durfte. Er war gesund! Sein Anblick überschwemmte mich mit großer Liebe und relativierte alle Alltagsprobleme“, sagt Johanna Lanka. „Die Nadeln und Schläuche in ihm zu sehen, löste Ohnmacht aus, aber wir gaben die Hoffnung nicht auf.“ Sehr aktiv sei er von Beginn an gewesen, habe stets um sein Leben gekämpft. „Wir gaben ihm den Namen Vitus. Das bedeutet Leben.“

Sehr bald durften sie ihn in den Arm nehmen, auf den Oberkörper legen. „Wir konnten mit Vitus kommunizieren, mit ihm beisammen sein. Mit ihm kuscheln, ihn trösten, ihm Geschichten erzählen, ihn in den Schlaf singen.“ Die Ärzte seien zuversichtlich gewesen, er würde gesund überleben. Das Zittern um die Werte des Winzlings waren allgegenwärtig, doch die Situation schien sich zu entspannen. „Ich begann, die Zukunft mit meinem Sohn zu planen.“ Bis zum 17. Tag nach seiner Geburt. Sechs Anrufe in Abwesenheit, als sie vor dem Spital hielt. Und erneut klingelte das Handy. Sie wollte die Nummer nicht mehr sehen. Sie rannte durch die Türen, sah den Menschenauflauf im Zimmer ihres Kindes, lief zur ersten Schwester. „Ist Vitus tot?“ – „Der schlimmste Moment meines Lebens.“ Sie hielt ihn in den Armen. Spürte Schmerz, Wut und Trauer. „Die Natur hat ihre eigenen Gesetze“, sagt sie.

Das Überleben

„Wie überlebt man das? Kann man das überleben?“, habe sie sich immer wieder gefragt. „Wir wussten auch nicht, was das für unsere Beziehung bedeuten wird.“ Die 32-Jährige habe sofort begonnen zu kämpfen. „Mein Kind ist gestorben. Mit diesem Einschnitt galt es zurechtzukommen.“ Auch die Bestattung von Vitus sollte geregelt werden. Das Paar bat um Bedenkzeit. Wenn auch das Schweigen in der Gesellschaft viele Wege erschwert habe, so ist es zumindest schon selbstverständlich, dass diese Entscheidung monatelang ausstehen durfte. Schließlich wählte das Paar die Feuerbestattung; die Urne wurde in der Natur in der Heimat ihres Mannes – mit Zustimmung der Gemeinde – bestattet und ein Wegkreuz wurde errichtet.

Viele Antworten fand Johanna bei der nö. Selbsthilfegruppe Windrad. „Sofort beim ersten Besuch, auf meine erste, wichtigste Frage. Ich sah sie dort alle sitzen, also wusste ich, es gibt einen Weg, das zu überleben.“ Über die Selbsthilfegruppe kam sie auch zum Rückbildungstraining speziell für Frauen, die ihr Kind verloren haben. „Im selben Raum mit glücklichen Müttern zu turnen, wäre am Anfang nicht auszuhalten gewesen.“ Die größte Stütze gab das Ehepaar einander. „Wir beobachteten uns gegenseitig intensiv, hatten ganz unterschiedliche Wege, es aufzuarbeiten, brachten füreinander aber viel Verständnis auf. Mein Mann stürzte sich in die Arbeit, ich zwang mich täglich zu immer wieder neuen Aktivitäten, die positive Energie geben, wie Wanderungen“, schildert sie. Johanna war in Psychotherapie, wandte sich an eine Lebens- und Sozialarbeiterin, die selbst eine Betroffene war. Tage, die unausweichlich voller Schmerz stecken würden, plante das Paar im Voraus: An diesen traurigen Tagen wollten sie etwas Schönes tun, um es Virus zu widmen. Am berechneten Geburtstermin waren sie am Kap der guten Hoffnung, an Vitus’ erstem Geburtstag unternahmen sie eine Wallfahrt nach Mariazell. Als das Paar im August 2014 am Schneeberg heiratete, war Johanna bereits wieder guter Hoffnung …

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Irgendwann verschwindet der Schmerz aus der Trauer, sagt Johanna. Die Liebe zu ihrem Sohn bleibt. (© Foto Wieland / Neunkirchen)

Die Reaktionen

Viel Mitgefühl haben sie nach Vitus’ Tod erfahren, aber ebenso viele hätten sich in Floskeln und unüberlegte Theorien geflüchtet. „Arbeite halt das nächste Mal nicht so viel in der Schwangerschaft“, habe sie nicht nur einmal gehört. „Noch schlimmer war aber die Schönrederei“, sagt Johanna Lanka. „Alles hat einen Sinn, haben viele gesagt. Aber das ist nicht gerecht. Es hat keinen Sinn, wenn mein Sohn stirbt. Die Natur hat ihre eigenen Gesetze und da gibt es nichts schönzureden. Es gibt nichts Gerechtes daran, dass ein Mensch zu früh auf die Welt kommt, körperliches Leid erfahren muss und stirbt“, erklärt sie, und es ist das erste Mal in diesem langen Gespräch, dass Johanna ihre Stimme hebt.

