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People | 31.07.2015

Ihr Globus wäre ein Igel

Mit dem weltberühmten Cirque du Soleil um den Erdball: Ludowika Swobodas Lebensabenteuer in luftigen Höhen und als einzige Österreicherin im 90-köpfigen Team der spektakulären Show „Quidam“.

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Atemberaubend: Szene aus "Quidam". Seit 2008 ist Ludowika Swoboda mit der erfolgreichen Cirque du Soleil-Show auf der ganzen Welt unterwegs – sie lässt als Lichttechnikerin die AkrobatInnen erstrahlen (© Matt Beard, Dominique Lemieux (Kostuem), Cirque du Soleil 2011)

„Schuld könnte der Opa sein“, verrät Ludowika Swoboda mit einem Augenzwinkern. Er habe immer davon geträumt, nach Kanada auszureisen. Sein Fernweh stillte er etwa, indem er mit dem Wohnwagen Europa erkundete. Gleichzeitig dürfte er seine Enkelin mit der Abenteuerlust angesteckt haben. Würde die heute 41-Jährige einen Globus mit Stecknadeln an jenen Flecken der Erde ausstatten, wo sie schon war, würde ein solcher glatt zum Igel mutieren. Dabei ist sie nicht einfach eine Weltenbummlerin: Sie ist die einzige Österreicherin – einen quasi halbösterreichischen Tänzer nicht mitgezählt – im 90-köpfigen „Quidam“-Team des Cirque du Soleil. Und eine exotische Draufgabe gibt es noch: Sie ist als einzige Frau unter den Technikern die stellvertretende Licht-Chefin. Wie sie es dorthin schaffte? Die nicht minder spannende Geschichte dazu erzählte sie der „Niederösterreicherin“ in ihrer Wiener Wohnung, wo sie sich gerade eine zirkusfreie Auszeit gönnt.

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Zirkusfreie Auszeit daheim (© Viktória Kery-Erdélyi)

Von der Autowerkstatt auf Tournee

Ludowika Swoboda ist das, was man eine waschechte Wienerin nennt – die Mama aus dem 14., der Papa aus dem 13. Bezirk. Mit ungarischen, jüdischen, kroatischen, deutschen Wurzeln. Sie wuchs in der Großstadt auf und besuchte – wie ihre vier Geschwister – die Rudolf Steiner Waldorfschule. Danach war für sie klar: „Ich brauche einen Beruf, den man überall auf der Welt machen kann.“ Und weil es Autos und Motorräder überall gibt, absolvierte sie die Lehre zur Kfz-Mechanikerin. Nebenher begann sie als „Stage-hand“ (Bühnenhilfskraft) zu jobben; das heißt: sie half beim Auf- und Abbau für Konzerte und Events. Die zielstrebige Lady blieb im Team nicht lange inkognito, die Rockband „Yes“ nahm sie prompt auf eine Tour mit. „So eine Chance kriegst du nicht jeden Tag. Ich konnte ja nicht `mal gescheit Englisch – aber das habe ich dann innerhalb von fünf Wochen gelernt, inklusive Schottisch“, lacht sie. Ein Wellnessurlaub war das nicht; sie bekam gleich die volle Verantwortung als Lichttechnikerin. „Es spielte dort keine Rolle, ob ich mich auskannte oder nicht, alle halfen zusammen. Es fühlte sich sofort wie eine Riesenfamilie an. Ich wusste: Das will ich machen.“

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Zeltabbau: Ludowika ist seit mehr als zehn Jahren mit viel Spaß bei der Arbeit (© D. Wal)

In 14 Metern Höhe

Wieder angekommen in Wien, hilft sie bei einer Cirque du Soleil-Show mit – und fällt dem Lichtchef sofort auf. Wenige Wochen später sitzt sie im Flieger nach Madrid und startet ihre erste Tournee mit dem weltbekannten Zirkus. Es folgen unter anderem Köln, Genf, Bilbao... Ludowika Swoboda ist gleich ein halbes Jahr unterwegs. „Du schläfst in Hotels, bist immer unterwegs, verbringst selbst deine Freizeit mit deinen Arbeitskollegen. Es ist wie eine Krankheit: Und ich komme nicht mehr davon los“, schmunzelt sie. Auf- und Abbau sind weit nicht die einzigen kniffligen Herausforderungen für die Lichttechnik, hält man sich vor Augen, dass Cirque du Soleil weltweit für fesselnde, akrobatisch dargebrachte Geschichten in luftigen Höhen bekannt ist. „Wenn ich etwa den ,Verfolger’ mache, das ist der Spot, der stets die Akrobaten in Action beleuchtet, arbeite ich mehr als drei Stunden in 14 Metern Höhe“, erzählt sie. Wie sie dort hinauf kommt? „Mit einer Strickleiter“, sagt sie und deutet auf ihre Bücherregale. Erst auf den zweiten Blick wird erkennbar, dass die Regalböden auf zwei Zirkusleitern „baumeln“. Ebenso wie ihre halbe Garderobe übrigens.

