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People | 08.06.2017

Sorgenkind Europa

Eine uneinige EU-Außenpolitik, der politische Islam, Migrationsdruck, fehlender Realismus in der Politik – wir haben mit der renommierten Nahost-Expertin Karin Kneissl über den Nahen Osten und das „Sorgenkind Europa“ gesprochen.

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Nahost-Kennerin Karin Kneissl (© Thomas Raggam)

Realitätsverweigerung und Gutgläubigkeit sind nicht ihr Ding. Karin Kneissl sagt, was Sache ist. Und als absolute Kennerin des Nahen Ostens, einer in religiöser wie politischer Hinsicht hochkomplexen Region, nimmt man ihr größtmögliche Objektivität auch ab. Die promovierte Juristin und Arabistin überzeugt durch klare Worte, Fakten und Weitsicht. „Lieber will ich durch Wahrheit anstoßen, als durch Schmeichelei gefallen“ lautet der Leitspruch ihres Lebens. Dem Nahen Osten ist Karin Kneissl seit ihrer Kindheit, die sie teils in Jordanien verbrachte, sehr verbunden. Zahlreiche Reisen führten sie auch in andere Länder des Nahen Ostens und Nordafrikas. Von 1990 bis 1998 war sie im österreichischen Außenministerium tätig – der Austritt bedeutete eine Zäsur, konnte Kneissl nun wieder die unabhängig denkende Analystin sein, die sie immer sein wollte. Die geistige Freiheit war ihr immer wichtig und ist mit ein Grund, warum sie sich nicht als Kandidatin zur österreichischen Bundespräsidentenwahl 2016 zur Verfügung stellte. Seit dem Ausscheiden aus dem diplomatischen Dienst ist die ausgesprochene Tierliebhaberin – und äußerst sympathische Gesprächspartnerin – als freie Journalistin und Buchautorin tätig und lehrt u.a. an den Universitäten Wien und Beirut.

 

Frau Dr. Kneissl, Ihre Liebe zum Nahen Osten haben Sie bereits in der Kindheit entdeckt. Was ist so anziehend an dieser wunderschönen, vielfältigen, aber auch krisengeschüttelten Region?

Die Gastfreundschaft, die Herzlichkeit, die Vielfältigkeit... Ich habe im Nahen Osten vor allem eines gelernt: Es geht in schwierigen Zeiten nicht nur ums Überleben, sondern darum, in Würde und Eleganz zu überleben. Mich hat immer fasziniert, wie die Menschen es schaffen, allen Widrigkeiten humorvoll und mit Eleganz die Stirn zu bieten, nicht zu zerbrechen und verbittern. Aber durch all die Erschütterungen, die die arabische Welt durchlebt hat in den letzten 30 Jahren, hat sich natürlich vieles fatal geändert: Die Offenheit und Neugierde, das Palavern – das „Setz dich her und erzähle mir von der Welt“ – ist Argwohn und einer gewissen Verachtung gewichen. Ich bin in den 1980er-Jahren mit palästinensischen Kollegen in Jerusalem zusammengesessen und habe mit ihnen bei Wein und Zigaretten über Marx und Engels diskutiert. Zehn bis 15 Jahre später hatten dieselben Männer Vollbärte und gaben mir nicht mehr die Hand.

 

Was tut die EU, um dem Ziel von Frieden und Stabilität im Nahen Osten näherzukommen? Man hat das Gefühl, Europa handelt eher reaktiv…

Die EU hat in ganz wenigen außenpolitischen Fragen so etwas wie einen Konsens. Ob bei der Libyen-Intervention, im Syrien- oder im Irakkrieg, an dem die EU damals fast zerbrochen ist – es gibt innerhalb der Europäischen Union viele Streitigkeiten und ganz unterschiedliche Ansätze bei den ganz brennenden Fragen. Man wird als EU im Nahen Osten auch schon lange nicht mehr ernst genommen. Die USA ziehen sich schon seit langer Zeit zurück, die Asiaten rücken wirtschaftlich ein, und Europa bleibt auf dem Scherbenhaufen der nahöstlichen Tragödien sitzen…

 

 

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Homs in Syrien: zerstörte Stadt (© Shutterstock)

Sind militärische Interventionen von außen (Stichwort „Krieg im Namen der Menschenrechte“) aus Ihrer Sicht die Lösung? Oder sollte man davon Abstand nehmen, den Ländern des Nahen Ostens die Demokratie aufzuzwingen?

