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Fashion | 17.10.2016

Zier & Krone

Das Parkett der internationalen Politik war ihre Arbeitswelt – bis Niely Hoetsch in Wien ihren eigenen Wurzeln folgt. Mit großem Herzblut führt sie die berühmten Kopfschmuck-Kreationen ihrer brasilianischen Großmutter fort und bringt mit feiner Handwerkskunst Mädchen und Frauen unter die goldene Haube – als Neubelebung und spielerische Variante der Wachauer Trachten-Tradition.

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(© Maria Tsakiri)

Models: Jacqueline Sappert, Jacqueline Kahlová

Ölzeltgasse 5. Niely Hoetsch, die zierliche Designerin mit brasilianischem Temperament, empfängt mich freudig vor ihrem Atelier und drückt mir einen Parkschein in die Hand. Sie kommt mir vertraut vor, vielleicht weil ich mich eingelesen hatte, über die Welt, in der sie aufwuchs. Die Welt im Atelier ihrer Großmutter Ladomy in Goiânia, 200 Kilometer entfernt von Brasilia. Eine Welt voll Organza, Tüll, Seide, Kristallen, Perlen und Farben. Ihre Kinder-Welt, in der sie in der Werkstätte dem Geräusch der durch entschlossene Hand gerissenen Stoffe sowie dem zarten Schneiden der Blüten lauschte – und so ganz nebenbei den Duft ausgefallener Kreationen einatmete.

Der Weg in die Werkstätte von Niely Hoetsch führt durch ihren Brautsalon. In diesen Kleidern vermählen sich handgefertigte Spitze mit reiner Seide, perlenbestickter Tüll mit Organza, Traumroben mit Kopfbedeckungen. Aus einer alten Glasvitrine entnimmt sie die vollendete Réplique des „Juliet Cap“, welches Grace Kelly zu ihrer Hochzeit trug, gefertigt von ihrer Großmutter vor vielen Jahrzehnten – und nimmt das ebenso nachempfundene Solaine Piccoli-Kleid von der Stange, um dieses mit einem vier Meter langen Schleier zu dekorieren – ein Moment, der wohl jede Frau zum Träumen anregt.

„Hochzeiten“, erzählt sie, „werden in den Latino-Kulturen aufwendig zelebriert. Meine Oma, die gemeinsam mit meiner Tante immer bemüht war, die Wünsche ihrer Bräute zu erfüllen, war eine wahre Meisterin ihres Faches. Ich erinnere mich an eine Mantilla, die sie so wertvoll bestickte, dass sie 20.000 Euro kostete. Oder an die Damen, die wegen einer einzigen Blume für ihr Kostüm zu ihr kamen. Meine Oma hatte einen Rosengarten hinter dem Haus, da pflückte sie morgens eine Blüte, dann mischte sie genau in diesen Nuancen die Farbe, gab ihr die Form, und Stunden später war der Blumenschmuck fertig.

„Ich führe in meiner Arbeit die Tradition meiner Oma fort.“
- Niely Hoetsch

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Goldene Zierde. Alltagstauglich zu den wunderschönen Dirndln von Theresa Hirtzberger (© Maria Tsakiri)
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(© Maria Tsakiri)
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(© Maria Tsakiri)
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(© Maria Tsakiri)

Von der UNO in die Werkstätte. Es war der Großvater, der den Kindern der Familie den Rat gab, Medizin oder Zahnmedizin zu studieren, „denn jeder würde mal krank werden. Zu mir aber sagte er: Und du sollst Diplomatin werden.“ Also hat sie durchaus „mit großer Leidenschaft“ Politikwissenschaft und Internationale Beziehungen studiert und in der UNO gearbeitet. Nach Wien kam sie für ein Investment Promotion-Projekt der UNIDO (Organisation der Vereinten Nationen für Industrielle Entwicklung), welches sie mitgeleitet hat, und lernt ihren Mann, den Sportjournalisten Horst Hoetsch, kennen: verliebt, verheiratet, die Geburt der Kinder Carmen und Bruno, heute 15 und zwölf Jahre alt. Nach fünf Jahren zuhause bei den Kindern bemerkt sie, dass sie für ein Leben in Österreich nicht vorbereitet war, „andere Länder, andere Sitten“, und gerät darüber in eine „Phase des Jammerns“. Als sie ihre Familie in Goiânia besucht und Oma und Tante sich mehr in einem Projekt für Straßenkinder in Brasilia als für ihren Salon engagieren, ist das Atelier noch voll eingerichtet. „Wir sind alt und müde, wir wollen nicht mehr. Nimm das alles mit und fang in Wien etwas Neues an“, bittet sie die Großmutter. „Im Moment hat mich dieser Vorschlag sehr verletzt, denn in den 1970ern in Brasilien gab es keine Modeschulen. Da war man Schneiderin, und ich komme aus einer Akademikerfamilie und hatte studiert, war keine Handwerkerin“, erklärt sie die Zeit der aufstrebenden Bildungspolitik ihres Landes, ruft aber dann doch ihren Mann an und erzählte ihm davon. „Niely, es ist mir egal, was sie sagen und was du machst – Hauptsache ist, du jammerst nicht mehr!“, war die ehrliche wie auch befreiende Antwort. „Ohne Businessplan, nur mit dem Bauchgefühl, es zu schaffen, flog ich zurück und startete 2006 mein Atelier in Wien, vorerst in einem winzigen Raum neben unserem Haus. Meine Oma ist dann mit 92 Jahren gestorben, mir aber blieb die Erinnerung an ihre Anweisungen: ‚Niely, schneide das, mische das und färbe das‘ – und ich entdeckte, was sie mich gelehrt hatte und was ich konnte. Eigentlich ist es derselbe Prozess, ob als Projekt-Entwicklerin bei der UNO oder als Handwerkerin – am Ende bringst du beides auf die Bühne.“

