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Events | 30.01.2019

Hildegard trägt einen Bart

Theater Jugendstil: Provokant pointierte Premiere in Bruck/Leitha lässt die Stimmung hochkochen.

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Theater Jugendstil-Gründerinnen Sophie Berger (li. alias "Hildegard") und Susanne Preissl (re.) mit Sofie Pint (Melina), Felix Stichmann (Lukas) und Regisseurin Paola Aguilera (© Viktória Kery-Erdélyi)

Wie im Stadion

Die jungen Reaktionen kamen spontan. Stille und Zurückhaltung auf der Seite der Mädels. Und auf der Seite der Burschen? Lautstarker Jubel. "An der Stelle, als der junge Mann an die Macht kam, fühlte ich mich, als wäre ich in einem Rugby-Stadion", wirkte selbst Regisseurin Paola Aguilera fast überrascht. PädagogInnen und andere Erwachsene – die Kids waren klar in der Mehrzahl, war es doch eine Premiere für Schulen – schienen zum Teil gar bestürzt. Gefällt den realen jungen Männern ein solch machoides Gehabe, das Frauen kompromisslos unterdrückt, wirklich?

Lassen wir das doch an dieser Stellen unbewertet und geben wir uns lieber der Hoffnung hin, dass die Aufführung in Bruck an der Leitha "GLEICH ungleich GLEICH" einen Prozess in Gang gesetzt hat. Denn genau das sieht das Theater Jugendstil als seine Mission: die Gesellschaft und – in der aktuellen Produktion im Speziellen – Rollenbilder zu hinterfragen. Wenn nun also Lukas und Melina – überzeugend gespielt von Sofie Pint und Felix Stichmann – irgendwann zu dem Schluss kommen, dass es nicht darum geht gleich, sondern gleichberechtigt zu sein, soll nur das Stück enden. Die mit Klischeebildern aufgestachelten Jugendlichen im Publikum sollen im Idealfall freilich weiterdenken und -diskutieren. 

Raoul Biltgens Teenager-Liebesgeschichte findet in einem Strudel aus Rollen-Konflikten statt; fast scheinen die gesellschaftlichen Zwänge und Vorstellungen die Gefühle des jungen Paares zu verschlucken. Schön, dass sich im letzten Moment die Notbremse ausgeht …

 

GLEICH ungleich GLEICH
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(© Sami Rezaei)
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(© Theater Jugendstil)
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(© Sami Rezaei)

Wann sind wir Feministinnen geworden?

Das Ensemble versteht es, die jungen Leute zusätzlich aus der Reserve zu locken: Smartphone-Messages werden inklusive pikanter Emojis auf die Bühne projeziert, die "Wünsch-dir-was-Fee" trägt Bart und Anzug, ist eine phänomenale HipHop-Tänzerin (Sophie Berger) und sie (oder er?) lässt probeweise einmal das Mädchen, dann den Burschen die Macht über das andere Geschlecht übernehmen. Die Inszenierung bzw. deren Wirkung setzte sofort beim Eintritt ein: das Publikum saß nach Geschlechtern getrennt in den Sesselreihen. Einmal mehr erstaunlich: Dem Theater Jugendstil – gegründet von Sophie Berger und Susanne Preissl – gelingt es, dass das jugendliche Publikum bis zum Schluss dranbleibt.

Dass – während die Burschen lautstark mitleben – die Mädels vergleichsweise zurückhaltend im Publikum agieren, sieht Sophie Preissl gelassen: "Das sind Schülerinnen. Wann sind wir Feministinnen geworden? Vielleicht mit 20."

"Theater kann nicht die Welt verändern, aber es kann die Menschen dazu bewegen, dass sie miteinander reden. Es kann nicht sein, dass man die Verantwortung für die Gesellschaft den Kids überlässt, da sind schon Eltern, Pädagogen, Führungskräfte, Politiker gefordert", betont Regisseurin Paola Aguilera. Was sie sich umgekehrt von den Jugendlichen nach dem Theaterbesuch wünscht? "Überlegt, wo ihr in 10 oder 20 Jahren stehen wollt, stellt den Erwachsenen Fragen – macht's die Gosch'n auf!"

Theater Jugendstil tourt nun mit dem Stück "GLEICH ungleich GLEICH" durch Niederösterreichs Schulen (es gibt hier immer wieder öffentliche Restplatzkontingente), zum Schluss gibt es jeweils ein Publikumsgespräch mit den AkteurInnen; die Wien-Premiere findet am 5. April 2019 im Theater Akzent statt.

Infos:

www.jugendstil-theater.com
www.akzent.at