Loading…
Du befindest dich hier: Home | Fashion

Fashion | 07.04.2015

Spitze bleibt spitze

Schuhdesigner Gerhard Wieser über Italo-Trends und das Geheimnis seines Handwerks. Warum er im Schuhkasten mehr Platz als seine Frau braucht, warum sein „Hole in One“ mit Golfen maximal sekundär etwas zu tun hat und welche Schuhe wir Frauen uns für die nächsten Monate sichern sollten.

Bild 20144670.jpg
Der Blick in Gerhard Wiesers Werkstatt fasziniert... (© Jürg Christandl)

Zwei paar große dunkle Augen. Zwei Volksschüler pressen ihre Nasen ans Schaufenster, staunen. Asghar Hashemi bearbeitet mit zielsicheren Bewegungen und stets einem Lächeln auf den Lippen feinstes Leder aus Italien. Das Handwerk habe er in seiner Heimat in Afghanistan von der Pieke auf gelernt. Doch nie in einer Schule. In Österreich hat er dann seinen Berufsschulabschluss absolviert und  zuletzt im Schuhmuseum gearbeitet. Glücklich, wer auf den Bus in der Wiener Gymnasiumstraße 32 wartet. Mit schnödem in die Luft Schauen muss dort nicht die Zeit totgeschlagen werden. Ein großes Schaufenster lockt mit einem nicht (mehr) alltäglichen Spektakel: dem Anfertigen von Maßschuhen. Geschäft und Schauwerkstatt gehören dem Niederösterreicher Gerhard Wieser: mehrfach preisgekrönter Schuhmachermeister, leidenschaftlicher Schuhdesigner farbkräftiger und elegant extravaganter Modelle.

Ob er selbst auch gerne in Klassiker schlüpfe? „Niemals“, lacht er. Und ein bisschen ist er fast empört. „Schuhe sind mein Markenzeichen. Die dürfen bei mir nie unter der Hose verschwinden, die muss man aus zehn Metern Entfernung sehen.“ Das hieße freilich nicht, dass er nicht die gesamte Palette der Klassiker für seine Kunden zu zaubern vermag. Doch er selbst trägt eben stets Eyecatcher, immer mit dem dazu passenden Gürtel. Neun Jahre in Italien prägen. „Da wirst du infiltriert.“ Mit der Liebe zu Mode, der Affinität einen Trend noch vor seiner Geburt abzupassen. Doch der Reihe nach.

Bild 20144405.jpg
Handarbeit. 25 bis 30 Stunden Arbeit stecken im Schnitt in einem Schuh (© Jürg Christandl)

Tradition trifft auf Rebellion

Gerhard Wiesers Geschichte klingt zunächst einmal nach viel Tradition. Doch mit der nötigen Portion an Rebellion, um den Weg der Vorfahren völlig neu zu pflastern. Der 40-Jährige, seines Zeichens Papa zweier Töchter – Marlene, 7, und Sara, 6, – ist Schuhmachermeister in dritter Generation. Allerdings übernahm er nicht das väterliche Geschäft in Würmla, Bezirk Tulln. Er lernte in St. Pölten, wurde später Skischuhentwickler bei Atomic. Anschließend verschlug es ihn nach Montebelluna, Italien. Knapp zehn Jahre lang war er dort Geschäftsführer bei Fischer Footwear. Als Wochenpendler. Eine Strecke: rund 650 Kilometer. „Ich war dort wie ein Helikopter, der über alle Bereiche den Überblick hatte. Von der Entwicklung bis hin zur Produktion“, schwärmt er. Nicht selten habe er sich einen Schuh mitgenommen und in der heimatlichen Werkstatt in Rassing daran getüftelt. „Dann habe ich ihn angezogen, bin auf die Berge und wenn ich gespürt habe, dass etwas nicht passt, habe ich ihn geändert“, erklärt er.

Im Laufe der Jahre wurde dem Familienpapa die Distanz zu seinen Lieben zu groß, die Zeit mit ihnen zu wenig.

Bild 20144735.jpg
(© Jürg Christandl)

Von Italien nach Wien

2012 entdeckte er, was er gesucht hatte: Ein Orthopädieschuhgeschäft in Wien, dessen Inhaber sich zur Ruhe setzen wollte. Ein Jahr später erfolgten im Team mit seiner Frau Birgit Übernahme und Umbau, dann die Eröffnung. „Natürlich habe ich auch am Land meine Kunden. Doch man braucht ein Ballungszentrum – und Menschen, die bereit sind für einen Maßschuh rund 1200 Euro auszugeben“, sagt er. 25 bis 30 Stunden Handarbeit stecken in einem Schuh, in einem Stiefel gar 40 Stunden. Dafür kaufe man Qualität für viele Jahre. Er selbst habe Exemplare im Kasten – dort besetzt er übrigens mehr Regale als seine Frau –, die bereits mehrere Jahrzehnte am Buckel haben. Und wer sich das leisten kann? „Wer sich das leisten will“, betont Wieser. „Ein Student hatte sich zum Abschluss einen Maßschuh anfertigen lassen, manchmal sind es Leute, die viel stehen – und natürlich auch Menschen, die etwas Besonderes haben wollen: wie etwa den passenden Schuh zum Oldtimer.“ Bis zur Fertigstellung eines Paares kommt ein Kunde im Schnitt drei Mal. Das Erstgespräch sei das Um und Auf. „Ich nehme Maß, sehe mir die Fußbeschaffenheit an, mache Fotos, bespreche, wie der Schuh eingesetzt werden soll...“, zählt er auf. Es wird der klassische Leisten angefertigt, anschließend ein Probeschuh.  Den ultimativen Komfort verspricht er mit seinen Hole in One-Modellen. Die Marke ließ er schützen. „Diese Schuhe sind aus einem Stück Leder, ohne eine einzige Naht, ohne eine einzige Druckstelle.“

Auf edlen Sohlen
Bild 20144769.jpg
Liaison: Zu jedem Schuh der passende Gürtel (© Jürg Christandl)
Bild 20144764.jpg
(© Jürg Christandl)
Bild 20144800.jpg
Nahtlose Sportlichkeit: Ein Hole in One (© Jürg Christandl)
Bild 20144809.jpg
Mit einer Prise Extravaganz (© Jürg Christandl)
Bild 20144781.jpg
(© Jürg Christandl)

Spitze bleibt spitze

Das Leder, darunter auch Exotisches wie Rindermagenleder – ein kräftig strukturiertes, textilähnliches Material – bezieht er aus Italien. Bis dato reist er einmal pro Monat dorthin, um die Kontakte zu seinen Lieferanten zu pflegen. Und selbst die Familienurlaube führen etwa in die Toskana, auf der Suche nach den besten Gerbereien. 90 Prozent der Schuhe, die seine Schauwerkstatt verlassen, sind Eigenkreationen. Er selbst ist ständig auf der Jagd nach neuen Ideen, weiß durch internationale Messen mindestens ein Jahr im Voraus, welche Richtung die Mode einschlägt. Übrigens Ladys: „Absolut in bleiben weiterhin spitze Fassons mit ganz schmalen Absätzen“, plaudert er aus dem (Schuh)Nähkästchen. Gerhard Wieser kauft aber auch durchaus Schuhe von der Stange. „Wenn ich sie zerlegen und analysieren will, da kann ich immer viel lernen.“ Denn man dürfe nie so überheblich werden und glauben, man habe die Weisheit mit dem Schuh... Pardon, dem Schöpflöffel gegessen...