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Editor's Mind Angelica Pral-Haidbauers Kolumne

Editor's Mind | 02.05.2022

Dürfen wir in Zeiten wie diesen nach Glück streben?

Ja? Nein? Vielleicht? Betrachtungen von Chefredakteurin Angelica Pral-Haidbauer.

Dürfen wir in Zeiten wie diesen überhaupt noch nach Glück streben? Dürfen wir uns um unser eigenes Wohlbefinden kümmern, wenn gleichzeitig so viele Menschen überall auf der Welt um ihr Leben und um ihre Rechte kämpfen? Ja, schreibt die Philosophin Ariadne von Schirach in ihrem Buch „Glücksversuche“. Was also ist denn dran, an der Sache mit dem Glück? Nun, man kann sagen, das Glück hat Geschichte – von den alten Philosophen bis zu unserer heutigen, glücksprogrammierten Gesellschaft, wo sich eine ganze Industrie abmüht, uns das große Glück zu versprechen. Das Glück boomt, und es ist kompliziert. Wie kompliziert, das ließ uns schon der arme Goethe wissen, der tatsächlich behauptete, er wäre in seinem ganzen, langen Leben nur zwei Stunden glücklich gewesen. Ob das stimmt? Besonders angesichts dessen, welch wunderschöne Sätze uns der Dichterfürst zum Thema Glück hinterließ. Der Hirnforscher Manfred Spitzer schreibt: „Unser Gehirn ist nicht dafür gebaut, dauernd glücklich zu sein. Aber es ist süchtig, nach Glück zu streben.“ Das Glück besteht also aus Momenten, weil wir ein andauerndes Glück nicht ertragen. Vielleicht hatte Goethe ja recht, wenn seine zwei Stunden die Kette glückseliger Augenblicke waren – und für sein Leben reichten.

Tatsache ist, dass dieses Streben nach Glück so übergroß zu sein scheint, dass Psychologen forderten, dem Glück ein eigenes Schulfach zu widmen. Neben dem Institut für europäische Glücksforschung, inspiriert vom Wiener Glücksforscher Herbert Laszlo, starteten  Schulen von der Steiermark bis ins indische Delhi, dort unter der Schirmherrschaft des Dalai Lamas, mit dem Unterrichtsfach „Glück“. Aber es gibt auch Stimmen, die sagen, dass dieser Anspruch auf Glück „die Menschen unter Druck setzt, überfordert und sie letztlich in Kombination mit überzogenen Ansprüchen unglücklich macht, obwohl es ihnen eigentlich gut geht“. Das schreibt Sonia Laszlo, die Tochter von Herbert Laszlo, in ihrem Buch „Fuck Happiness“ und fordert ein Ende der Tyrannei des Glücks, einen Stopp im Supermarkt der Glücksgefühle.

Zwei Ansätze. Als goldener Mittelweg in Sachen Glückskompetenz gefällt mir persönlich der Ansatz von Ariadne von Schirach. Ihr „Glückskompass“, der sich auf den griechischen Denker Epikur bezieht, stellt nämlich die Freude am eigenen Leben und die Freundschaft mit anderen ins Zentrum. Nicht das „Auf-sich-selbst-Bezogene“ sondern das „In-Beziehung-sein“ mit unseren Mitmenschen, den Tieren und der Natur. Mit Dankbarkeit, Humor, Güte und Genuss. Vielleicht heißt das auch, keinen großen Glücksversprechungen hinterherzujagen, sondern mit Gelassenheit anzunehmen, was uns das Leben so bringt. „Life is what happens while you‘re busy making other plans.“ Das sagte John Lennon. Unerwartete Glücksmomente sind darin sicher inkludiert.

Viel Vergnügen mit unserer Mai-Ausgabe!

Herzlichst,
Ihre Angelica Pral-Haidbauer
Chefredakteurin