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Events | 19.12.2019

Im Kino: Das schönste Aber

Es gibt sie überall: die Menschen, die aus eigener Kraft die Welt besser machen. Sie zu treffen, machten sich Erwin Wagenhofer und Sabine Kriechbaum zur schönen, herausfordernden (Lebens)Mission.

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(© Franzi Kreis) Privat und beruflich ein Team. Sabine Kriechbaum und Erwin Wagenhofer machten gemeinsam den Film „But Beautiful“ und schrieben das gleichnamige Buch dazu.

Wie erleben Sie schlechte Nachrichten? Hätten Sie manchmal Lust, den Kopf in den Sand zu stecken? Man würde auch viel Schönes verpassen. Wie jene inspirierenden Menschen, die Erwin Wagenhofer und seine Partnerin Sabine Kriechbaum trafen. Nach aufrüttelnden Arbeiten wie „We Feed The World“ schlägt der Filmemacher aus Amstetten neue Töne an: mit „But Beautiful“, seinem bislang aufwändigsten Projekt, holt er kluge und herzliche Weltverbesserer vor die Kamera.

NIEDERÖSTERREICHERIN: Ich wollte am liebsten im Kino sitzenbleiben, Ihr Film berührt sehr. Wie haben Sie die Arbeit daran erlebt?
Erwin Wagenhofer: Damit ein Film so eine Wirkung entfalten kann, wie Sie sie beschreiben – ich selbst könnte das nicht, weil ich so erzogen bin, dass Eigenlob stinkt (schmunzelt) – muss man mit dem Thema intensiv in Verbindung gehen. Das ist nicht nur lustig, sondern auch herausfordernd. Da können‘S in der Filmgeschichte schauen, wie viele Beziehungen auseinander gegangen sind; es passieren viele Enttäuschungen. Wir hatten allein für diesen Film 400 Stunden Material, da waren große, aufwändige Reisen, die wir „wegschmeißen“ mussten. Aus unterschiedlichen Gründen, das kann man in unserem Buch nachlesen (Kunstmann Verlag, Anm.).

Sie haben an Buch und Film viele Jahre zusammengearbeitet. Was bedeutete das für Ihre Beziehung?
Sabine Kriechbaum: Eine permanente Herausforderung. Gerade dieses Projekt hat uns immer wieder sehr an unsere Grenzen und darüber hinaus gebracht. Genau dadurch ist aber eine ganz neue Qualität entstanden. Wir waren ja gefordert – jeder für sich und auch als Paar – uns weiter zu entwickeln, weil die bisherigen Konzepte nicht mehr reichten, nicht mehr funktionierten. So ist durch lange anstrengende Phasen auch eine starke Verbundenheit entstanden.

Anders als Ihre bisherigen Arbeiten ist „But Beautiful“ stark von positiver Kraft getragen. Wieso?
Erwin Wagenhofer: Wir sind in einer Phase als Gesellschaft angekommen, in der wir so entmutigt sind, dass wir die Herausforderung gar nicht mehr annehmen wollen. Da braucht es die Kraft, wieder ans Gute zu glauben. Das ist nicht naiv, darum auch das „but“ im Titel; es ist immer beides da. Durch den Dalai Lama – das war zunächst gar nicht geplant – bekommt der Film ein spirituelles Element, das aber wenig mit Religion zu tun hat. Selbst der Dalai Lama sagt, dass das Beten allein nichts bringt. Für die Menschen persönlich schon, aber wir retten damit weder das Klima, noch bringt es ein neues Wirtschaftssystem. Spiritualität aber wäre notwendig, damit wir auf Herausforderungen gefestigt reagieren, nicht hysterisch werden. Damit wir nicht die Flinte ins Korn werfen und sagen: „Ist schon wurscht, kauf‘ ich mir halt ein Auto mit 700 PS.“

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Jetzt im Kino. Nach kritischen Arbeiten wie „Alphabet“ ist Wagenhofers aktueller Film ein Plädoyer, sich für das Schöne zu öffnen.

