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People | 06.09.2017

Ich höre auf mein Bauchgefühl!

1,78 Meter groß, durchtrainiert, fokussiert – und mit einer guten Portion Humor bewaffnet. Torfrau Manuela Zinsberger, die Heldin der Fußball Europameisterschaft 2017, im Interview.

Die Frau klopft Sprüche! Bewundernswert, nachdem ihr Wecker um 4.30 Uhr geläutet hat. Und das nach Tagen voller Termine, mit wenig Schlaf. „Nur die Harten kommen in den Garten“, lacht Manuela Zinsberger. 21 Jahre jung ist sie, die schöne Torfrau aus Niederfellabrunn, Bezirk Korneuburg, die mit der Fußball- Europameisterschaft quasi über Nacht zur Heldin wurde. Als die Nationalelf den Auftakt gegen die Schweiz spielte, schlummerte hierzulande die Aufmerksamkeit für den Frauenfußball noch im Dornröschenschlaf. Doch Österreich avancierte vom Underdog zum Debütanten auf der Überholspur. Als die Frauen im Halbfinale standen, waren auch die letzten chauvinistischen Scherzkekse verstummt. 8.500 Likes hatte Manuela Zinsbergers Fanseite vor der EM. Mehr als 31.000 Likes hatte sie, als diese Zeilen geschrieben wurden. Tendenz steigend.

look: Wer kümmert sich denn um deine Postings?

Manuela Zinsberger: Ich! Wenn es zu stressig wird, unterstützt mich auch mal mein Berater Felix Seidel (Agentur SEI SPORT, Anm.). Mir macht das viel Spaß, auch das Fotografieren ist total mein Ding. Ich finde es wichtig, die Fans auf dem Laufenden zu halten und ihnen etwas für ihre Unterstützung zurückzugeben.

 

Du spielst bei Bayern München, warst erst 18, als du nach Deutschland gezogen bist …

Ja, und seither regle ich mein Leben selbst, bezahle meine Rechnungen, meine Klamotten, alles. Meine Mama gibt mir zwar Ratschläge, aber ich will selbstständig sein.

 

Du bist auch regelmäßig daheim in Niederfellabrunn, wie ist es dort für dich?


Das ist eine richtig kleine Ortschaft mit mega viel Herz und Zusammenhalt! Der Empfang, den ich nach der EM bekommen habe, war der Wahnsinn! Die Blasmusik hat gespielt, die Leute sind Spalier gestanden … Ein unvergesslich schöner Tag!

 

Besonders deine Schwester ist eine starke Stütze für dich …

Ich kann mich immer auf sie verlassen! Die hat einen 24-Stunden-Dienst, rettet Menschenleben (als Rettungssanitäterin, Anm.), und weil sie mich supporten will, trägt sie das Trikot unter der Uniform, hat nix geschlafen, steigt am nächsten Tag in den Flieger, damit sie mich beim Spiel unterstützen kann! Sie pusht mich, baut mich auf, wenn es mir schlecht geht.

 

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Homecoming. Selfie mit dem Nationalteam. © Manuela Zinsberger

Dein Papa ist Torwart, bist du durch ihn zum Fußball gekommen?

Eigentlich nicht. Ich war viel mit Burschen unterwegs, mich haben Barbies nie interessiert. Einmal haben wir beim Biotop in Niederfellabrunn gespielt, plötzlich mussten alle zum Training und ich war allein. Dann hat Mama gesagt: „Schau es dir mal an!“ Also fuhren wir hin, und sie: „Renn doch mit! Wenn es dir nicht gefällt, setzt du dich wieder aufs Bankerl.“ – Danach bin ich direkt mit dem Anmeldungszettel heim, da war ich sechs. Seither spiele ich – und meine Eltern haben mich immer unterstützt. Mein größter Respekt vor ihnen, das ist nicht selbstverständlich.


Ein Insider hat dich mit der Torwart- Legende Buffon verglichen. Hast du Vorbilder?

