Loading…

Editor's Mind Angelica Pral-Haidbauers Kolumne

Editor's Mind | 08.04.2021

Ich bin neidig

… und zwar nicht der Zarin ob ihres teuren Schmuckstücks.

Bild shutterstock_1646926666.jpg
(© Shutterstock)

Zugegeben: Für mich ist nichts so vollkommen wie ein Ei. Der gelbe Dotter, geschützt von klarem Eiweiß, einer zarten Haut und einer dünnen Schale, die allerdings ziemlich viel ertragen kann. Vielleicht mag ich dieses Stück Vollkommenheit so gern, weil es für mich ein Sy­nonym für das Leben an sich ist. Aber nicht nur ich, auch alle großen Künstler haben sich dem Ei als Universalform für den Ursprung des Lebens angenommen.

Ja, und auch zugegeben (weil ein Quäntchen Luxus darf man sich ja ersehnen): Mich faszinieren Fabergé-Eier. Als im Jahr 2014 das Kunsthistorische Museum „Die Welt des Fabergé“ präsentierte, war ich natürlich dort, um aus den Sammlungen des Moskauer Kremls die Kunstwerke des wohl bedeutendsten russischen Juweliers und Goldschmiedemeisters am Ende des 20. Jahrhunderts, Peter Carl Fabergé, zu bestaunen. Abseits der Preziosen begegnete ich auch einer Geschichte, wie sie jetzt nicht besser passen könnte: „Es muss ein beeindruckendes Schauspiel gewesen sein, der Ostersonntag im Zarenpalast. Schon weil der Zar einen Busserl-Marathon zu bewältigen hatte, denn jedem seiner 1.600 Angestellten musste er dem Brauch nach drei Wangenküsse geben – macht 4.800 Busserl“, erzählte Olga Kronsteiner. Dazu bekam jeder ein Osterei, dem Rang entsprechend aus Porzellan oder mit Emaille verziert. Das prachtvollste erhielt die Zarin – eben die Kreation dieses gewissen Carl Fabergé. Im Inneren befand sich eine auf goldenem Stroh gebettete Henne, auf dem Ei die Zarenkrone aus Diamanten. Die Zarin war erfreut. In den folgenden Jahren fertigte Fabergé fünfzig Kunst­eier an, das wertvolle Krönungs-Ei der Zarin wird heute auf mehr als 24 Millionen Dollar geschätzt.

Warum mir das jetzt einfällt?

Weil ich neidig bin. Nicht der Zarin ob dieses teuren Schmuckstücks. Ich bin dem Zaren neidig, um die Möglichkeit Menschen zu umarmen, abzubusseln. Weil ich eine Umarmende bin, weil ich Menschen, die mir viel bedeuten, gerne an mein Herz drücke. Weil mir das nach einem Jahr Distanz so sehr fehlt. Aber ich wäre keine fünffache Mutter, würde ich nicht auch das Positive sehen, wie zu Ostern das Nesterlsuchen. Ich verzierte also Eier, backte Osterlämmchen, schrieb Kärtchen mit kleinen Botschaften und versteckte sie „meinen Menschen“ (frei nach der Übersetzung für das „my people“ meiner kleinen kalifornischen Enkeltochter) zum kontaktlosen Finden. 

Liebe Leserinnen und Leser, halten wir noch durch und bleiben wir uns im Herzen nahe!

Herzlichst,

Angelica Pral-Haidbauer

Chefredakteurin Niederösterreicherin