Syrien hatte einen funktionierenden repressiven Wohlfahrtsstaat. Nicht demokratisch, sondern autoritär, aber es war ein Staat, der funktionierte, mit einem Gesundheits- und Schulwesen. Da mit Bomben hineinzufahren und zu sagen, wir bringen euch jetzt unsere Vorstellungen von der perfekten Regierungsform, halte ich für falsch. Die Demokratie im Westen in ihren unterschiedlichen Formen unterscheidet sich vom ethnisch geprägten Kommunitarismus im Nahen Osten. Mich hat immer fasziniert, dass dort alle zusammenkommen und so lange miteinander reden, bis sie einen Konsens unter Wahrung der Gesichter aller Beteiligten haben. Bei uns macht man sich, in öffentlicher Schmutzwäsche waschend, wechselseitig zur Schnecke, muss dann aber doch irgendwo wieder in Koalitionen miteinander arbeiten.

 

Intervenieren im Namen der Humanität ist also der falsche Weg?

Zweifellos. Ich habe mich 2002 gegen den Irakkrieg ausgesprochen, 2011 gegen die Libyen-Intervention. Man kann Demokratie und Menschenrechte nicht herbeibomben. Es ist eine ziemliche Arroganz zu sagen, wir erklären euch jetzt, wo euer politisches System langgeht. Denn aus der Warte eines Orientalen ist unser System nicht so großartig. Die Demokratie im Westen ächzt und krächzt: Brexit, Trump, die Bundespräsidentenwahl in Österreich – 51 Prozent fahren über 49 Prozent drüber.

 

Sie meinen also, Frieden in Syrien wird ohne Assad nicht möglich sein?

Ich bin kein Anhänger dieser Familie. Ich hatte jahrelang auch Einreiseverbot nach Syrien, weil ich, als ich 17 oder 18 war, bei einer Amnesty International-Kampagne für Folteropfer in Syrien dabei war. Ich habe in Syrien sehr schwierige Zeiten gehabt, habe aber nie zu den Stimmen gehört, die sagen: Assad muss weg, erst dann unterhalten wir uns.

 

In Brüssel hat man sich über die Wahl Donald Trumps brüskiert, über den Niedergang des Rechtsstaates in der Türkei gibt es vergleichsweise wenig Aufruhr. Warum geht der Westen so lax mit Erdogan um? Hat uns die Türkei mit dem Flüchtlingsdeal in der Hand?

Es gibt hier eine Analogie zu 1915. Damals war das Kaiserreich Österreich-Ungarn mit dem Osmanischen Reich im Ersten Weltkrieg verbündet. Man wusste vom Völkermord an den Armeniern, aber verschloss die Augen davor, weil man die Osmanen als militärische Verbündete brauchte.

Die Türkei ist das Land mit der höchsten Zahl an politischen Häftlingen. Das Augen-Verschließen hat Erdogan mehr Laufleine gelassen. Man hat den Kniefall vor Erdogan gemacht, und durch diesen mir unverständlichen Flüchtlingsdeal sind den Europäern die Hände gebunden.

 

Die islamische Welt war vor 30 oder 40 Jahren noch wesentlich liberaler als heute, und zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen bestehen heute stärkere Gräben. Warum hat sich das gedreht?

