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Editor's Mind Angelica Pral-Haidbauers Kolumne

Editor's Mind | 04.10.2021

Fragen wir doch!

Schon ein einfaches "Wie geht es dir?" kann für den anderen die Welt verändern. Also fragen wir doch

Gehörst du auch zu den beinahe zwei Millionen Zusehern, die mit Spannung im ORF das sechs­teilige Drama „Die Macht der Kränkung“ gesehen haben? Im Jahr 2015, als der bekannte Gerichtspsychiater Reinhard Haller das gleichnamige Sachbuch publizierte und ich darüber ein Interview führte, hätte ich nie gedacht, dass aus den beschriebenen Fallbeispielen je ein Film entstehen könnte. Agnes Pluch ist dies mit einem großartigen Drehbuch gelungen und Regisseur Umut Dag hat die Schauspieler entlang von sechs Psychogrammen in eine Tiefe ihrer Darstellerkunst geführt, die ihnen alles abverlangte. Eine Seelenschau, wie sie im TV kaum zu sehen ist. In der Anfangssequenz ein Amoklauf in einem Einkaufszentrum, im Zentrum jeder Folge dann jeweils ein zutiefst gekränkter Mensch, wobei jedem der sechs topbesetzten Protagonisten der gezeigte Amoklauf zuzutrauen ist. Doch wer dreht letztendlich durch? Für die meisten überraschend, ist es die Figur des „selbstlosen Helfers“ Oliver, gespielt von Daniel Langbein. Für den sympathischen Schauspieler aus Kleinzell war dieser Dreh „ein wilder Ritt“, wie er mir im Interview „The point of no return“ ab Seite 88 verrät. Auf die Frage „warum gerade Oliver?“ findet er es bemerkenswert, „dass während der ganzen Zeit vor dem Amoklauf niemand Oliver auch nur einmal fragt, wie es ihm geht oder ob er Hilfe braucht. Er ist in Wahrheit komplett isoliert.“ Eine Antwort, die mir zu denken gab.


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(© Shutterstock)

Wie geht es dir? Sind diese Worte nicht längst zur inflationären Floskel mutiert? In den leistungsdominierten Metro­polen dieser Welt wurde die Frage „how ARE you“ längst von „how are you DOING“ abgelöst – auf die man ohnehin gar keine Antwort erwartet, ähnlich dahingesagt wie das oft ins Publikum geworfene „love u all“ bei internationalen Preisverleihungen. Die aufrichtige Frage „wie geht es dir“ braucht nämlich Zeit. Zeit, dem anderen zuzuhören. Reden wir, wenn dich etwas bedrückt. Du bist mir wichtig! Angesichts der statistisch erhobenen Tatsache, dass ein durchschnittliches Ehepaar täglich nur noch zehn Minuten miteinander spricht, wundert es nicht, dass in einer zunehmend sprachlosen Zeit alte Erzähltechniken unter dem Begriff „Storytelling“ Eingang in den therapeutischen Dialog der Psychotherapie gefunden haben oder auch als Managementmethoden angewandt werden. Reden wir. Von Angesicht zu Angesicht. Drücken wir uns nicht mit Mini-Botschaften über WhatsApp und schnell geklickte Emojis aus. Denn nur durch das Aussprechen werden aufgestaute Gefühle leichter. Es muss ja nicht gleich ein Amoklauf sein, der mit einem achtsamen und hinwendungsvollen Gespräch verhindert werden kann.

Liebe Leserinnen und Leser, auch in dieser Ausgabe haben sich wieder viele Menschen bereit erklärt, mit uns zu reden. Sich Zeit genommen und uns das Vertrauen geschenkt, Euch ihre Geschichten weiterzuerzählen. Dafür danken wir ihnen, vor allem aber jenen Frauen, die gerade durch eine schwere Zeit gehen. Und falls Euch etwas bedrückt, wünsche ich Euch, dass da immer jemand ist, dem Ihr offen sagen könnt, wie Euch gerade zumute ist.

Eure Angelica Pral-Haidbauer
Chefredakteurin