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Editor's Mind Angelica Pral-Haidbauers Kolumne

Editor's Mind | 12.12.2022

Ich wünsche mir ein Weihnachtswunder

Und dekorieren werde ich mit Laternen, Strohsternen und Äpfeln.

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© AQILA Picture

In meiner Familie wurde immer viel erzählt. Besonders zur Weihnachtszeit, wenn alle zusammengekommen sind. Mit dabei auch immer unsere Tante Betty, die wir 107 Jahre lang lieben durften, die elf Bundespräsidenten, zehn Päpste und zwei Weltkriege erlebt hat, an der Akademie in Wien Malerei und Grafik studieren durfte und deren junger Ehemann im Krieg geblieben ist – noch vor der Geburt des zweiten Kindes. Gerne erzählte sie auch über jenen Tag im Jahr 1922, als sie als Elfjährige beim Begräbnis von Kaiser Karl war. Ihre kleine Familie hat sie dann mit Skizzen von Festspielproben und Bühnenbildern durchgebracht. Als ich sie einmal fragte, ob sie in ihrem Leben etwas vermissen würde, sagte sie: „Ich habe noch nie einen Liebesbrief bekommen.“ Also stöberten wir in der Literatur, fanden schwärmerische Liebesbriefe von Robert Schuhmann an seine Clara, Briefe voll Sehnsucht von Leo Tolstoi an seine Sofia, von Peter Tschaikowski an „seine unsichtbare Geliebte“ Nadeshda und natürlich die Briefe von Mozart an „sein liebstes, bestes Weibchen“ Constanze und bastelten daraus ein Buch. Stolz auf unser Werk, überreichten wir ihr unter dem Christbaum unser Geschenk, welches Tante Betty nach kurzer Lektüre mit den Worten „zu viel Liebe und zu viel Dramatik“ zur Seite legte. Umso mehr freute sie sich über einen zuckerlrosa Lippenstift ihrer Urenkelin, den sie mit den Worten „wann, wenn nicht jetzt“ gleich ausprobierte. Mit 105 Jahren.

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© Shutterstock

Ja, wann, wenn nicht jetzt. Ich habe mir für die heurige Weihnachtszeit vorgenommen, die funkelnden X-mas-Lichterketten durch Laternen zu ersetzen, die Dekoration mit Materialien aus der Natur zu basteln und den Christbaum nur mit Strohsternen, Äpfeln und Kerzen zu schmücken. Einfach und schön. Und wenn wir dann das Lied aus meiner Heimatstadt Hallein singen, werde ich einen einzigen, großen Wunsch haben: dass sich das Weihnachtswunder vom 24. Dezember 1914 wiederholen möge. Als sich nämlich im Pulverfass Europa an der 50 Kilometer langen Westfront in Flandern deutsche und englische Soldaten am oberen Rand der Schützengräben gegenüberstanden, einer von ihnen „Stille Nacht, heilige Nacht“ anstimmte und die anderen in ihren Muttersprachen einstimmten. „Das ist wirklich ungewöhnlich“, notierte der Schütze
Graham Williams von der 5. Londoner Grenadier-Brigade, „zwei Nationen singen dasselbe Weihnachtslied mitten im Krieg.“ Dieser Weihnachtsfriede, als alle die Waffen niederlegten und sangen, ging als einmaliges Ereignis in die Geschichtsbücher ein. „Stille Nacht“, ein Lied für den Frieden aus Österreich ...

Liebe Leserinnen und Leser, aus ganzem Herzen wünschen wir Ihnen eine besinnliche, friedvolle Adventzeit und frohe Festtage mit Ihren Liebsten!

Ihre Angelica Pral-Haidbauer,
Chefredakteurin