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Events | 14.09.2020

„Die Menschen müssen jetzt mal lachen“

Für die „Vorstadtweiber“ steht sie vor der Kamera, am Landestheater führt sie Regie: die vielseitige Ruth Brauer-Kvam über ihre Neugier für den Mechanismus der Eifersucht, ihre Abneigung für Unvorhersehbares und ihr Riesenprojekt 2021.

NIEDERÖSTERREICHERIN: Sie inszenieren am Landestheater „Molières Schule der Frauen“. Das rund 400 Jahre alte Stück thematisiert, dass die Intelligenz der Frauen für die Männer …
Ruth Brauer-Kvam: ... eine Gefahr ist!

Wie sieht Ihre Interpretation aus?
Mich interessiert an diesem Stück der Mechanismus der Eifersucht. Im Stück hat eine Hauptfigur den abstrusen Gedanken, dass, wenn ein Mädchen unwissend ist, es ihn nicht betrügen kann. Das ist natürlich ein komplett überzogener Wunsch, aber diesen Mechanismus haben wir bis heute in uns drinnen, wenn auch in einer anderen Form. Wir müssen uns einfach überlegen: Wie weit kann ich einem Menschen einfach vertrauen, weil ich in mir selber ruhe und mir selber vertraue und ihn nicht irgendwie umändern muss, damit er mir bleibt?

Es geht also nicht einzig um eine feministische Herangehensweise, der Gedanke richtet sich also an uns alle?
Absolut. Natürlich ist es ein irrsinnig patriarchalischer Zug: Die Frauen wurden seit jeher unterdrückt, verhüllt, für unrein erklärt, wenn sie die Regel haben. Wie viele Zwänge mussten wir und unsere Vorgängerinnen erleiden? Bis heute gibt es Länder, in denen Mädchen keine Bildung bekommen und gleichzeitig habe ich feministische Pamphlete sogar von 1620 in Frankreich gefunden. Der Weg ist ein langer, das zeigt auch die Corona-Zeit, in der viele Frauen mehrfach belastet sind. Es ist ein langer Weg, den wir aber gehen müssen!

Wird Corona in Ihrer Inszenierung einen Platz finden?
Ich habe zu Corona schon im Juni eine kleine Inszenierung im „Bronski & Grünberg“ (Wiener Theater, Anm.) gemacht, bei der wir drei kleine Acts in drei verschiedenen Räumen hatten. Diese Molière-Produktion ist gleichzeitig die große Saisoneröffnung für das Haus in St. Pölten; wir werden nicht rum­knutschen auf der Bühne, aber Corona wird nicht thematisiert. Die Menschen müssen jetzt einfach mal lachen!

Sie haben ein Buch geschrieben und illustriert mit dem Titel „Mit guten Gedanken kann man fliegen“. Ist das Ihre Lebensphilosophie?
Ja, wobei ich sagen muss: Das Buch ist ein ganz langer Satz; schreiben kann ich nicht, ich habe es vor allem gezeichnet. Der Satz kommt von Peter Pan, der zu den Kindern sagt: Es gibt einen Sack voll mit Murmeln und jede Murmel steht für einen guten Gedanken. Je mehr Murmeln man hat, desto mehr kann man fliegen. Wenn man in die Positivität geht, wird alles leichter. Man kann aber natürlich nicht immer positiv sein, das Leben ist ja auch dunkel.

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Ruth Brauer-Kvam (*1972) studierte am Tanz-Gesangsstudio Theater an der Wien. Sie spielt, singt, tanzt – auf der Bühne („Cabaret“, „Gut gegen Nordwind“) und vor der Kamera („Vorstadtweiber“, „Herzjagen“). Ihre Regietätigkeit begann sie in Wien am Bronski & Grünberg mit „Wiener Blut“ (2018), dann folgte „Orpheus in der Unterwelt“ am Rabenhoftheater (2020) und sie unterrichtet an der Musik- und Kunstuni der Stadt Wien. Sie ist mit dem Musiker und Komponisten Kyrre Kvam verheiratet und Mutter zweier Töchter.

 

(c) Viktória Kery-Erdélyi

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Ruth Brauer-Kvam (*1972) studierte am Tanz-Gesangsstudio Theater an der Wien. Sie spielt, singt, tanzt – auf der Bühne („Cabaret“, „Gut gegen Nordwind“) und vor der Kamera („Vorstadtweiber“, „Herzjagen“). Ihre Regietätigkeit begann sie in Wien am Bronski & Grünberg mit „Wiener Blut“ (2018), dann folgte „Orpheus in der Unterwelt“ am Rabenhoftheater (2020) und sie unterrichtet an der Musik- und Kunstuni der Stadt Wien. Sie ist mit dem Musiker und Komponisten Kyrre Kvam verheiratet und Mutter zweier Töchter.

 

(c) Viktória Kery-Erdélyi

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Ruth Brauer-Kvam (*1972) studierte am Tanz-Gesangsstudio Theater an der Wien. Sie spielt, singt, tanzt – auf der Bühne („Cabaret“, „Gut gegen Nordwind“) und vor der Kamera („Vorstadtweiber“, „Herzjagen“). Ihre Regietätigkeit begann sie in Wien am Bronski & Grünberg mit „Wiener Blut“ (2018), dann folgte „Orpheus in der Unterwelt“ am Rabenhoftheater (2020) und sie unterrichtet an der Musik- und Kunstuni der Stadt Wien. Sie ist mit dem Musiker und Komponisten Kyrre Kvam verheiratet und Mutter zweier Töchter.