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Verschnaufpause am Zeltdach (© C. Brislin)

Der Unfall

„Saltimbanco“ war die erste Produktion von Cirque du Soleil, an der sie mitwirkte. Danach bereiste sie mit „Dralion“ die halbe Welt. Nach einem „Abstecher“ zum Schweizer Weihnachtszirkus „Salto Natale“ ereilt sie abermals der Ruf der Akrobaten. „Ich hatte nur noch Zeit für eine Zwischenlandung in Wien“, lacht sie. „Ich traf meine Eltern kurz am Flughafen, damit ich ihnen die Hälfte von meinem Kofferinhalt dalasse. Ich brauch’ nicht viel zum Leben.“ Es ging von Berlin direkt nach Osaka, Japan. Ebendort passierte ein Unfall, der ihr Leben entscheidend verändern hätte können. Ein Gestell mit vier Scheinwerfern mit einem Gesamtgewicht von rund 400 Kilogramm stürzt auf ihren Fuß – doch die sportliche Lady ist hart im Nehmen und hat offenbar auch Glück.

Schon vier Wochen später ist sie wieder auf den Beinen und bereit für die nächste Herausforderung: die spektakuläre Show „Quidam“. Seit fast zwei Jahrzehnten raubt die Produktion weltweit den Zuschauern den Atem; Ludowika Swoboda ist seit 2008 bei rund 1000 Shows im Team, in dem 90 Menschen aus 49 Nationen arbeiten. „Das Leben ist wie in einem kleinen Dorf – eben mit ganz vielen verschiedenen Kulturen. Wenn es dir schlecht geht, wirst du aufgefangen. Allerdings ist es auch kaum möglich, Geheimnisse zu haben.“ Und manchmal knistert es auch hinter den Kulissen. Zwei Beziehungen mit Kollegen liegen hinter ihr, „ich kann das aber gut trennen: Professionell zusammenarbeiten kann ich auch, wenn es privat nicht geklappt hat.“

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(c)Szene aus "Quidam" (© Matt Beard, Dominique Lemieux (Kostuem), Cirque du Soleil 2011)

Meerschweinchen am Teller

Am meisten liebt sie auf den Tourneen die kulinarischen Experimente. „Im besten Fall bestelle ich von der Speisekarte in der Originalsprache“, sagt sie. Da erlebe sie so manche Überraschungen am Teller: „In Peru bekam ich gegrilltes Meerschweinchen – zu viel Arbeit, zu viele Knochen“, schmunzelt sie. Dort werden die kleinen pelzigen Tiere übrigens ähnlich wie Hühner bei uns gehalten. „Die laufen überall frei herum, sogar im Haus.“

Insgesamt werden Ludowikas Sightseeing-Touren aber weniger; es ist wie eine Reizüberflutung. „Ich habe fast alles gesehen“, sagt sie. Derzeit genießt sie ein halbjähriges Sabbatical. „Zwei Monate lang bin ich auf der Couch gelegen und hab’ mit den Zehen gewackelt; ich habe es genossen, meine Wäsche selbst zu waschen, zu kochen, den Geschirrspüler auszuräumen“, beschreibt sei. „Aber jetzt juckt es mich schon – im August geht es weiter.“ Ein bissl eine Bewährungsprobe für ihre Beziehung: Ihr Partner lebt in Wien. „Ich dachte, dass ich vielleicht diesmal sesshaft werde.“ Erst im Mai legte die ehrgeizige Frau die Prüfung zum Functional-, Gesundheits- und Personal Trainer ab. Sozusagen aufbauend auf ihre Ausbildungen zur Heil- und Sportmasseurin, die sie bei früheren Zirkus-Intermezzi absolvierte. „Aber mein Freund hat es eher gewusst als ich, dass mich wieder das Fernweh packt.“

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Höhenverliebt: Freizeit auf Tournee (© G. Miller)

P. S.: Träume werden wahr

Nachahmenswert ist Ludowika Swobodas Engagement Visionen zu verwirklichen. Lange habe sie sich gewünscht, die Welt zu umsegeln. Viele hätten sie dafür belächelt. Dann aber bot sich wie aus dem Nichts die Gelegenheit, einem Freund auf einer Segelfahrt von Florida nach Puerto Rico zur Hand zu gehen. „Sechs Monate waren mehr als genug – ich wurde seekrank, das ist nichts für mich“, lacht sie. „Träume sind dazu da, damit ich sie mir erfülle. Und manchmal muss man dafür den geplanten Weg ändern.“

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