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Events | 04.03.2020

Die Krönung der Kasematten

Mit einem brandneuen Festival wird das revitalisierte Architekturjuwel in ein szenisches Universum namens „Bloody Crown“ verwandelt. Wir spionierten bei den Proben.

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Europa in Szene. Das „Bloody Crown“-Team (© Helmut Rasinger)

Es war quasi ein Running Gag vor der Eröffnung der Landesausstellung im Vorjahr. Wer wenige Tage davor noch behelmte Menschen und Absperrungen sah, wettete beherzt: Die Kasematten werden nicht rechtzeitig fertig. Bürgermeister Klaus Schneeberger schien seine Zuversicht nicht zu verlieren und behielt Recht. Das Mammutprojekt, das sich Wiener Neustadt vorgeknüpft hatte, nämlich die Revitalisierung der Wehranlage, deren Ursprung bis ins 12. Jahrhundert zurückgeht, wurde nicht nur fertig. Das Juwel erntet seither Standing Ovations.
Das Leuchtturmprojekt Kasematten sollte aber nicht nur temporär, sondern nachhaltig strahlen: Für die Ausrichtung des Festivals namens „Europa in Szene“ zeichnet nun Theatermacherin Anna Maria Krassnigg verantwortlich. Das mehrere Produktionen umfassende Programm „Bloody Crown“ startet am 5. März. Wir durften bei den Proben durchs Schlüsselloch spechteln und trafen sie zum Interview. Die Schauspielregie-Professorin am Max-Reinhardt-Seminar bespielte zuletzt mit  ihrer Compagnie „wortwiege“ den Thalhof in Reichenau an der Rax.

NIEDERÖSTERREICHERIN: Bei dem Gedanken an historische Mauern dachte ich, ich werde frieren. Nun kann ich den Mantel ablegen. Wie geht das?
Anna Maria Krassnigg: Fußbodenheizung (lacht)! Dieses Projekt ist unglaublich gut gelungen. Ich habe im Vorfeld viele tolle Wiener Neustädter getroffen, viel recherchiert, ich bin sehr begeistert von dieser Stadt. Als es um die Location-Suche für „Europa in Szene“ ging, habe ich sofort gesagt: „Wenn ich es mir aussuchen darf, dann will ich in die Kasematten.“

Wieso?
Ein Architekturkritiker hat es am besten beschrieben: Es herrscht hier „strahlende Finsternis“. Das ist ein Frührenaissance-Bau eines italienischen Baumeisters, ein Wehrbau mit weißen Mauern und hohen Bögen. Diese architektonische Schönheit bot einst Schutzräume und ich spürte, dass sie auch gut zu uns sein wird.

Wie kam es zur Programmierung?
Das war die größte Challenge. Ich bin mit meinem Dramaturgen noch mit Bauhelmen durchspaziert und wir haben überlegt: Was entspricht der Gewaltigkeit dieser Räume? Dann war es aber schnell klar: die Königsdramen. Auch weil das so aktuell ist: Es herrschen in der ganzen Welt – wenn überhaupt – Updates von Feudalherren; ich denke an Erdogan, Trump oder Orbán. Die Filmszene antizipiert oft gesellschaftliche Entwicklungen; Serien wie „Game of Thrones“ oder „House of Cards“ beinhalten das Narrativ der Königsdramen – wir holen sie ans Theater zurück. Natürlich geht es dabei immer auch um „rise and fall“ (Aufstieg und Fall, Anm.).

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Supporting Artist. Erni Mangold ist in Kurzfilmen zu sehen.

(c) wortwiege

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Spektakuläre Dimensionen. Leitungsteam Anna Maria Krassnigg und Christian Mair in den Kasematten

(c) Christian Mair

Sie spielen Shakespeares kaum bekannten „König Johann“. Warum?
Ich suche immer nach selten Gespieltem! Spannend ist hier diese „verhasste Figur“ König Johann, der große Teile des Imperiums verloren hat, es kommen tolle Frauen vor und ich habe eine sprachlich schlanke, witzige Überschreibung von Friedrich Dürrenmatt entdeckt, die ich auch noch abstaube.

Das ist eine vielversprechende Kulisse hier: zerfetzte Throne, ein riesiges Ross – und die Bühne sieht aus wie ein zerstörter Laufsteg …
Das ist tatsächlich eine abgebrannte Tafel von rund zehn Metern Länge, die die Schauspieler teilweise in hohen Schuhen und wahnsinnig tollen Kostümen bespielen. Das Bild stellt eine Dystopie dar; das kann ein zerstörtes Europa 2080 sein, wenn wir unsere Probleme nicht in den Griff kriegen …

Sie spielen zwei Stücke, das Bühnenbild im zweiten Raum ist  nicht minder besonders, hier gibt es sogar eine Wasserfläche …
Die Konstruktionen sind auch insofern bemerkenswert, weil alles denkmalgeschützt ist und man mit größter Sorgfalt und ohne an den Mauern etwas zu verschrauben arbeiten muss. Hier adaptieren wir Olga Flors „Die Königin ist tot“.

Wieso Olga Flor?
Sie ist nicht ohne Grund preisüberhäuft; sie ist eine der interessantesten österreichischen Autorinnen. Olga Flor ist sprachlich großartig, ebenso wie es die Durchdringung ihrer Figuren ist. Das hier wird tatsächlich die erste Uraufführung eines Romans von ihr sein.

Worum geht es?
Es ist eine moderne Fassung des „Macbeth“-Stoffes – aus der Sicht der Lady Macbeth, die Rechenschaft über ihre Tat ablegen muss. Es geht hier um eine höchstattraktive Frau aus Europa, die es schafft, über den Teich zu springen und einen Medientycoon in Chicago heiratet. Der verlässt sie für eine Jüngere, um sie „zufrieden“ zu stellen, bekommt sie den zweiten CEO als Mann. Womit der Tycoon nicht rechnet: Die beiden verlieben sich. Genial dargestellt wird hier die Psychologie eines Mordes und auch wie sich der kollaterale Schaden der Macht auf die Frau auswirkt. Verblüffend: Der Roman erschien bereits 2012.

Zudem lädt der wissenschaftliche Kurator Wolfgang Müller-Funk renommierte Experten ein; die Bandbreite reicht von Theater über Geschichte bis hin zu Psychoanalyse. Wie wird man ihnen begegnen können?
Die Kasematten werden zu einem „Bloody Crown“-Universum: Im „Salon Royal“ finden Publikumsdiskussionen statt, es gibt auch Termine, an denen man beide Stücke an einem Tag erleben kann. „Europa in Szene“ ist ein richtiges Festival, das im besten Sinne zum Ausnahmezustand in Wiener Neustadt führen soll – und zwar nachhaltig; dies hier ist erst der Startschuss.

Sie haben zu „Bloody Crown“ auch Filme gemacht. Werden die gezeigt?
Ja! Unser Supporting Artist ist die große Erni Mangold. Wir haben im Vorfeld drei Videos mit ihr produziert: Sie schlüpfte in die Rollen verschiedener Machthaber. Hinzu kommen noch „Bloody Clips“, die die verblüffende Aktualität der Königsdramen zeigen.

 

EUROPA IN SZENE

„Bloody Crown“: 5. März bis 19. April, Theaterfestival in den Kasematten, Wiener Neustadt, Bahngasse 27.
Nähere Infos, Spieltermine und Videos: www.wortwiege.at