… nun kommt sogar die Schwester vom Dalai Lama vor – eine weise Frau mit starken Statements. Die Begegnung war quasi eine glückliche Fügung …
Einen Film kann man nicht machen, der passiert (lacht)! Ich hatte etwas anderes vor. Der Film stellt die Hypothese auf, dass man – vereinfacht gesagt – ein besseres Leben führt, wenn man in Verbundenheit lebt. Das ist heute wissenschaftlich belegt. Wenn ein Musiker, der 40.000 Stunden Klavier in seinem Leben gespielt hat, sich ans Klavier setzt, wird ein Areal im Hirn aktiv, das er trainiert hat. Dieses ist größer und ausgeprägter als bei einem jungen Mädchen nach 30 Stunden Klavierspielen. Richard Davidson hat sich der Mindfullness-Forschung (Achtsamkeitsforschung, Anm.), die sich damit beschäftigt, nach einer Begegnung mit dem Dalai Lama verschrieben; dort wo das seinen Anfang nahm, in Tibet, wollten wir den Hirnforscher treffen und filmen. Wir haben schon allein zwei Jahre gebraucht, um an ihn ranzukommen – und irgendwann wusste ich: So wie ich die Szene wollte, klappt es nicht. Da saß ich nun mit meinen Leuten in Indien und ein Schweizer sagt zu mir: „Weißt du wer das ist? Die Schwester vom Dalai Lama.“ Ich gehe also zu ihr, sie spricht sehr gut Englisch und in dem Moment, in diesem Gespräch wird schnell klar: Sie ist die Rettung!

Sie sagen, die weibliche Kraft war Ihnen in dem Film sehr wichtig. Wieso?
Eines unserer Hauptprobleme ist, dass das Männliche und Weibliche aus der Balance geraten sind. Das drückt sich in jedem Bereich aus; das Patriarchat bringt den Besitz, das Matriarchat kennt keinen Besitz. Dort wo Matriarchat ist, gibt‘s keinen Krieg. Das Männliche ist das Trennende, das Weibliche das Integrierende. Es braucht endlich die Gleichberechtigung.

Wie prägten Sie die Begegnungen mit den Menschen vor der Kamera?
Sabine Kriechbaum: Es war eine große Bereicherung und Inspiration, den Protagonistinnen und Protagonisten dieses Projekts zu begegnen. Mit einigen ist sogar eine Freundschaft entstanden, weil wir ja jeweils versuchen, zu den Leuten, mit denen wir arbeiten, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Wir nehmen uns dafür auch viel Zeit. Die Begegnungen hätten diesmal nicht unterschiedlicher sein können: Einmal mit Erwin Thoma (innovativer Forstwirt, Anm.) durch den verschneiten Wald zu stapfen und dann mit indischen Frauen zusammenzusitzen, wo es uns ohne Worte gelingt, in Beziehung zu treten. Das fand ich unglaublich wertvoll. Kenny Werner (Klavierspieler, Anm.) inspirierte mich nicht nur mit seiner wundervollen Musik, sondern besonders damit: „Don‘t quit the day before the miracle happened.“

Inspirierende Menschen.
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Szenen aus „But Beautiful“ mit Sängerin Lucia Pulido, dem Forstwirt Erwin Thoma, einer Inderin, die Solar-Kocher herstellt und Jetsun Pema, der Schwester des Dalai Lama. (c) Filmladen Verleih

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Szenen aus „But Beautiful“ mit Sängerin Lucia Pulido, dem Forstwirt Erwin Thoma, einer Inderin, die Solar-Kocher herstellt und Jetsun Pema, der Schwester des Dalai Lama. (c) Filmladen Verleih

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Szenen aus „But Beautiful“ mit Sängerin Lucia Pulido, dem Forstwirt Erwin Thoma, einer Inderin, die Solar-Kocher herstellt und Jetsun Pema, der Schwester des Dalai Lama. (c) Filmladen Verleih

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Szenen aus „But Beautiful“ mit Sängerin Lucia Pulido, dem Forstwirt Erwin Thoma, einer Inderin, die Solar-Kocher herstellt und Jetsun Pema, der Schwester des Dalai Lama. (c) Filmladen Verleih

