Loading…
Du befindest dich hier: Home | Events

Events | 12.09.2016

Berühren, unterhalten, aufregen!

Knapp 70 BewerberInnen, mehr als die Hälfte aus dem Ausland, gab es für die Intendanz des Landestheaters. Das Rennen machte Marie Rötzer, eine gebürtige Mistelbacherin. Die Saison startet die „Heimkehrerin“ mit einem großen Fest – mit „Vorstadtweiber“-Star Philipp Hochmair.

Bild Die Welt ist groß und Rettung lauert überall, Matthias Loibner, Johannes Silberschneider, Zeynep Bozbay, Stanislaus Dick c Alexi Pelekanos.jpg
HEIMATSUCHE. „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“ feiert im September Premiere. (© Alexi Pelekanos)

NIEDERÖSTERREICHERIN: Sie übernehmen die Künstlerische Leitung von Bettina Hering. Wie hat sich die „Zepterübergabe“ gestaltet?

Marie Rötzer: Das war eine sehr angenehme und konstruktive Übergabe. Bettina Hering und ich kannten uns schon und haben uns immer wieder zu Gesprächen getroffen.

Sie starten die Saison mit einem vielversprechenden Eröffnungsfest für Groß und Klein – mit „Vorstadtweiber“-Star Philipp Hochmair. Was ist Ihr Herzenswunsch für dieses Event?

Am 17. September feiern wir den Beginn der neuen Theatersaison. Es gibt an diesem Tag ein Kinderprogramm mit vielen Überraschungen, mit Basteln, Schminken, Lesungen und vielem mehr. Am Nachmittag findet die Premiere des Kinderstücks „Traumfresserchen“ statt. Danach haben wir eine Ensembleshow geplant, und um 19:30 Uhr wird Philipp Hochmair seine konzertante Performance von Hugo von Hofmannsthals „Jedermann“ mit seiner Band zum Besten geben. Bei schönem Wetter werden wir dieses große Fest auf dem Rathausplatz mit Essen und Trinken feiern. Ich würde mich freuen, wenn so viele Gäste wie möglich zu uns kommen.

Was bleibt, was ist neu in der Spielzeit 2016/17?

Nach wie vor wird es Eigenproduktionen, Gastspiele, Lesungen, die Einladung von renommierten Autoren und das Bürgertheater geben. Auch ein fixes Schauspielerensemble ist weiterhin Bestandteil des Landestheaters, neben einigen bekannten SchauspielerInnen haben wir auch einige neue dazugeholt sowie neue RegisseurInnen, die ich im Laufe meiner Theaterzeit kennengelernt habe. Neu ist auch eine Jugendstückproduktion. „Der Junge mit dem Koffer“ wird an der Gastspielstätte in der „Bühne im Hof“ gezeigt. Außerdem planen wir ein Stückefestival mit Texten junger AutorInnen sowie Podiumsgespräche. Wichtig ist mir auch, Publikum außerhalb von St. Pölten, in ganz Niederösterreich, mit kleinen Veranstaltungen zu gewinnen.

In den vergangenen zwei Jahren gab es für die Arbeit am Landestheater sechs Nestroypreis-Nominierungen. Wie wichtig sind solche Auszeichnungen?

Eine Nestroypreis-Nominierung ist eine besondere Anerkennung der Theaterarbeit; das strahlt Medienaufmerksamkeit auf überregionaler Ebene aus. Aber in erster Linie wollen wir mit unseren Theateraufführungen das Publikum vor Ort begeistern. 

Worauf legen Sie in Ihrer Arbeit besonders großen Wert?

Theater macht für mich nur Sinn, wenn alle künstlerischen Ideen, Gedanken, Konzeptionen der Künstler und die Arbeit der Menschen hinter den Kulissen am Ende das Publikum berühren, sie unterhalten und ab und zu auch aufregen. Deshalb geht es mir darum, gesellschaftliche Bezüge herzustellen, Themen, Stoffe und Stücke zu finden, die uns heute beschäftigen und einen Raum für Fragen aufwerfen.

 

Berühren, unterhalten, aufregen!
Bild Philipp Hochmair (c) Krafft Angerer.jpg
JEDERMANN RELOADED. Philipp Hochmair bringt den Hofmannsthal-Klassiker als Performance (© Krafft Angerer)
Bild Marie Rötzer c Peter Hönnemann.jpg
HOMECOMING. Marie Rötzer war zuletzt Dramaturgin und persönliche Referentin des Intendanten am Thalia Theater Hamburg. (© Peter Hönnemann)

Sie waren als Dramaturgin und Chefdramaturgin, als Dozentin und Kuratorin viel in Österreich, Deutschland und der Schweiz unterwegs. Hat Ihre aktuelle Intendanz ein Fünkchen mit Sehnsucht nach der Heimat zu tun?

Ich hatte in meiner Zeit im Ausland zum Glück immer intensiven Kontakt zu meiner Familie und meinen Freunden in Österreich. Heimat ist für mich mehr ein Gefühl, das ich mit Vertrautheit und Geborgenheit verbinde, aber nicht zwingend mit einem Ort. In vielen Stücken, die wir für die nächste Spielzeit auf dem Programm haben, geht es um das Thema „Heimat – Fremde“, wie in Ilija Trojanows Dramatisierung „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“ oder in Josef Winklers Romanadaption „Roppongi“. Die Möglichkeit, jetzt am Landestheater all meine Theatererfahrungen zur Wirkung kommen zu lassen und zu sehen, wie das Publikum damit umgeht, ist für mich fast noch eine größere Herausforderung als an einem Theater im Ausland. 

Sie waren zuletzt persönliche Referentin des Intendanten am Thalia Theater Hamburg und hatten etwa bei Gastspielen laufend Kontakt zum Landestheater in St. Pölten. Worin liegt der Unterschied beim Publikum?

Ich habe sowohl in Hamburg als auch in St. Pölten ein sehr theaterbegeistertes Publikum erlebt, das ganz offen mit den Aufführungen umgegangen ist. Meine Erfahrung ist, dass das Publikum sehr mündig und sehr individuell agiert, das heißt, jeder Zuschauer hat seinen eigenen Geschmack. Am Ende ist es die künstlerische Qualität, die besteht.

Im Programmheft schreiben Sie vom Theater als „Spiel- und Denk-raum ohne Grenzen für neue gesellschaftliche Modelle und Lebensformen“. Wir stecken in einer Zeit voll schwerer Krisen, Konflikte und Ängste. Was kann Theater bewirken – und wie sieht für Sie persönlich eine „ideale“ Gesellschaft aus?

Mein Ideal sieht so aus, dass unser gemeinsam erarbeiteter Wohlstand die Grundlage ist, um ihn mit sozial Schwächeren zu teilen, und die ökonomischen Ressourcen Freiräume für Chancengleichheit schaffen, für Bildung, Kultur und Toleranz. In unserem Theaterprojekt „Utopia“ wollen wir alternative Lebensformen, wie sie in Niederösterreich bereits an vielen Orten realisiert werden, in einer globalisierten Welt aufzeigen. 

Sie hatten zuletzt in Deutschland gelebt, geboren wurden Sie in Mistelbach. Wo und wie werden Sie nun leben?

Meine Wohn- und Lebenssituation sieht ein bisschen aus wie die einer Nomadin. Ich werde zwischen St. Pölten und Wien pendeln, die Theaterferien in den Salzburger Bergen verbringen und so oft wie möglich meine Familie im Weinviertel mit seinen romantischen Weinbergen besuchen. 

 

www.landestheater.net