 

(c) Viktória Kery-Erdélyi

Was raubt Ihnen die guten Gedanken?
Stress, Krankheit, Terminwahnsinn. Alles, was aus der Balance ist.

Sie haben ein Stück für und über Ihren Vater, den Maler Arik Brauer, am Wiener Rabenhoftheater gemacht und in einem Interview gesagt, „weil er der Coolste ist“. Wieso, wie ist er?
Er ist als Vater schon einmal wahnsinnig lustig. Humor ist für mich ein Schlüssel für das Leben überhaupt. Und dann hat er mir im Leben ein paar ganz wichtige Dinge gezeigt, ohne dass er sie mir wirklich gezeigt hat, sondern weil er einfach so ist, wie er ist. Wie beispielsweise, dass man durch Beharrlichkeit viel erreichen kann und dass man keine Angst haben soll, eine Idee zu haben und sie sofort zu verwirklichen. Er hat mir gezeigt, dass man sich immer aufs Positive konzentrieren soll. Das sind unglaubliche Geschenke.

Er hat seinen Vater im Konzentrationslager verloren und musste sich selbst vor den Nazis verstecken. Wie hat das Ihr Heranwachsen geprägt?
Er hat nicht viel darüber geredet, aber über die Jahre kamen immer mehr Informationen. Ich glaube, er wollte uns schonen. Aber natürlich schwang das immer irgendwie mit, das kann man schwer beschreiben. Mittlerweile kenne ich das Ausmaß, die ganze Geschichte. Ich habe mich sehr viel mit der Thematik auseinandergesetzt und kann auch heute keine Nazi-Filme schauen, das macht mich fertig.

… und wenn Sie heute feststellen müssen, dass es Rassismus und Diskriminierung weiterhin gibt?
Das ist ein Zeichen für fehlende Bildung. Da können wir wieder zu Molières Stück zurückkehren: Es geht immer um Bildung. Je gebildeter wir sind, je mehr unsere Horizonte offen sind, desto besser haben wir es alle.

Sie sind die Jüngste in einem Dreimäderlhaus. Wie war Ihre jugendliche Rebellion?
Die war ziemlich hart, ich bin mit 16 ausgezogen. Meine Geschwister (Timna und Talja, Anm.) sind viel älter als ich, ich war lange eher ein Einzelkind. Heute haben wir einen super Kontakt.

Wie war es, so jung auszuziehen?
Super. Ich bin nach Israel gegangen; eine Schwester hat aber ganz nahe gewohnt, dadurch hatte ich immer jemanden, zu dem ich Bezug hatte. Es war für mich sehr früh wichtig, in die Unabhängigkeit zu gehen.

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Premiere. Das Landestheater Niederösterreich eröffnet seine Saison am 18. September mit „Molières Schule der Frauen“. Im Bild (v. l.): Emilia Rupperti, Michael Scherff, Laura Laufenberg, Tilman Rose Infos und Tickets: www.landestheater.net (© Alexi Pelekanos)

Ihre Töchter sind 7 und 15, wenn nun die ältere sagen würde …
... tschüss, baba? Ich würde das total respektieren. Aber wir haben ein wirklich gutes Verhältnis. Ich glaube nicht, dass das stattfinden wird. Ich verstehe aber, wenn man das Gefühl hat, man muss auf eigenen Beinen stehen.

Kyrre Kvam und Sie sind beide Künstler mit unregelmäßigen Arbeitszeiten, möglicherweise haben Sie auch mal Abende, die unvorhersehbar länger werden … Wie managen Sie das mit der Familie?
Es gibt bei uns nicht die Möglichkeit für Unvorhersehbarkeiten. Es ist alles ziemlich gut getaktet; wir schauen uns sonntags unsere Pläne an und teilen uns alles auf. Mein Mann ist Komponist, da gibt es auch immer wieder Phasen, in denen er viel zu Hause arbeitet. Dann gibt es wieder Zeiten, in denen ich mehr zu Hause arbeite, das hilft.

Sie sind seit 16 Jahren ein Paar und machen auch beruflich viel gemeinsam. Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis?
Wir haben denselben Geschmack, denselben Humor und wir ergänzen uns sehr gut: Er ist eher vorsichtig und gründlich, ich bin sehr draufgängerisch und ungründlich (lacht). Wir respektieren uns gegenseitig und ich vertraue ihm hundertprozentig. Wir haben ein sehr ähnliches Gefühl dafür, wie wir leben wollen. Aber wir haben auch unsere Bereiche und kleben nicht aneinander. Ich muss auch sagen: Er kommt aus einem skandinavischen Land, da gibt es tatsächlich ein anderes Verständnis für Gleichberechtigung.

Was passiert bei Ihnen in den kommenden Monaten?
Wir drehen „Die Vorstadtweiber“ weiter und ich spiele wieder „Cabaret“ (an der Volksoper Wien, Anm.). 2021 kommt dann ein großes, großes Projekt für die Volksoper. Ich inszeniere im Casino am Schwarzenbergplatz das erste Mal eine moderne Oper: Detlev Glanerts „Leyla und Medjnun“ anhand von einem schönen Märchen aus dem 12. Jahrhundert. Das ist ein Riesenprojekt für mich, auf das ich mich sehr freue!