Loading…

Editor's Mind Angelica Pral-Haidbauers Kolumne

Editor's Mind | 03.11.2022

"Unser Leben spielt sich an einem großen Tisch ab"

Hinter dem Zitat von "Mundl" bzw. viel mehr vom großen Karl Merkatz steckt eine Friedensbotschaft.

Bild IMG_3155.JPG
© Viktória Kery-Erdélyi

Novemberblues. Ein jährlich wiederkehrendes Seelentief, an welchem in Mitteleuropa jede vierte Frau und jeder fünfte Mann mit Symptomen wie Müdigkeit, Energielosigkeit und Heißhunger auf Kohlenhydrate leiden. Eine melancholische Verstimmung, gegen die wir immer gute Tipps parat hatten. Bis das Virus kam, und mit seinen Lockdowns den Novemberblues zur Nebensache erklärte. Im November 2022 ist es ausgestanden – so dachten wir, und wir können uns wieder auf heimelige Lichtquellen, viel Bewegung in der Natur, Vitamine und bunte Farben im Alltag konzen­trieren. Stattdessen fliegen uns im medialen Blätterwald rhetorische Pfeile wie „Taktische Nuklearwaffen“, „Dritter Weltkrieg“ und „Armageddon“ um die Ohren und treffen uns zielgenau. Eine vielfach geforderte Abrüstung der Worte hält nur bis zu den nächsten „Breaking News“. Wie also stehen wir Krisenzeiten besser durch? Dazu führte unsere Redakteurin Viktória Kery-Erdélyi ein Interview mit der Psychologin, Juristin und evangelischen Theologin Rotraud A. Perner, die zum Stellenwert der Kommunikation sagt: „Würden wir viel mehr miteinander reden, und zwar auf einem Niveau, das uns weiterbringt, würde es in der Welt anders ausschauen.“

Dieser Meinung ist auch Karl Merkatz, der große Schauspieler aus Wiener Neustadt, der am 17. November seinen 92. Geburtstag feiert: „Unser Leben spielt sich an einem großen Tisch ab. Das war mir immer wichtig, das ist Tradition, dass Konflikte oder Probleme am Tisch besprochen werden. Darauf habe ich auch im ‚Mundl’ bestanden“, sagte er mir einmal, als ich ihn in seinem „Quengert“ besuchte. Seinen legendär gewordenen Sager „Kriegst a Watschn, dass dir 14 Tag‘ der Schädel wackelt“ verweist der Meister der schönen Sprache als Privatperson in die Ecke seiner tollpatschigen, cholerischen Wiener Kultfigur.

Sprache schafft Realität. Worte können wie Medikamente wirken, Gespräche verändern sogar unser Gehirn, wie der in Wien geborene US-amerikanische Psychiater und Neurowissenschaftler Eric Kandel, der im Jahr 2000 den Medizin-Nobelpreis erhielt, schrieb. Was aber tun, wenn die Bezeichnung einer Süßspeise meiner Kindheit auf der Liste der Unwörter gelandet ist? Die himmlischen „Indianerkrapfen“, die in mir noch heute ein molliges Bauchgefühl auslösen. Sie, wie einst im Jahr 1820 beschrieben, als „zwei ausgehöhlte Biskuit-Halbkugeln, die mit vanilliertem Schlagobers zusammengesetzt, aprikotiert und mit Schokolade überzogen werden“ benennen? Und was ist dann bitte mit dem „Kaiserschmarren“? Ist die politisch korrekte Bezeichnung „eine versehentlich zerrissene Eiermasse, die 1854 zur Leibspeise des Ritters vom Goldenen Vlies wurde“? Sie sehen, Sprache ist und bleibt kompliziert. Vielleicht bleiben wir bei drei Wörtern, die immer wirken: „Alles wird gut!“

In diesem Sinne,
Ihre Angelica Pral-Haidbauer,
Chefredakteurin