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Events | 30.07.2018

Hotspot THALHOF

Selbstmord oder Mord? Und das Motiv? „Thalhof Wortwiege“, das etwas andere Sommertheater, wagt einen Tauchgang in die menschliche Psyche. Das Interview mit Schriftstellerin Theodora Bauer.

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PREISGEKRÖNT POINTIERT. Die junge Dramatikerin Theodora Bauer glänzt mit viel Tiefgang. (© Viktória Kery-Erdélyi)

„Chikago“, erst mit dem Preis der Theodor Kery Stiftung ausgezeichnet, trägt sie bei ihren Lesungen hinaus in die Welt. Ein Theaterstück ist gerade im Entstehen, die Vision von einem neuen Roman, der in der Region um Wiener Neustadt spielen wird – einer Stadt, die während der Weltkriege beinahe von der Karte gelöscht wurde – sieht sie immer klarer vor Augen. Jetzt aber, diesen Sommer, ist die Schriftstellerin Theodora Bauer am Thalhof in Reichenau angekommen.

Am Fuße der Rax. Die Magie dieses Ortes war unter bröckelnden Fassaden begraben. Einst galt er als Hotspot der Intellektuellen aus Wien, Arthur Schnitzler und Co. gingen ein und aus. Als Josef Rath das Kurhaus kaufte, begann er zu renovieren – und den kreativen Geist wiederzuerwecken. Dazu lud er die Regisseurin und Dramatikerin Anna Maria Krassnigg ein, eine leidenschaftliche Theaterfrau der Gegenwart. Mit „Thalhof Wortwiege“ bietet sie ein vielfältiges Programm inklusive dem Angebot, sich mit interessanten Persönlichkeiten auszutauschen. Marie von Ebner-Eschenbach, einst selbst Gast am Thalhof, hat es ihr angetan. Seit 2017 entblättert die Intendantin die Vielfalt ihres Schaffens; heuer lässt sie die Klassikerin auf die Einakter der jungen Autorinnen Anna Poloni und Theodora Bauer treffen. Die gebürtige Burgenländerin trafen wir am Thalhof zu einem Gespräch über die bevorstehende Premiere, den Feminismus und die tragischen Missverständnisse darüber …


NIEDERÖSTERREICHERIN: Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Intendantin Anna Maria Krassnigg?
Theodora Bauer: Begegnet sind wir einander bei einem Festival, wo mein Stück „papier.waren.pospischil“ aufgeführt wurde; es hat sofort Klick gemacht: für eine professionelle „Arbeitsliebesbeziehung“ (lacht). Sie hat mir mit glühenden Augen von Ebner-Eschenbachs „Das tägliche Leben“ erzählt und ich wusste sofort: Das will ich machen. Das ist eine fast postmoderne Geschichte, es hat ein bisschen etwas Detektivisches. Eine Frau, deren Leben, Ehe, Kinder perfekt scheinen, bringt sich am Vorabend zu ihrer Silbernen Hochzeit um. Eine Freundin reflektiert darüber und kommt zu einem beunruhigenden Schluss. Ich habe einen modernen Dreh dazu gemacht: In meiner Fassung bringt die Frau ihren Mann um …


Wie findet dein Stück zu jenem von Ebner-Eschenbach?
Der Thalhof war um die Jahrhundertwende der Society Hub; alle die Rang und Namen hatten, kamen hierher. Anna Maria (Intendantin, Anm.) will diese Leute in ihrem Schaffen ans Licht bringen und mit zeitgenössischem Theater kontrastieren. Unter dem Titel „Avanti Marie“ richtet sie einen modernen Blick auf Werke von Ebner-Eschenbach. Schon das Plakat ist unglaublich gut: Es ist dies ein „facemerge“ der drei Autorinnen (grafisch gelöster Gesichtsmix, Anm.). Gegenübergestellt werden jeweils an einem Abend ein Stück von Ebner-Eschenbach und unsere Einakter.

