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Editor's Mind Angelica Pral-Haidbauers Kolumne

Editor's Mind | 06.07.2022

Wisst ihr, wonach ich mich sehne?

Nach der vielzitierten "Leichtigkeit des Seins". Was ist damit meine, ist nicht …

Wisst ihr, wonach ich mich sehne? Nach der vielzitierten „Leichtigkeit des Seins“. Damit meine ich nicht jene Leichtigkeit, wie sie schon Friedrich Schiller in „Über Anmut und Würde“ den Grazien als eine ihrer Hauptcharaktereigenschaften zuschrieb – sondern jener ganz profanen Leichtigkeit im geschichtsträchtigen „Summer of Love“. Einem Lebensgefühl, das alljährlich von vielen Agenturen als gängiges Schlagwort bemüht wird, um bunte Flower-Power-­Mode zu platzieren. Meine Generation hat diesen Sommer erlebt. Noch heute fühle ich jene Aufbruchstimmung in mir, als wir unser ganz persönliches Woodstock nicht in Bethel, sondern in der grünen Au unserer Heimatstadt zelebrierten. Als wir uns zu den Songs von Janis Joplin, Jimi Hendrix, Santana oder Led Zeppelin im heftigen Body-Shake verausgabten und uns als psyche­delischer Drogenersatz zuckersüßes Pepsi Cola und sprudelnde Sinalco genügten. Zu Hause jedoch legten wir unsere ganze musikalische Verve in die Pop-Ballade  „Yesterday“ der Beatles (die ja auch auf der Gitarre viel leichter zu spielen war), obwohl wir, außer unserer Kindheit, noch gar kein „Yesterday“ zu verbuchen hatten. Geblieben ist uns allen eines: der Traum von „Love & Peace“, der einer ganzen Generation diese Hoffnung mit ins Leben gab.

Heute träume ich wieder. Vielleicht ist es eine Art Flucht. Eine Flucht vor der ständigen Selbstkontrolle, vor Schuldgefühlen und Verzagtheit, die uns die Pandemie brachte, und welche die bekannte Studie des Rheingold-Instituts in der Diagnose „Melancovid“ zusammenfasste. Dieses Vermissen der früheren Unbeschwertheit wird nun seit dem 24. Februar noch getoppt vom „Kriegs-Tinnitus“, einem von Stephan Grünewald geprägten Begriff, der das Gefühl der Angst und Ohnmacht, wie auch dem Wunsch, dieser gewissen Unwirklichkeit zumindest für eine Zeitlang – auch im Traum – entfliehen zu können, beschreibt.

Liebe Leserinnen und Leser, wenn wir uns ins Träumen verlieren, so befinden wir uns in bester Gesellschaft. „Wir sind aus jenem Stoff gemacht, aus dem die Träume sind“, sagt der Zauberer Prospero in Shakespeares „Der Sturm“. Auch Mozarts Meisterwerke Figaro, Don Giovanni und Cosí hegen utopische Träume, und bei Richard Strauss wie auch bei Thomas Bernhard rückt ebenfalls der Traum in seinen unterschiedlichsten Deutungen ins Zentrum. Auch wir werden dem Traum als besondere Form des Bewusstseins in einigen Produktionen der wunderbaren Festivals, die uns heuer verzaubern und begeistern werden, begegnen. „Kunst ist Magie, befreit von der Lüge, Wahrheit zu sein“, schrieb Theodor W. Adorno. Lassen wir uns also voller Erwartung in die verschiedenen Formen des Kunstgenusses entführen. Es sind ihrer viele im Kultursommer Niederösterreich – sie werden uns guttun und auch zum Träumen bringen ...

In diesem Sinne,
Eure Angelica Pral-Haidbauer
Chefredakteurin