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Editor's Mind Angelica Pral-Haidbauers Kolumne

Editor's Mind | 01.12.2021

Ich bin ein von Perfektion getriebener Deko-Fan

… und plötzlich kommt Bewegung in die mit Schaukelpferden bestickte Decke unterm Baum. Herzflattern!

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(© Shutterstock)

Kinder, wie die Zeit vergeht! Diese Worte des 1878 geborenen Schriftstellers und bedeutendstem Erneuerer des evangelischen Kirchenliedes, Rudolf Alexander Schröder, gewinnen in meinem Leben Jahr für Jahr größere Bedeutung. Habe ich doch das Gefühl, gerade erst die Weihnachtsdeko im Keller verstaut zu haben, so ist es nun wieder an der Zeit, die Kisten zu öffnen und das Haus erneut zu schmücken. Ja, wie schnell die Zeit vergeht, aber die Erinnerungen bleiben. Jene Erinnerungen, die wir mit Weihnachten verbinden, und sich tief in unsere Herzen eingeschrieben haben. Auch ich habe so ein besonderes Weihnachtserlebnis. Als nämlich unsere älteste Tochter in Kalifornien studierte, die Flüge im Dezember viel zu teuer waren und ich wusste, dass wir sie schmerzlich vermissen würden. In einer Zeit ohne Handy oder WhatsApp, nur mit einem Festnetztelefon am Berkeley College, welches nahezu immer besetzt war. Uns blieben lediglich lange Briefe, die oft zwei Wochen unterwegs waren.

Und dann kam der Heilige Abend. Jedes Jahr dieselbe Zeremonie. Der Raum mit dem Christbaum bleibt verschlossen bis ich das Privileg habe, nach einem einfachen Essen in der Küche, die Kerzen anzuzünden und das Glöckchen zu läuten. Sterndlwerfer, Gitarre, „Stille Nacht“ singen, Weihnachtsevangelium lesen – und ein schweres Herz haben, weil eines der Kinder einen Ozean weit weg ist. Und dann noch – als ein von Perfektion getriebener Deko-Fan – feststellen zu müssen, dass die Geschenke irgendwie schief liegen. Jetzt kommt auch noch Bewegung in die mit Schaukelpferden bestickte Decke unter dem Baum! Herzflattern. Langsam entpuppt sich das schönste Geschenk, das ich je zu Weihnachten erhalten habe. Unsere Tochter! Über eine Stunde hatte sie, wurstartig in die Decke gerollt, ausgehalten; von der weiten Reise und der Tatsache, dass es meinen Lieben tatsächlich gelungen war, diese Überraschung vor mir verheimlichen zu können, gar nicht zu reden. Ein Weihnachtswunder. Mein Weihnachtswunder. Ich weiß heute nicht mehr, welche Geschenke es damals gab, ich habe nur das Gefühl, mein Kind nach fast zwei Jahren wieder im Arm zu halten, die Erinnerung an die Umarmungen der fünf Geschwister und die unendliche Dankbarkeit, dass wir als Familie wieder zusammen waren, noch so präsent in mir. Vater, Mutter, Kinder, Weihnachten.

Liebe Leserinnen und Leser, wir erleben gerade eine Zeit, die uns vieles abverlangt, doch allem zum Trotz wird es wieder Weihnachten und wir werden ein neues Jahr begrüßen. Achten wir jetzt ganz besonders aufeinander und lassen wir ein Weihnachtswunder geschehen. Jeder für sich, sei es auch noch so klein. Das wünsche ich Ihnen und all Ihren Lieben aus ganzem Herzen!


Bleiben Sie gesund,
Ihre Angelica Pral-Haidbauer
Chefredakteurin