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Events | 20.12.2018

Ein Aufbruch in die Freiheit?

Geschlechterklischees bröckeln, es gibt die Pille, aber noch kein Aids. Filmemacherin Anita Lackenberger wirft mit dem Spielfilm „Ein Wilder Sommer“ einen völlig neuen Blick auf die Wachau in den 1980ern.

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DREHPAUSE. Jürgen Tarrach (Dorfwirt Schorsch) und Dagmar Bernhard (Anna) auf der Ruine Aggstein (© Produktion West / pressefotoLACKINGER)

"Ein Wilder Sommer – die Wachausaga“. Der Titel tänzelt leichtfüßig daher, aber mit Anita Lackenbergers neuem Film taucht man tief unter das Glitzern der Donau. Es mögen fiktive Geschichten sein, aber sie bilden eine Realität in den 1980er-Jahren ab, die nicht nur dort, nicht nur das Leben damals prägten. Es ist ein Film über die Liebe und das Leben, über den Aufbruch von Frauen und den Zusammenbruch von jenen Männern, die zu ständiger Stärke gedrängt werden. Ein Film, der dazu bewegt, auch unser Heute zu hinterfragen. Das taten wir: mit Filmemacherin Anita Lackenberger persönlich.

NIEDERÖSTERREICHERIN: Worum geht es Ihnen mit diesem Film?

Anita Lackenberger: Was mich jenseits der Liebeleien beschäftigt hat: Wie sehr verändert sich alles, wenn die wirtschaftliche Kapazität im Dorf zusammenbricht, wenn die Fabrik vor Ort schließt? Was bedeutet das für eine Gemeinschaft, wenn sie keine Arbeitsplätze mehr hat? In einer Szene heißt es: „Ich putze doch in der Schule.“ – und das Gegenüber sagt: „Nächstes Jahr gibt es keine Schule mehr.“ Das ist das, was man auch heute im ländlichen Raum erlebt. Die Produktion, Arbeitsplätze, wo die Menschen mit ihren Händen etwas schaffen, ist eine Notwendigkeit in der Gesellschaft. Die Zusammenbrüche in „Ein Wilder Sommer“ manifestieren sich in gebrochenen Lebensträumen.

Man begegnet in Ihrem Film Frauen im Aufbruch …

Eine wirtschaftliche Basis ermöglicht jeder Frau einen Aufbruch. Natürlich kann auch Hausfrausein eine Möglichkeit sein, glückselig zu werden. Aber wichtig ist, die Wahl zu haben.
Ich komme aus einfachen Verhältnissen, meine Mutter war alleinerziehend. Mich interessieren Fragen wie: Wie kann sich da etwas entwickeln, wie ist es möglich, dass unterschiedliche soziale Schichten miteinander kommunizieren? Da ist die Geschichte von Anna und Karin: Was ist die Faszination zwischen der Arbeiterin und der Studentin? Möglicherweise hat Anna wegen ihrer einfachen Herkunft schon in der Schule durchbeißen müssen und jetzt erst recht, damit sie studieren kann. Damit hat sie eine Ebene, die sie mit Karin verbindet, die eine totale Bildungsferne hat. Doch in der Fabrik war sie wer. Es galt einmal, auf der einen Seite einfachen Leuten die Matura zu ermöglichen, auf der anderen Seite ein Bewusstsein für junge Leute zu schaffen, um einen schönen Beruf zu erlernen. Eine junge Facharbeiterin mit 20 kann einen ähnlichen Lebensplan wie eine Akademikerin haben. Das ist heute kaum noch so.

Sie haben erzählt, dass ein Arbeitstitel „Die Zeiten vor Aids“ war. Wieso?

Es gab die Pille, man wurde nicht mehr gleich schwanger und musste nicht beim ersten Freund hängenbleiben. Man war nicht mehr so prüde. Da war eine kurze Spanne, in der die Menschen begannen, Sexualität freier zu sehen. Mit Aids, einer tödlichen Bedrohung, kam auch der Konservatismus.
Was ich bei den Dreharbeiten erlebt habe, hat mich aber traurig gemacht. Ich schrieb eine Szene, in der die jungen Leute nackt im Teich schwimmen. Das zu drehen, wurde richtig schwierig. Natürlich hat man auch früher geschaut, dass man hübsch und schlank ist, aber heute haben die Leute Angst – vor Facebook und davor, dass man nicht perfekt aussieht. Natürlich, es gibt die, die bewusst FKK machen, aber einfach nur nackt schwimmen gehen – das traut sich heute kaum jemand mehr. Das waren keine Orgien, wir gingen damals einfach ins Wasser und haben uns nicht darum geschert, dass der eine Busen tiefer hängt.

