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Editor's Mind Angelica Pral-Haidbauers Kolumne

Editor's Mind | 04.10.2022

Über die Magie in und zwischen den Zeilen

Lesen verändert unsere Selbstwahrnehmung – und oftmals sogar unser Leben.

Glauben Sie, dass Bücher unser Leben nachhaltig beeinflussen können? Ich sage, ja, habe ich es doch selbst erlebt: Zu Weihnachten 2001 bekam ich von Tía Panchita und Tío Ramón, den Eltern der Schriftstellerin Isabel Allende, Francisca Llona Barros und Ramón Huidobro, ein sehr kostbares Geschenk. Sie schickten mir eine Originalausgabe des Buches „Paula“ mit einer in sehr herzlichen Worten formulierten, persönlichen Widmung der Autorin, weil sie wussten, mit welch großer Hingabe ich bereits Jahre zuvor „Das Geisterhaus“ gelesen hatte. Diese Bücher legten den Grundstein für die größte wissenschaftliche Arbeit meines Lebens. Ich untersuchte in einer interdisziplinären Studie und mit großer Unterstützung der Diplomatenfamilie Puccio-Huidobro, die seit Jahrhunderten Minister und Abgeordnete stellen, den Militärputsch gegen die Regierung Salvador Allendes, Isabels Onkel, ausgehend von ihrem erfolgreichsten Roman „La casa de los espíritus“. Sechs Jahre und tausend Seiten später hatte ich unzählige Interviews mit den Opfern der Diktatur Augusto Pinochets geführt, über deren menschenverachtende Folter in den Konzentrationslagern dreißig Jahre nach dem Putsch noch immer ein Mantel des Schweigens ausgebreitet war. Ich traf die damals verantwortlichen Militärs, die Präsidenten Chiles und Brasiliens sowie die großen Autoren der Exil-
literatur, die in die benachbarten Staaten und nach Spanien geflüchtet waren und dort den Schmerz ihres Volkes literarisch verarbeiteten. Es waren Jahre, die mich neu formten, und ich fühlte geradezu körperlich jenen „magischen Realismus“ lateinamerikanischer Schriftsteller, als ich nämlich in der chilenischen Botschaft in Brasília in jenem Bett schlief, in dem auch Pinochet genächtigt hatte ...

Warum ich Ihnen das erzähle? Weil ich gerade das Buch von Roland Schwarz gelesen habe, in dem er eine Reihe von Menschen vorstellt, deren Leben durch Bücher einen Kurswechsel erfuhren. Da ist Martin, der nach der Lektüre von „Moby Dick“ Kapitän werden wollte – heute fährt er als solcher über die Weltmeere. Ben las „The Lord of the Rings“ und studiert, begeistert von den komplexen alten Sprachen, Linguistik. Und Fabienne begibt sich, animiert von der „Knickerbocker-Bande“, als rasende Reporterin aufsehenerregenden Rätseln auf die Spur.

Liebe Leserinnen und Leser, für unsere Buchtipps lese ich mit großer Begeisterung eine Vielfalt heimischer Autoren. Um Ihnen diese nahezubringen, starten wir mit dieser Ausgabe einen neuen „Autoren-Talk“. Wir beginnen mit Andreas Gruber aus Grillenberg, dessen Gesamtauflage sich gerade der unglaublichen Fünf-Millionen-Marke nähert, und gratulieren herzlich zu diesem Erfolg!

Angenehme Lesestunden mit unserer Oktoberausgabe,
Ihre Angelica Pral-Haidbauer,
Chefredakteurin