Der Umgang mit den Reaktionen war ein Lernprozess: „Je offener ich die Trauer ausgedrückt habe, desto eher konnte mein Gegenüber mit der Situation umgehen.“

Das Weiterleben

Sie und ihr Mann fanden ihre Wege aus dem schlimmsten Schmerz. Nicht nur die Babyfotos aus dem Spital sollen die Erinnerung an Vitus lebendig halten. Sie lassen ein Bild von ihm malen, ohne Schläuche und Nadeln. „Ich bin unglaublich dankbar für die Zeit mit Vitus und die Liebe, die ich durch ihn erfahren habe. Die Trauer bleibt mit einer warmen Spur. Doch ich bin zuversichtlich, dass der Schmerz irgendwann ganz aus der Trauer verschwindet.“ – „Wir haben Vitus in unser Leben integriert. Unser Sohn ist tot, er ist und bleibt aber unser Sohn.“

Am 30. Dezember 2014 brachte Johanna ihren zweiten Sohn Vincent auf die Welt.


Hintergrund und Infos

Laut Statistik Austria kamen 2013 272 Babys tot zur Welt. Weitere 245 starben noch im ersten Jahr, davon 111 am ersten Tag. Dennoch gilt der Tod eines Babys bis heute in der Gesellschaft weitgehend als Tabuthema. So löste erst vergangenen Sommer eine Familie eine Welle der Empörung aus, als sie ein Familienfoto mit ihrem toten Baby (es sieht aus, als würde es friedlich schlafen) auf einer Internetplattform veröffentlichte. Warum eigentlich? Das Schweigen macht es Betroffenen noch schwerer, ihren Verlust aufzuarbeiten. „Ich war überwältigt, als ich begonnen habe, über meinen Verlust zu sprechen, wie viele Eltern in meinem nahen Umfeld ein Kind verloren haben. Es gab kaum eine Familie, die mir nicht im Gegenzug ihr Schicksal erzählt hätte“, sagt Johanna Lanka. „Es ist wichtig, in der Gesellschaft das Thema zu enttabuisieren. Ich konnte in den Medien über das Thema ‚Verlust eines Kindes in oder um die Schwangerschaft‘ wenig finden, obwohl es so viele Familien betrifft, die völlig unvorbereitet mit dem Tod des eigenen Kindes konfrontiert werden“, antwortete Johanna Lanka auf meine Interviewanfrage. Dies war auch der Grund, warum sie sich bereit erklärte, über die schlimmste Erfahrung ihres Lebens so offen zu sprechen – sie will informieren, das Schweigen brechen.

Hier haben wir einige nützliche Kontakte, Literatur und Informationsportale für Betroffene, Freunde oder Angehörige gesammelt:

• Selbsthilfegruppe Windrad, St. Pölten, www.kreativ-workshop.wg.am

• Selbsthilfegruppe Regenbogen, www.shg-regenbogen.at

• Beratung und Begleitung bei Fehlgeburt/Kindstod: www.verein-pusteblume.at

• Buchtipp: Hannah Lothrop, „Gute Hoffnung – jähes Ende. Fehlgeburt, Totgeburt und Verluste in der frühen Lebenszeit. Begleitung und neue Hoffnung für Eltern“, Kösel: 2005, € 21,99

• Buchtipp (ebenfalls schon älter, aber Johanna Lanka empfiehlt es sehr für Eltern von Frühgeborenen): Marina Marcovich, Theresia Maria de Jong, „Frühgeborene – zu klein zum Leben? Geborgenheit und Liebe von Anfang an. Die Methode Marcovich“, Kösel: 2008, € 16,95

• Plattform mit FotografInnen: www.dein-sternenkind.eu

• Virtueller Sternenkinderhimmel zum selbst Eintragen: www.sternenkinderhimmel.com

• Rückbildungsgymnastik – geschlossene Gruppe für Frauen, deren Baby gestorben ist: www.nanaya.at

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