Wir haben also auch Freiheiten wieder verloren?

Ja. Aber ich will nicht behaupten, dass es goldene Zeiten waren. Eines der erfolgreichsten politischen Interventionen der Frauenbewegung waren die Frauenhäuser, das wurde mir mit dem Film noch mehr bewusst. Denn damals gab es in jeder zweiten Familie häusliche Gewalt; diese Größenordnung hat sich verändert.

 

 

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MITTENDRINNEN. Regisseurin Anita Lackenberger (r.) und Partner und Produzent Gerhard Mader (l.) mit den Schauspielern Kristina Sprenger, Alexandra Kronberger, Jürgen Tarrach (© Produktion West)

Sie legen oft einen Fokus auf die Rolle der Frau. Bewusst?

Ich bin bei meiner Großmutter groß geworden. Im Haus sind lauter Kriegswitwen ein- und ausgegangen, die die furchtbarsten Geschichten erzählt haben, aber alles tolle Frauen waren. Die mussten zwei Kriege bewältigen. Ich komme nicht aus einer Akademikerfamilie, aber ich wusste mit zwölf, dass ich Geschichte studieren werde. Mein Vorteil war, dass es meiner Mutter wichtig war, dass ich die Matura mache und dass meine Großmutter immer gesagt hat: Bildung macht dich stark. Ich möchte nicht ausschließlich Frauenprojekte machen, ich sage nicht, dass Frauen „die Besseren“ sind, aber ich will sie gleichberechtigt darstellen.

Wie stehen Sie zum Feminismus?

Feministin sein hat uns weitergebracht; ich sehe mich als Feministin. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit gibt es bis heute nicht. Wobei ich das differenzierter sehe. Mir ist es kein Bedürfnis, mich als Mechanikerin zu beschäftigen. Jede Frau, die das tun will, soll das tun. Mir persönlich ist es lieber, dass eine Friseurin das Gleiche verdient, wie ein Mechaniker. „Frauentätigkeit“ muss die gleiche Wertigkeit haben.

Sie sind selbst Mutter; alles unter einen Hut zu kriegen, ist für Frauen bis heute eine Herausforderung …

Ich habe eine Tochter, die gerade mit dem Jus-Studium fertig wird, mein 16-jähriger Sohn war ein halbes Jahr in Kanada. Vielleicht hätte ich heute mehr Spielfilme, aber die Kinder waren und sind mir sehr wichtig. Ebenso, dass sie viel herumkommen. Wenn dann die Tochter vor fünf Jahren auszieht ... das bricht einem trotzdem das Herz (lacht). Oder sie für sechs Wochen für einen Freiwilligenjob nach Mexiko geht, in eine der gefährlichsten Städte der Welt …

Wie geht es Ihnen damit?

Eine Mutter, die bei der Befreiungsbewegung in der Sahara war, Minenfelder am Balkan besucht hat, kann der Tochter Mexiko schwer ausreden (schmunzelt).

 

 

Ich sage nicht: Die Frauen sind ‚die Besseren‘. Ich will sie gleichberechtigt darstellen.

Anita Lackenberger, Filmemacherin

 

Sie haben mit Ihrem Mann eine Filmproduktionsfirma; wie bringen Sie Beziehung und Arbeit in Einklang?

Ich bin seit 20 Jahren in einer Lebensgemeinschaft mit Gerhard Mader. Das Konzept Heiraten war nie meines (lacht), aber ich bin ein sehr treuer Mensch. Wir arbeiten und leben miteinander, wir sind ein kongeniales Team.

Was ist Ihr Geheimnis?

Eine sehr starke emotionale und künstlerische Brücke. Wir sind unterschiedlich, haben nicht viele Hobbys gemeinsam. Aber was die Arbeit betrifft, selbst wenn wir beim Schnitt unendlich streiten, gibt es schließlich eine fast 100-prozentige Übereinkunft. Und dann ist da noch eine große Emotion, die uns verbindet. Ein Geschenk.

