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Uschi Fellnerlook into my life

Uschi Fellner | 13.10.2020

Schatzi nimmt ab. Schwierige Phase.

Der Herzensmann hat sich selbst auf Diät gesetzt, was mich rührt. Jeden Morgen springt er auf die Waage und triumphiert: „Wahnsinn, über Nacht ein Kilo weniger!“

Ei, wie ist das möglich? Ich kommentiere das nicht, weiß ich doch, was der Abend bringen wird: Der Herzensmann wird erneut die Waage besteigen. Einen Wimpernschlag länger als nötig oben bleiben, Auge in Auge mit dem leuchtenden Display. Dann wird er runter steigen. Und nichts sagen.

„Und?“, werde ich betont gleichgültig fragen. „Komisch“, wird er betont gleichgültig sagen. „Warum?“, werde ich betont gleichgültig fragen. „Weil ich schon wieder ein Kilo mehr als in der Früh hab‘“, wird er betont gleichgültig sagen.

Oft ist es ja so: Je knapper die Konversation, desto explosiver der Zündstoff. Ich habe nach unserem täglichen Ritual-Dialog deshalb drei Optionen:

1. Das Richtige zu sagen.

2. Das Falsche zu sagen.

3. Nichts zu sagen.

In den Achtzigerjahren gab es im Fernsehen eine Quizshow, die hieß: „1, 2 oder 3“. Der Moderator der Sendung, Schlagersänger Michael Schanze, rief ununterbrochen: „1, 2 oder 3! Letzte Chance, es ist vorbei!“

Wenn der Herzensmann sich betont  gleichgültig wundert, weil er abends ein Kilo mehr als morgens auf den Hüften trägt, fühle ich übermütige Spannung in mir, so wie Michael Schanze in seiner Quizshow. Ich höre mich dann automatisch reden, ungesteuert, ungebremst. Es quillt sozusagen ein Kommentar aus mir heraus, den ich kaum beeinflussen kann.

Hat der Herzensmann Glück, bahnt sich Option drei souverän ihren Weg, weil ich meine Ruhe haben will. Ich sag nix, er sagt darauf nix, alles gut.

Hat der Herzensmann Glück im Unglück, quillt Option eins aus mir hervor und ich sage das Richtige: „Wirklich komisch. Aber egal, ich liebe dich eh so, wie du bist.“

Der Genannte verfällt dann in die Stimmungslage „Bedeutsames Schweigen“. „Ich liebe dich, wie du bist“ impliziert ja eine, wenn auch kaum wahrnehmbare, Unperfektheit. Damit können Herzensmänner im Allgemeinen nicht gut umgehen, weil: sie sind immer und überall perfekt.

Die Herausforderung des Tages liegt in der zweiten Option: Wenn sich in meinem Kopf spontan die Botschaft formuliert, von der ich weiß, dass sie als Katastrophenmeldung ankommt, bevor ich sie noch aussprechen kann: „Kein Wunder, vermutlich hast du den ganzen Tag wieder lauter Schmarren indich hinein gestopft.“

Eins, zwei oder drei, letzte Chance, es ist vorbei.

Wenn ICH jetzt Glück habe, zieht sich Herzi-Mann, eingehüllt in eine Wolke aus schlechtem Gewissen und Beleidigtheit, in die Schmollecke zurück.Bleibt dort ein Weilchen. Und vergisst.

In 99,99 von 100 Fällen bleibt mir dieses Glück versagt. Dann höre ich den Abnehmwilligen absurdes Zeug polemisieren, selbst der psychologische Laie (also ich) erkennt, wie der Schwachsinn, befeuert von Widerstand, Gift und Galle, raumgreifend von ihm Besitz nimmt.

„Na eh klar, die Diät-Expertin vom Dienst gibt wieder ihren Senf dazu.“ Oder: „Kann du nicht EINMAL keinen blöden Kommentar abgeben?“ Oder: „Belehren kannst du die Kinder, aber nicht mich.“ Oder: „Musst du eigentlich ALLES IMMER kommentieren?“

Dreimal tiiiiieeeeef ausatmen.

Nun habe ich wieder drei Optionen. Erstens, das Richtige, aber eigentlich Falsche zu sagen, nämlich: „Stimmt, mein Schatz! Ich kenne alle Abnehm-Tricks der Welt, von gefühlten achtundsechzigtausend Diät-Geschichten, die ich im Laufe meiner Brotarbeit geschrieben habe. Also glaub‘ mir einfach und gib zu, dass deine Frau immer im Recht ist!“

Oder ich sag‘ das Falsche und eigentlich Richtige: „Schau! Du hast in den letzten Tagen kiloweise Selleriestangen verputzt und die eine oder andere Tafel Schokolade. Drei Kilo „Doppelnuss, zartbitter“ auf den Hüften sind in Ordnung, drei Kilo Selleriestangen am Bauch sind peinlich.“

Wenn schon zunehmen, dann mit Würde. Und dann wünsche ich mir ein beherztes „Schatzi, du hast Recht!“ Oder, wenn ich nach den Sternen greifen dürfte: „Schatzi, du bist vollkommen und ich bin ein ahnungsloser Wurm“. Bitte. Sag‘s doch. Ein einziges Mal nur!

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USCHI FELLNER, HERAUSGEBERIN UND CHEFREDAKTEURIN