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(© Maria Tsakiri)

Unter der Haube. Die Tochter einer Künstlerin und Restaurateurin ist fasziniert von jeglicher Art ethnischer Mode, ob es nun die Malagueña-Kostüme Spaniens oder die der peruanischen Quechua sind. Ihr Respekt vor Trachten ist ein großer. Bis vor Kurzem habe sie auch kein Dirndl getragen, weil sie sich fragte: „Erlauben mir die Österreicher, als Ausländerin, ihre Tracht zu tragen?“ Als sie mit Michaela Honies und Verena Schrack die Wiener Hochzeitsmesse „BrautSache“ kuratiert, lernt sie Theresa Hirtzberger, die Trachten-Designerin aus Spitz an der Donau, kennen, zu deren Dirndln sie vorerst die Blumenkränze fertigt – und die mit einer Erzählung den Grundstein für ihre neuesten Kreationen legt: „Weißt du, wie eine Wachauer Hochzeit läuft? Die Frau geht mit einer Mädchenhaube in die Kirche hinein und nach der Hochzeit bekommt sie von der Schwiegermutter die Frauenhaube aufgesetzt.“ Berührt von dieser Geschichte, beginnt Niely Hoetsch zu probieren; ihr erster Kopfschmuck als tiefe Reminiszenz an die Wachauer Mädchen-Bogenhaube entsteht. „Inspiriert von den Goldhauben der Käthe Fischer, wie auch die Hirtzberger-Mama eine trägt, möchte ich mit meinen Goldreifen den Goldhauben-Trägerinnen meinen Respekt erweisen.“ Mit dieser Aussage bringt Niely Hoetsch jegliches Konkurrenzdenken zur althergebrachten Brauchtumspflege zum Ersticken.

Eine Tradition mit Herzblut. Kostbar wie einen Schatz, entnimmt Niely Hoetsch die sorgfältig in Seidenpapier gewickelten Goldborten und Spitzen, Perlen, Kristalle, Steine und Goldzwirne aus Laden. „Sie sind noch von meiner Oma. Ihr fantastischer Duft ist voll von Erinnerungen an sie“, sagt sie, lässt nochmals dieses Bild des Ateliers in Brasilien vor mir entstehen und zeigt mir an Schablonen, wie sie mit vier Schichten Tüll begonnen hat, die ersten Goldreifen zu machen. Zwei Tage bestickt sie diese mit Goldborten und Steinen, eine Arbeit, die sich im Verkaufspreis nie rechnen kann. „Gerade war ich in Burano und habe Original-Spitzen, die noch in der aufwendigen Nadelspitzen-Technik Reticella geklöppelt werden, gekauft – wie andere zuvor in Marokko und Portugal.“ Mit feiner Hand holt sie das Handwerk ihrer Großmutter, extravaganten Kopfschmuck zu fertigen, ins Hier und Heute, vereint Stil und Noblesse ihrer brasilianischen Herkunft mit den tradierten Techniken der Wachauer Trachten und lässt damit Neues entstehen – als Zeichen dafür, dass sie nun auch als Mensch hier ganz angekommen ist.

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Niely Hoetsch. Die Designerin fertigt Headpieces für die Braut & zur Tracht in filigraner Handarbeit. (© Maria Tsakiri)
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(© Maria Tsakiri)

Trachten, Goldreifen & Headpieces
www.nielyhoetsch.com
www.theresahirtzberger.com

Ateliers:

Niely Hoetsch
Ölzeltgasse 5
1030 Wien


Theresa Hirtzberger
Hauptstraße 2
3620 Spitz an der Donau