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FASZINATION THALHOF. Um die Jahrhundertwende gingen dort Schnitzler und Co. ein und aus. Das Kurhaus erlebt nun ein schillerndes Comeback. (© Viktória Kery-Erdélyi)

Im Feminismus geht es auch darum, die Geschlechts­rollen von Männern zu reflektieren. - Theodora Bauer

 

Sommertheater hat zumeist einen leichtfüßigen Touch. Anna Maria Krassnigg schickt voraus, dass sie Tiefgang und Humor bieten will …
Qualität und Humor schließen einander nicht aus. Meine Stücke finden immer an der Grenze von Komischem und Profundem statt. So ist auch das Leben: Es ist nie alles komplett sinnig, nicht immer alles tief; ganz komische Dinge fließen mit Tragischem zusammen. Mir geht es um die Zugängigkeitskomponente: Ich möchte Theater machen, das sich die Leute wirklich anschauen, das niemanden ausschließt.


Du hast erfolgreich mit deinen Romanen durchgestartet. Warum überhaupt Theater?
Ich höre oft, dass beim Lesen meiner Bücher Filme im Kopf entstehen und dass ich ein Talent für das Dialogische habe. Das macht mir auch unglaublich viel Spaß! Bei einem Buch malst du die ganze Welt selbst; du bist verantwortlich für die Kulisse, für die Charaktere, du führst Regie. Im Theater musst du dich auf andere Leute verlassen, die auch noch was anderes sehen, und das ist gut so. Da musst du die Essenz in die Dialoge packen. Das ist eine Kondensationsaufgabe wie beim Einkochen von Marmelade (lacht).


Wie ist das Gefühl am Thalhof?
Die haben diese Hütte schon nicht schlecht platziert! (lacht) Wenn man da reinfährt in diese Art Talsohle, dann eröffnet sich einem nach und nach der Blick auf dieses wunderschöne Gebäude – am Fuße des Berges, wie ein verwunschenes Schloss. Der Thalhof ist schon an sich eine Bühne!


Du und Ebner-Eschenbach (1830–1916): Was ist das Einende, was das Trennende?
Ich war überrascht, welche modernen Sachen diese Frau zustande gebracht hat. Die ständige Moral von der Geschichte – das ist wohl eher das Trennende. Ich mag es, wenn die Dinge für sich sprechen. Doch dieses Unbeugsame, das Interesse für die sozialen Gegebenheiten um uns herum und für scheinbar einfache Charaktere, die unglaubliche Stärke beweisen, das ist das Einende.


Bezeichnest du dich als Feministin?
Gar keine Frage, ja!


Was bedeutet Feminismus für dich?
Dass man sich anschaut, wie das Geschlecht immer noch unser Dasein beeinflusst. Eines der tragischen Irrtümer des Feminismus ist, dass es nur darum geht, Frauen höher zu bringen. Das ist ein wesentlicher Punkt, aber es geht genauso darum, die Geschlechtsrollen von Männern zu reflektieren. Wenn immer einer stark sein muss, der andere immer schwach, dann schadet das beiden.


Die #MeToo-Debatte …?
Es wurde viel bewegt, aber immer wenn es gesellschaftlich vorangeht, gibt es auch Backlashes. Wie die Diskussion darum, dass jetzt die Sinnlichkeit tot ist, dass niemand mehr mit irgendwem schlafen wird können. Da denke ich mir aber: Bricht euch da echt was ab, wenn ihr euch erkundigt, ob eure Avancen überhaupt erwünscht sind?
Du hast kürzlich bei einer spannenden Performance mitgewirkt: In einem Wiener Gerichtssaal haben fünf Autorinnen mit ihren Texten das Patriarchat angeklagt. Die Botschaft deines Textes?
Ich ging es von der Seite der Widerständlichkeit an: Wo wird das Patriarchat schon ausgehebelt? Ich habe die Erfahrung gemacht: beispielsweise im Fitnesscenter, wo junge Männer auf eine liebe Art miteinander in Verbindung stehen. Da kommt eine neue Fürsorglichkeit, die sehr schön ist.

Thalhof Wortwiege, Premieren ab 2. August 2018, thalhof-wortwiege.at