Loading…

Uschi Fellnerlook into my life

Uschi Fellner | 22.12.2020

Gedanken zu einem besonderen Jahr. Und was es mit meinen Kindern gemeinsam hat.

Dieses sehr besondere Jahr, lässt sich für mich in einem einzigen Satz zusammen fassen: Der Satz ist eigentlich eine Frage und war in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten das Mantra meiner Kinder.

Ich habe das Mantra tausende Male gehört und tausende Male verflucht und mir tausende Male auf die Zunge gebissen. Und etwas Liebes, oder zumindest Neutrales, geantwortet. Anstatt „Mir reicht‘s!“, „Ihr nervt!“ oder „Jetzt steck‘ ich euch endgültig ins Kinderheim!“ zu brüllen.

Das liegt eher nicht an meiner Engelsgeduld. Es liegt im Wesen dieser kleinen, harmlosen Frage, dieses unschuldigen Satzes, der sinnlos und weltbewegend zugleich ist: WANN SIND WIR DA?

Beamen wir uns kurz zurück, in die Zeit vor Corona. In Zeiten der unbeschwerten Urlaubs-Euphorie, die sich schon Wochen vor der geplanten Abfahrt oder des Abfluges oder des Ablegens beschwingt ihren Weg in die Herzen der Reisenden bahnte. Sobald WIR  uns reisemäßig in Bewegung setzten, bedauerte ich, kein Betäubungsmittel dabei zu haben, denn kaum, dass daheim die Türe ins Schloss krachte, stellten meine Kinder die Frage aller Fragen, die ihnen in den Genen liegt, so wie anderen Kindern ein großes Talent: „Wann sind wir da?“

„Wann sind wir da?“ war der erste Satz, den alle konnten. Sie konnten weder „Mama“ noch „Papa“ noch „Auto“ sagen, doch sie konnten „Wann sind wir da?“ formulieren. Wenn ich mich recht erinnere, hat der Jüngste dann den Rekord gebrochen, weil er schon als Neugeborenes auf dem Weg vom Krankenhaus nach Hause „Wann sind wir da?“ gewimmert hat, es war klar und deutlich zu vernehmen.

Bevor Sie jetzt einen verheerenden Eindruck von mir bekommen: Ich mag meine Kinder ausnehmend gerne. Ich habe ihnen großzügig verziehen, dass wir Autofahrten, die länger als dreißig Minuten dauerten, nur durch die Großzügigkeit des Schicksals überlebten, weil ich in der 31. Minute und nach der 123. „Wann sind wir da?“-Frage aus dem Seitenfenster kletterte und mich unter irrem „Jetzt sind wir endlich da!“-Gebrüll vom Dach des fahrenden Wagens stürzte.

Gut, also ich dachte zumindest häufig daran, die Situation so zu handhaben. Geantwortet habe ich meistens „Bald“. Oder „Eh gleich“. Oder, als sie noch sehr klein waren, „In eintausendfünfmillionen Minuten, bitte ab jetzt mitzählen“. Nur einmal, ein winziges Mal, verlor ich tatsächlich die Nerven, fuhr an der Autobahn-Station Föhrenberg ab, hielt an, riss die Hintertüre auf und brüllte: „Aussteigen! Ich fahre mit euch keine Sekunde mehr weiter!“

Bis heute bin ich den Rangen dankbar, dass sie mir die Schlagzeile „Irre Mutter setzte Kinder in Föhrenberg aus und warf im Anschluss, ganz alleine, einen Cappuccino ein“ ersparten. Mutter-Kinder-Beziehungen sind, wie alles im Leben, ein Geben und Nehmen.

Zurück in die Gegenwart. „Wann sind wir da ... wo wir hin wollen?“ Wann gehen die Zahlen der Positiven runter, wann kommt die Impfung, wann können wir reisen, wann wird alles besser? Wann wird es wieder so, wie es früher einmal war?

„Bald!“ und „Eh gleich!“ eher nicht. In eintausendfünfmillionen Minuten, vielleicht. Wahrscheinlich wird die Fahrt auf der Zukunfts-Autobahn von ein paar Stopps in - sagen wir - Föhrenberg unterbrochen, wobei ich meinen eigenen Zwischenstopp in Föhrenberg nicht missen will. Der hat mir repräsentativ gezeigt, dass Ausflippen die Lage nicht verbessert.

Die Kinder boten ihrer tobenden, doch ungebrochen liebenswerten Mutter damals Gummibärchen an, zusammen gekratzt aus den klebrigen Ritzen der Rückbank. „Danke“, sagte ich, warf alle Gummibärchen ein und fuhr gelassen weiter. Ich glaube, das ist jetzt so eine Art Empfehlung für 2021.

Heiter weiter. Bestimmt sind wir bald da, und wenn nicht, dann gleich.

 

 

Haben Sie einen guten Jahresbeginn und bleiben Sie gesund! Herzlichst, Ihre

 

Bild uschi signature.bmp
USCHI FELLNER, HERAUSGEBERIN UND CHEFREDAKTEURIN