Angefangen hat es bereits in den 1960er-Jahren, Ende der 80er-Jahre hat sich die Lage dann drastisch verschärft. Ein Grund war der Sechstagekrieg in Israel 1967 – Israel hat sein Territorium in sechs Tagen um das Vierfache vergrößert. Das war eine große Niederlage für Ägypten, Jordanien und Syrien. Die Denkweise „Wir müssen uns wieder auf unsere alten Tugenden besinnen, unsere Frauen verhüllen etc., dann wird sich unsere technische Überlegenheit auch wieder ergeben“, hat sich damals manifestiert. Ich habe Anfang der 90er-Jahre einen marokkanisch-stämmigen Belgier gefragt, ob er aus Marokko ist. Er hat mir rüde geantwortet: „Ich bin Moslem.“ Das war eine neue Identifizierung: Wir sind transnational, wir sind alle Brüder und Schwestern einer größeren, besseren, überlegenen Weltanschauung.

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Karin Kneissl im Gespräch mit Redakteurin Maria Russ (© Wolfram Heidenberger)

Sie waren eine von denen, die schon zu Beginn der Migrationskrise im Sommer 2015 davor gewarnt haben, dass die – an sich sehr schöne – Solidaritätswelle in Österreich nach hinten losgehen könnte. Realisten wie Sie sind jedoch vielen Anfeindungen ausgesetzt und werden gerne ins rechte Eck gedrängt. Wie gehen Sie damit um?

Am Anfang war ich ziemlich irritiert. Ich habe einige Freundschaften und Bekanntschaften auf Eis gelegt.

Ich wies von Anbeginn auf die Prob­lematik hin, dass 80 Prozent der Asylwerber junge Männer waren – eine Aussage, für die ich als rechtsextrem hingestellt wurde. Man darf nicht mehr sagen, was Sache ist. Aber natürlich war die Willkommenspolitik ein Auswanderungsgrund für viele. Eine emotionale Asylpolitik, egal in welche Richtung, bringt nichts. Die Forderungen der sogenannten Rechten wie Grenzkontrollen sind indes Regierungslinie.

 

Niedrige Geburtenraten im Westen, rasantes Bevölkerungswachstum in der arabischen Welt und in Afrika, von wo sich Millionen auf den Weg nach Europa machen wollen – ist die Angst vieler Menschen, dass unsere Zivilisation ausstirbt, übertrieben?

Nein. Die Demografie ist etwas, das man nicht verändern kann, wenn einmal Fakten geschaffen wurden. Man kann ein politisches oder ein wirtschaftliches System durch ein neues ablösen, aber die Bevölkerungspyramide ist etwas Endgültiges. In unseren Breiten sprechen wir stets von der Überalterung, doch das wesentliche Problem der meisten Staaten der südlichen Hemisphäre ist der Jugendüberschuss. Allein in den 22 arabischen Staaten müssten laut UNO bis 2020 über 60 Mio. Arbeitsplätze geschaffen werden, um die arbeitslose Jugend unterzubringen. Daher wird der Migrationsdruck anhalten.

 

Was ist Ihr Appell an Österreich und Europa?

Mehr Realismus, weniger Naivität und zu begreifen, dass es einen Unterschied gibt zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik. Es ist das Anrecht der Jugend zu sagen, wir müssen die Welt retten, aber ab einem bestimmten Alter muss jeder, der für irgendetwas verantwortlich ist – ob für ein Unternehmen oder einen Staat – wissen, welche Folgen seine Handlungen haben. Ich lernte Arabisch und Hebräisch, um die Welt zu retten, aber mit 25 oder 30 begann ich zu verstehen – und es brach mir das Herz –, dass ich die Welt nicht retten kann.

Europa muss begreifen, dass es in erster Linie um die Interessen der Bürger geht, denn der Kern einer Staatlichkeit ist Steuer für Sicherheit. Ich mache mir mehr Sorgen um Europa als um den Nahen Osten, weil die Menschen dort weniger verwundbar sind. In Israel und Libanon fühle ich mich teils sicherer als in Europa.

 

Abschließend noch eine persönliche Frage: Weil Sie so viel Zeit dort verbracht haben – haben Sie je überlegt, einen Mann aus dem Nahen Osten zu heiraten?

Ja, meine erste große Liebe war ein libanesischer Christ.

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