Boah, tolles Kompliment! Ich schaue mir viel von Manuel Neuer (deutscher Torwart, Anm.) ab. Er steht nicht auf der Linie, nimmt aktiv teil am Spiel. Das ist der heutige Fußball; so macht es megaviel Spaß, umso mehr Bindung habe ich auch zur Mannschaft.


Beim Elfmeter-Schießen bei der EM warst du sehr oft in der richtigen Ecke …

Mittlerweile glaube ich auch, dass ich eine Hexe bin (lacht). Viele achten auf den Fuß, auf die Schultern, die Augen … Ich höre auf mein Bauchgefühl. Springen darfst du erst, wenn sie wirklich schießt – und das ist die Königsdisziplin.

 

Warst du nervös vor den Spielen?

Nein, ich habe gewusst, ich kann mich auf meine Mannschaft verlassen. Wir hatten keinen Druck, wir waren der Underdog, haben von Spiel zu Spiel gedacht. … dann war das Finale zum Greifen nahe und plötzlich war es aus … Im ersten Moment kamen die Tränen.Du hast gerade 120 Minuten gefightet, hättest das Finale schaffen können … Aber dann haben wir uns angeschaut: Hey, Mädels, wir waren als Debütanten im Halbfinale! Da rennt mir jetzt noch die Gänsehaut!

 

Kann frau von Fußball leben?

Wir alle wissen, dass wir ein zweites Standbein brauchen. Deswegen habe ich meine Ausbildung fertig gemacht.

 

 

Ärgert dich die finanzielle Diskrepanz zwischen Frauen- und Männerfußball?

Kaum, denn das kann ich nicht ändern. Ich kümmere mich um Dinge, die ich beeinflussen kann: meine Leistung. Heftig ist es aber schon, wenn beispielsweise 222 Millionen Euro für den Transfer eines Spielers fließen. Das hat nichts mehr mit Fußball zu tun. Da denke ich: Gebt ihnen ein oder zwei Millionen und den Rest Kindern, die verhungern, Frauen, die unterstützt gehören, oder der Krebshilfe …

 

Wie gehst du mit Kritik um?

Klar hadert man auch, aber zur Kritik muss man stehen können, so wie ich zu meinem Tor gegen Frankreich gestanden bin. Jeder, der zwei Augen im Kopf hat, sah, dass ich zu spät war.

 

Bist du sehr selbstkritisch?

Sehr. Es gibt wenige Spiele, nach denen ich zufrieden mit mir bin. Deswegen arbeite ich auch viel mit meiner Mentaltrainerin, die uns der ÖFB zur Verfügung stellt. Vieles geht eben von da oben aus (zeigt auf den Kopf).

 

Wie ist dein Privatleben?

Super (lacht). Privatleben?! Finde mal einen Partner, der dieses Pensum mitmacht: Ich bin mit der Nationalmannschaft weg, mit dem Verein weg, ich wohne in Deutschland … Aber ich mache mir da keinen Stress; ich habe meine Freunde, meine Familie.

 

Wie geht es weiter bei dir?

Ich möchte mich auf den Sport konzentrieren, bei mir noch 30 bis 40 Prozent rausholen. Ich habe bis vor Kurzem gespielt und parallel 40 Stunden gearbeitet; das war viel auf einmal, aber ich brauche kein Mitleid dafür. Ich habe gewusst, da muss ich in den sauren Apfel beißen – na und? Gut geschmeckt hat er. Jetzt möchte ich erstmal bei Bayern Gas geben. Und was die Nationalmannschaft angeht: Ich hoffe, dass der Prozess nicht aufhört, dass Trainer und Betreuerstab bleiben – und dass wir viele Mädels motivieren können, damit wir richtig Nachschub haben!

Persönliches

Manuela Zinsberger wurde am 19. Oktober 1995 geboren und wuchs in Niederfellabrunn auf. Sie gehörte zu den ersten Schülerinnen des Nationalen Zentrums für Frauenfußball in St. Pölten. Mit 15 Jahren spielte sie erstmals ein Bundesliga-Spiel, mit 17 debütierte sie in einem Ländermatch. Seit 2014 ist sie bei Bayern München (Deutscher Meister 2015, 2016) unter Vertrag; parallel dazu schloss sie ihre Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement ab.

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