Die Musik ist ein starkes Element im Film. Was bedeutet sie Ihnen?
Erwin Wagenhofer: Ich wollte immer Musiker werden. Wir sind vier Kinder, ich bin der älteste Sohn und habe drei Schwestern. Mein Vater, der leider schon verstorben ist, wollte uns alle ein Instrument lernen lassen. Als ich zehn war, hat er mich gefragt, was ich lernen will. Ich sagte Saxofon und er kam mit einer Trompete nach Hause. Bei meinen Schwestern war das ähnlich. Er hat uns lernen lassen, was er gern gehört hat. Ich wollte Jazzmusiker sein und habe gar nicht schlecht gespielt, aber was ich gespürt habe, konnte ich nicht auf die Trompete übertragen. Das habe ich mit 16 gemerkt und den Koffer für immer zugemacht. Mit 40 habe ich mir ein Saxofon gekauft und sofort gewusst: Das wär‘s gewesen.
Die Musik ist neben der Malerei die höchste Form der Kunst. Sie ist so direkt. Wenn das jemand beherrscht, dann spürt man das im Augenblick. Das erste Instrument ist die Stimme. Da ist diese zarte Frau im Film, die schüchtern ist, aber wenn sie dann auf der Bühne steht und sie „antaucht“ (kraftvoll singt, Anm.) – klingt das so archaisch. Das ist der Hammer!

Der Film sagt auch: In Verbundenheit kann man viel Gutes bewirken …
Der Trompeter beschreibt das schön, wenn er sagt: Wenn wir uns zu dritt fallen lassen (die Musiker, Anm.), ist es eigentlich egal, was dabei rauskommt. Wir lassen die Musik durch uns durch und das hat dann so eine Ehrlichkeit und Energie. Dann ist das wurscht, ob ein Ton gelingt oder nicht. Um dorthin zu kommen, beim Filmemachen und im Leben überhaupt, braucht es Vertrauen. Wir glauben, wir sind unzulänglich. Das Konkurrenzgefühl wird schon bei Kindern genährt, wo viel Bewertung über den Mangel passiert: Du kannst nicht rechnen, du schreibst schiach, zieh dich ordentlich an, sitz gerade …  Menschen, die verbunden sind – Vertrauen ist ein anderes Wort dafür – sind schwerer manipulierbar. Eine Konkurrenzgesellschaft bewirkt aber Spaltung. Das wäre nicht so dramatisch, wenn wir nicht vor einer Herausforderung stünden, die man als einzelne nicht bewältigen kann. Es kann nicht einer heldenhaft wie ein Cowboy mit der Pistole die Erderwärmung totschießen.

Macht Ihnen das Angst?
Es wird andere Generationen treffen. Aber ich fühle mich verantwortlich, weil ich der Generation angehöre, die nicht richtig reagiert hat, die es verschissen hat. Deswegen mache ich solche Filme, um dagegen zu steuern.

Was wünschen Sie sich: Wie soll der Film auf das Publikum wirken?
Sabine Kriechbaum: Ich freue mich, dass der Film Sie so berührt hat, wie Sie es beschreiben. Das ist genau das, was ich dem Publikum wünsche: ein bewegendes, emotionales Kinoerlebnis. Das ist sogar bei ersten Rohschnitt-Vorführungen geschehen, dass durch das Einlassen auf den Film bei allen im Raum eine große Berührtheit entstanden ist. Die Menschen wollten gar nicht sprechen, sondern das Erlebte noch auf sich wirken lassen. Etwas war entstanden, was vorher nicht da war: eine gemeinsame Berührtheit.

Hunderte Stunden Arbeit für einen Film, was ist Ihr Antrieb?
Erwin Wagenhofer: Ich habe das Glück, dass ich dort arbeiten darf, wo ich glaube, dass auch mein Talent liegt. Dieser Gabe, dieses Geschenks bin ich mir bewusst und versuche etwas davon zurückzugeben.