Ihren Ausführungen wohnt der Appell inne, die Mittelschicht wieder zu stärken. Wie erleben Sie aktuelle Entwicklungen?

Ich kann von der Wahrheit immer nur einen Ausschnitt erzählen. Das macht meine Filme aus: ein neuer, subjektiver Blick. Mag sein, dass so mancher Probleme haben wird, wenn er sieht, was sich in den 1980er-Jahren in der Wachau abgespielt hat – abseits von Mariandl (schmunzelt). Aber diese Realität gab es; diese Zeit war ein prägender Moment. Ich will Dinge aufzeigen, ein Bewusstsein schaffen. Jeder einzelne, der ins Kino geht, hat eine Stimme. Vielleicht bewegt es den einen oder anderen, etwas zu tun – sei es, die Gewinnmaximierung zu hinterfragen.

Sie schreiben an einem neuen Drehbuch. Worum wird es gehen?

„Elfie“ ist eine herzzerreißende Geschichte. Es geht um zwei Behinderte oder zwei Menschen, die vielleicht nur ein bisschen langsamer sind. Sie verlieben sich in den 1960ern, sie wird schwanger. Es kommt zu einer Zwangsabtreibung, die beiden werden getrennt. Mich beschäftigen immer die Subgeschichten. Wie kommt ein Arzt dazu, eine Zwangsabtreibung zu veranlassen? Wie weit wirkt in den scheinbar freien 1960er-Jahren der Nationalsozialismus nach? Warum gesteht man den Beiden kein Kind zu? Wie geht man mit Behinderung um? Andererseits haben damals Behinderte noch „überall“ gearbeitet, in jeder Schicht gab es einen, der ein bisschen langsamer war. Heute sind sie in Heimen und Behindertenwerkstätten. Alles, was nicht gerade, schön und blond ist, ein schlimm faschistoider Gedanke, hat nichts mehr in unserer Gesellschaft verloren … Natürlich gibt es viele positive Entwicklungen, aber wir neigen auch immer mehr dazu, auszugrenzen.

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ÜBERZEUGEND. Dagmar Bernhard (l.) und Alexandra Kronberger zeigen als Studentin Anna und Fabrikarbeiterin Karin die Entstehung einer besonderen Freundschaft. (© Produktion West / pressefotoLACKINGER)

Ein Wilder Sommer – Die Wachausaga

Die 1980er. Anna studiert in Innsbruck, im Sommer unterstützt sie Onkel Schorsch im Wirtshaus in der Wachau. Dann sperrt die Fabrik zu, viele Dorfbewohner verlieren nicht nur ihren Job. Zwischen ihr und dem dorfbekannten Schürzenjäger entspinnt sich eine verhängnisvolle Liebelei, eine besondere Freundschaft entsteht, hinter den feschen Fassaden brodelt das „Familienleben“ … In den Hauptrollen: Tim Bettermann, Dagmar Bernhard (die beiden singen auch die Filmmusik), Alexandra Kronberger, Jürgen Tarrach, Gerti Drassl, Kristina Sprenger, Martin Leutgeb, Ute Heidorn, Johannes Seilern, Stefano Bernardin, Heinz Trixner. Ab sofort in den österreichischen Kinos.

www.einwildersommer.at

Anita Lackenberger

… wurde in St. Pölten geboren und wuchs als Tochter einer alleinerziehenden Mutter auf. Sie studierte Geschichte und gab in den 1990er-Jahren mehrere Bücher – von Rezeptesammlungen bis hin zur Auseinandersetzung mit Hexenfolterungen – heraus. Zahlreiche Dokumentation mit Tiefgang („50 Jahre Staatsvertrag“, zuletzt „Gerstenmehl, Brennesseln und Zichorien – Vom Essen in Kriegszeiten“) schuf sie als Filmemacherin, mit „Vals“ landete sie 2014 einen großen Kinoerfolg. „Ein Wilder Sommer – Die Wachausaga“ ist ihr zweiter Spielfilm; sie schrieb das Drehbuch, führte Regie, ihr Lebenspartner Gerhard Mader zeichnete für Kamera und Produktion verantwortlich (Produktion West). Anita Lackenberger lebt in Tirol und in Niederösterreich und ist Mutter eines 16-jährigen Sohnes und einer 23-jährigen Tochter.